Er war ein Meister seines Fachs: Michael Nebel kreierte die Schilcherlandtorte, bildete Nachwuchsbäcker und -konditoren aus und nahm Meisterprüfungen ab. 40 Jahre lang übte er seinen Traumberuf als Konditor aus. Dann war Schluss. Vor zwei Jahren musste er die Reißleine ziehen. Drei Bandscheibenvorfälle machten ihm das Arbeiten in der Küche unmöglich. Im Alter von 54 wurde er von einem Tag auf den anderen arbeitslos.

Scham und Verzweiflung

Heute kann der gelernte Bäcker und Konditor seine Geschichte mit einem Lächeln erzählen. Doch das war nicht immer so. Auf die Arbeitslosigkeit folgten Scham und Verzweiflung. Nebel, der davor sowohl politisch als auch im Sportverein seiner Heimatgemeinde Frauental an der Lassnitz aktiv war, begann Menschen zu meiden. Er hatte das Gefühl, dass die Leute hinter seinem Rücken reden würden: "Vielen fehlte das Verständnis", erinnert er sich.

Nach wenigen Wochen kam jedoch der Wendepunkt. "Ich habe schon immer gern gearbeitet und dachte mir irgendwann, dass es das doch nicht gewesen sein kann", sagt Nebel. Daraufhin nahm er die Hilfe des AMS in Anspruch. Man verwies ihn nach Graz ins berufliche Bildungs- und Rehabilitationszentrum (BBRZ). Nebel ging hin und setzte damit den ersten Schritt in Richtung beruflicher Neuanfang: In der Landeshauptstadt begann er im BBRZ mit Mitte 50 eine Ausbildung zum Bürokaufmann.

Fünf Jahre muss Michael Nebel noch arbeiten bis er in Pension gehen kann. Für ihn steht aber bereits jetzt: Er möchte auf jeden Fall länger in seinem neuen Job arbeiten
Fünf Jahre muss Michael Nebel noch arbeiten, bis er in Pension gehen kann. Für ihn steht aber bereits jetzt: Er möchte auf jeden Fall länger in seinem neuen Job arbeiten
© Andrea Jerkovic

Sein Alltag bekam dadurch wieder Struktur. 18 Monate lang nahm er von Montag bis Freitag um 6 Uhr in der Früh den Zug nach Graz. Am Rücken einen Rucksack mit Büchern und einer Jause. Um 17 Uhr ging es wieder retour. An den Wochenenden wurde gelernt. Leicht sei das nicht gewesen. Nebel war in seiner Gruppe der älteste Schüler. "In meinem Alter merkt man sich die Dinge schwerer. Noch wenige Wochen vor der Abschlussprüfung dachte ich nicht, dass ich die Ausbildung schaffen werde", gesteht er.

Er wollte es allen zeigen

Was ihm beim Durchhalten half, waren zum einen seine Familie und Freunde, zum anderen die erfolglose Jobsuche während der Ausbildung.  Ein Abschluss musste her. "Irgendwann hat es bei mir Klick gemacht. Ab da wollte ich es allen zeigen", sagt der heute 56-Jährige. Sein Eifer wurde belohnt: Die Lehrabschlussprüfung bestand er vergangenes Jahr im September mit gutem Erfolg.

Die Arbeitssuche blieb aber auch nach dem Abschluss eine Herausforderung. Jobangebote vom AMS gab es zwar, doch keines sagte Nebel zu. Er begann daher selbst aktiv zu werden. Nachdem er in einer Zeitung und auf sozialen Medien auf sich aufmerksam gemacht hatte, wendete sich das Blatt: Gleich drei Firmen meldeten sich bei ihm. Sie alle waren an seiner Mitarbeit interessiert.

Neue Aufgaben

Seit November arbeitet Nebel in seiner Heimatgemeinde bei der Photovoltaik-Firma Langmann Consulting. Er schreibt Rechnungen und Angebote, stellt für Kunden Förderanträge und bearbeitet Lieferscheine. Mit früher habe sein jetziger Beruf nichts zu tun. Das Backen vermisse er aber dennoch nicht. Das könne er immerhin auch in seiner Freizeit tun. Der neue Job gefällt ihm. Vor allem die Arbeit mit dem Computer. Sein Fazit macht Mut: "Niemand muss verzweifeln. Es gibt so viele Jobs. Man muss sich nur auf die Füße stellen und etwas tun."