In ihrer Jugend hätten Lilly und Bernd Hagg wohl nicht darauf verwettet, in späteren Jahren einmal einen Stoffdiskonter im südlichen Burgenland zu betreiben. Nach der Matura packte nämlich die gebürtige Wienerin ihre Koffer, um in Berlin an der Kunsthochschule Weißensee Malerei zu studieren. Ihr Mann dagegen holte sich den universitären Feinschliff im Creative Writing. Um über die Runden zu kommen, jobbten beide als Taxilenker.

Vor 23 Jahren übersiedelte man schließlich berufsbedingt nach Oberwart, wo Lillys Schwager ein Stoffgeschäft betrieb. Er hatte ihnen das Angebot der Mitarbeit offeriert. Im Vorjahr übernahmen sie das 200 Quadratmeter große Geschäft, als der Vorbesitzer in Pension ging. „Vor dem Wechsel gab es noch einen großen Abverkauf. Das trug zur Dezimierung des Warenbestandes bei. Das war insofern gut, da wir mit einem neuen, breiten Stoffsortiment losstarten konnten“, erzählt Lilly Hagg. Zugleich änderte man den Namen des Geschäftes: Aus „Stoffland“ wurde die „Stoffkiste“.

Qualitätsware zu fairen Preisen

In den raumhohen Regalen schlummern unzählige Stoffballen in den unterschiedlichsten Farben vor sich hin. Damit diese Ruhephasen nicht allzu lange andauern, verfolgt man in der „Stoffkiste“ die Philosophie, Qualitätsware zu sehr fairen Preisen anzubieten. „Wir halten die Gewinnspanne relativ gering, um einen regen Umsatz und zufriedene Kundinnen und Kunden zu haben“, konstatiert die Stoffexpertin.

Im Gegensatz zum Online-Handel sei in ihrem Geschäft eine Fachberatung gewährleistet. Auch sei der haptische Moment beim Anfassen des Stoffes, so Hagg, ein wichtiger Faktor bei der Kaufentscheidung. 

Lilly und Bernd Hagg führen gemeinsam die „Stoffkiste“ in Oberwart
Lilly und Bernd Hagg führen gemeinsam die „Stoffkiste“ in Oberwart © Franz Brugner

Umsatzbringer Möbelstoffe

Als Umsatzbringer nennt Hagg die Möbelstoffe, deren Bandbreite von der Mikrofaser bis zum Brokat reicht. Letzten Sommer seien Musselin-Stoffe der Verkaufshit gewesen, während sich jetzt in der kalten Jahreszeit der kuschelige Wollwalk großen Zuspruchs erfreue. Besonders freut es Lilly Haag, dass bei der Jugend das Nähen eine neue Renaissance erfährt: „Die eigene Kreativität zu erleben ist etwas Beglückendes.“ Vereinzelt würden sich auch Männer in die Kundschaft einreihen.

Lilly Hagg selbst collagiert mit Zwirn, Nadel und Nähmaschine unterschiedliche Stoffe zu Bildkompositionen. Einzelne Werke präsentiert die Künstlerin in der „Stoffkiste“.