Es war ein Prozedere, das alle kannten. Wenn Herr Alfred zu seiner Therapie in die Station B der Onkologie Fürstenfeld eincheckte, packte der Elvis Presley-Fan zuerst einmal seine Reisetasche aus und zog sein Hawaiihemd an. Insel-Feeling gegen den unheilbaren Krebs. Denn unter dem fröhlichen Muster versteckte sich der Portkatheter, ein dauerhafter Zugang für seine Chemotherapie. Die Leichtigkeit war seine Medizin gegen ein schweres Schicksal.
Denn Herrn Alfreds Diagnose datierte den Endpunkt seines Lebens von „irgendwann einmal ...“ auf „demnächst“. So nahe, dass er auch den Wohnwagen, den er kurz zuvor erst angeschafft hatte, wieder verkaufen könnte, wie er meinte. Keine Reisen mehr, sondern ein Leben im Hier und Jetzt – getaktet durch die dreiwöchentlichen Therapiebesuche in der Station B.
„Ein Lachen – und alle wussten: Alfred ist da“
Bei Stationsleiterin Bettina Brandweiner-Neuhold geht an dieser Stelle des Gesprächs das sprichwörtliche Häferl über. „Er war einfach besonders“, erklärt die Krankenpflegerin, die schon seit 1995 in diesem Bereich tätig ist. Patientinnen und Patienten kommen und gehen – manche für immer. Bitterer Alltag in der Onkologie-Station. Manche stechen aber auch heraus. Mit ihrem Mut, mit ihrem Humor, mit ihrer Art. „Herr Alfred war so einer. Ich habe mich immer wieder gefragt, woher er die Kraft genommen hat. Er war ein Phänomen.“
Nicht nur beim Pflegepersonal hat der Patient seine Spuren hinterlassen, sondern auch bei anderen Patienten. „Er hat sich mit vielen angefreundet. Wenn er gelacht hat, hat man ihn auch vom Ende des Gangs gehört“, sagt Brandweiner-Neuhold und ihre Stimme bricht. „Dann wussten alle: der Alfred ist da.“ Als Dankeschön hat er den Pflegerinnen immer wieder einmal Pizzagutscheine spendiert. „Ich gebe euch etwas zu essen und ihr gebt mir meine Medikamente“, habe er dann immer gesagt.
CD „Best of Alfred“ als Geschenk
Auf dem Tisch im Aufenthaltsraum liegt eine gelbe CD-Hülle: „Best of Alfred – Herzlichst für die Schwestern der Station B“. Darauf zu hören, wären unter anderem „Are You Lonesome Tonight?“ von Elvis oder auch „Gel, du magst mi“ von Ludwig Hirsch. Eine Frage, die schnell beantwortet ist. Bisher hat aber noch niemand geschafft, die CD bis zum letzten Song anzuhören. Nicht, weil die Zeit fehlen würde. Nein, weil mit der Musik und seiner Stimme bei vielen auch die Tränen kommen.
„Im Jänner haben wir Teambesprechung, da hören wir die CD gemeinsam an und essen Pizza“, so Brandweiner-Neuhold. Die Gutscheine dafür hat Herrn Alfreds Witwe einige Tage nach seinem Tod vorbeigebracht. „Er hat gespürt, dass es bald soweit ist und wollte uns ein letztes Mal besuchen, um sich zu verabschieden. Doch er hat es leider nicht mehr geschafft.“
Weihnachten in der Onkologie
Der Wintergarten der Station ist weihnachtlich geschmückt – mit Krippe und Christbaum. Ruhig geht alles seinen Gang. Advent – Zeit des Wartens. „Es wäre schön, wenn ich Weihnachten noch erleben würde“, hat Herr Alfred einer Pflegerin in einer ruhigen Stunde verraten.
Doch wenige Wochen vor Weihnachten, ging er auf seine letzte Reise. Sie war genauso, wie er es sich gewünscht hat. Herr Alfred starb zuhause, umgeben von seiner Familie – und den Klängen von Elvis Presley.