Extrem spannend1000 Jahre: Ein Gedächtnis unserer Gesellschaft feiert Jubiläum

70 Jahre Stadtmuseum Judenburg. Anlässlich des Jubiläums rücken Direktor Michael Georg Schiestl und sein Team den Wert des Museumsfundus als Träger immer neuer Bedeutung vielfältig ins Bewusstsein.

Recherche an einem „extrem spannenden Ort“: Philipp Odelga (l.) und Georg Lammer studieren Geschichte, Isolde Fluch – Chefassistentin von Direktor Schiestl, hat alles im Grif © Bettina Oberrainer
 

Vorhang auf für einen „extrem spannenden Ort“. Staubt es hier nicht, pickt nicht die Patina vergilbter Vergangenheit zwischen Wälzern und Krimskrams? „Das Interesse der Vergangenheit speist sich immer an der Gegenwart.“ Philipp Odelga studiert Geschichte, ist freier Mitarbeiter des Stadtmuseums Judenburg. Unser Hauptprotagonist dieses Blicks auf die Frage, woher wir kommen, welche Grundlagen unsere Identität nähren: 70 Jahre feiert das Stadtmuseum heuer. Direktor Michael Georg Schiestl und sein Team bieten ein Jubiläumsprogramm der Vielfalt. Auftakt dieses Wochenende: Studenten der Karl-Franzens-Universität Graz wollen sich im Zuge einer Lehrveranstaltung „Vom Objekt zur Ausstellung“ bewegen, einen Blick von außen werfen.

Murbrücke

Georg Lammer bewegt sich mit. Und ist bewegt: „Ich beschäftige mich mit Kosaken, die nach 1945 an die Sowjets ausgeliefert wurden“ richtete er vergangene Woche den Fokus auf ein einschneidendes Kapitel der Stadt. Erst nach Ende des Kalten Krieges war in der Ukraine ein Gedenken möglich, seitdem kommen immer wieder Ukrainer nach Judenburg. Die alte Murbrücke, über die sie zogen. Lammer entdeckt ein Foto. „Hochinteressant!“ Er blättert fasziniert in Dokumenten, Zeitungsartikeln, den Schubern des Museums: „Dieses Material – eine Goldgrube für jeden Historiker.“ Prickelnde Spannung im Bereich Erinnerungskultur.
„Uns geht es um einen aktuellen Blick auf die Schausammlung des Museums“, versteht Philipp Odelga jede Ausstellung auch als Kommunikationsform.

Erinnerung

Wer erzählt eigentlich Geschichte, was wird verschwiegen? Ab Oktober zeigt das Museum die Ergebnisse der neuen wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Ein Blick von außen bedingt einen Blick von innen. „Eine Stadt wird auch als Erinnerung gebaut“, betont Odelga und ersucht die Bevölkerung um Hilfe. Ihre greifbare Erinnerung ist gefragt: Bilder, Fotoalben, Dokumente, Lebensgeschichten – Alltag pur.
Eben wird eine Art Bauernkasten fertig, er soll ab Mai als „Kasten der Erinnerung“ durch Judenburgs Ortsteile touren. Strettweg, Murdorf, Reifling, Oberweg.

Ein mobiles Museum, gefüllt mit dem gesammelten Material. Garnitur für die von Künstler Max Sikora betreute Ausstellungsreihe „Stadt finden“. Nach seiner Tour nimmt der Bauernkasten Einkehrschwung im Museum, wird zum Ausstellungsstück. Alltagsgeschichten. Ob die Lager im Hölltal – entscheidender Abschnitt der Kindheit vieler Judenburger, der Kastner-Skikurs beim Weyerlift, der Hochhausbau in Murdorf. Odelga weiß gar nicht, wo beginnt die Erinnerung, wo hört sie auf. „Innen- wie Außensicht sollen zeigen, die Dinge im Museum bedeuten uns etwas.“ Sie sind Träger von immer neuer Bedeutung, Archive das Gedächtnis unserer Gesellschaft. Das Jubiläumsjahr bietet Gelegenheit, ihren Wert stärker in das Bewusstsein zu rücken. Mit Programm zum Angreifen: Kinderführungen, Vorträge, Exkursionen, etwa nach Klagenfurt, zum Stift Viktring.

Verdrängen

Für den ersten Termin am 1. Mai ist Direktor Schiestl Profi der Stunde: Er informiert bei einem Vortrag wie Stadtrundgang über das jüdische Leben der Stadt, zurückreichend ins Mittelalter bis in die Zeit des Verdrängens und Verfälschens nach der Vernichtung durch die Nazis.
Warum ins Museum gehen? Die beiden Historiker in spe Odelga und Lammer husten nicht wegen des Staubs alter Schriften, sie fiebern vor faszinierter Spannung. Sie lassen den Vorhang weit offen.

Zum Stadtmuseum

Am 18. November 1948 Gründung des Museumsvereines. Unter der Leitung des pensionierten Feldmarschallleutnants Ernst Klepsch-Kirchner entsteht Basis für das Archiv. Erst sind zwei Räume des Rathauses Quartier, dann der Dachboden des heutigen Veranstaltungszentrums. Heute: Haus Kaserngasse 27.
Tausend Jahre Judenburger Leben und Geschichte spiegeln die Objekte, die als Dauerausstellung auf drei Stockwerken im Stadtmuseum präsentiert werden. Unter der Vielfalt: Plakate, Foto mit mehr als 70.000 Bildern, Negative, Glasplatten, Fachbibliothek, wissenschafliche Beratung.

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