Mehr als 11.000 Personen holten Österreichs Bergretter im vergangenen Jahr aus alpinen Notlagen, 2156 davon alleine in der Steiermark. Die Einsatzzahlen steigen von Jahr zu Jahr – woran liegt das, und wie kann man dem vorbeugen? Wie geht es den Helfern selbst?
Dazu lud die Kleine Zeitung im Rahmen der Reihe „Reden wir“ zum Gespräch. Diskutiert wurde im Wintersportmuseum Mürzzuschlag; die Bergrettung in der obersteirischen Stadt ist zusammen mit anderen wie Aflenz-Thörl die älteste der Steiermark und feiert heuer ihr 130-Jahres-Jubiläum.
„Einerseits werden die technischen Helfer immer besser, was sehr gut ist. Andererseits stellen wir fest, dass dadurch fast so etwas wie eine Entfremdung von der Natur entsteht“, erklärt Bergretter und Historiker Hannes Nothnagl das Paradoxon. Bauchgefühl und Intuition würden in den Hintergrund rücken.
Das beginnt offensichtlich schon beim Planen der Route. „Wir hatten gerade einen Fall am Hochschwab, ein junger Mann wollte dort eine Tour machen“, schildert Gerhard Rieglthalner, Leiter der Alpinen Einsatzgruppe Hochsteiermark der Polizei. Im digitalen Planer werde das als „Runde“ von zwei, drei Stunden beschrieben. Das könne man schnell einmal machen.
Planlos, wenn der Akku ausgeht
„In Wirklichkeit war es dort oben winterlich, der Mann ist bei jedem Schritt bis zu den Hüften im Schnee eingesunken und brauchte viel länger. Das stand eben nicht im Tourenplaner.“ Zum Glück habe er dann ein Not-Biwak aufgesucht und die Sache sei noch einmal gut ausgegangen.
Bergretterin Carina Höfler ergänzt auch: „Früher hat man sich die Routen auf der Karte angesehen und vielleicht sogar noch Notizen dazu gemacht. Heute verlassen sich zu viele aufs Handy und darauf, dass der Akku nicht ausgeht bzw. man Empfang hat.“
Einsatzleiter Christoph Stritzl gibt auch zu bedenken, dass Bilder in sozialen Medien, etwa auf Instagram, oft zu einer Tour animieren. „Man weiß aber nie, wie das Bild wirklich entstanden ist, wie weit jemand gehen musste, um das so hinzubekommen.“
Viel Fingerspitzengefühl braucht es auch für Tourenplanung mit Künstlicher Intelligenz (KI): Wo keine exakten Daten verfügbar sind, „halluzinieren“ Programme oft und schlagen auf den ersten Blick schlüssige Varianten vor, die es dann so aber nicht gibt. Hier wird empfohlen, auf mehrere unterschiedliche Quellen zu setzen.
Interessant auch: Die viel zitierten „Stöcklschuh-Touristen“ gebe es in der Region kaum mehr. „Oft haben die Verunfallten eigentlich alles dabei“, berichten die Profis. „Es hilft nur die beste Ausrüstung nicht, wenn man damit nicht umgehen kann“, so Stritzl. „Wir hatten schon Einsätze, da haben wir zuerst einmal die Preisschilder von den Steigeisen heruntergezwickt.“
Frauen in der Bergrettung
In der Publikumsrunde meldete sich Petra Mader, Ortsstellenleiterin der Bergrettung Bruck an der Mur zu Wort. Die Juristin bekleidet verschiedene Positionen, ist auch steiermarkweit stellvertretende Rechtsreferentin der Bergrettung.
Sie äußert sich zum Thema Frauen in der nach wie vor männerdominierten Hilfsorganisation. „Wir machen viel für sie, es kommen auch immer mehr. Man muss dem Ganzen aber auch Zeit geben.“
Höfler, die als erste Frau bei der Bergrettung Mürzzuschlag geblieben ist, ergänzt: „Ich kann sagen: Nur Mut! Traut euch! Wenn man gerne in den Bergen ist und die Kameradschaft schätzt, dann ist die Bergrettung auf jeden Fall auch für Frauen etwas.“