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Interview

Warum die Alterspflege nur scheitern kann

Ein gesellschaftlicher Weckruf: Ex-Unirektor Gutschelhofer pflegte jahrelang seine Eltern – seine Kritik an Politik, Ärzten und Kassen wird wehtun. Von Didi Hubmann

Ex-Unirektor Alfred Gutschelhofer will helfen, die Pflege für alte Menschen zu verbessern
Ex-Unirektor Alfred Gutschelhofer will helfen, die Pflege für alte Menschen zu verbessern © Sabine Hoffmann
 

Seine Mutter pflegte Alfred Gutschelhofer bis zu ihrem Tod. Sein Vater ist immer noch in Pflege. Gutschelhofer ist Ex-Unirektor, Betriebswirt, Wirtschaftswissenschaftler und Manager, bestens vernetzt. Sein Credo war, dass es keine Herausforderung gibt, die man nicht bewältigen könne. Bis zur Pflege seiner Eltern. Die persönlichen Erfahrungen, über die er heute erstmals öffentlich spricht, erlaubten ihm Einblicke in ein Pflegesystem, das so nicht mehr funktionieren kann. Trotz seiner Netzwerke und seiner Möglichkeiten scheiterte er immer wieder. Seine Kritik ist nicht eine plumpe Abrechnung, sondern er will Denkanstöße vermitteln.


Herr Gutschelhofer, was läuft falsch in der Pflege?
ALFRED GUTSCHELHOFER: In diesem System hat keiner die Veranlassung, sich zu bewegen. Die Fachärzte kommen oft nicht mehr zum Pflegepatienten, wenn man sie braucht, weil die Bezahlung zu gering für einen Hausbesuch ist – und das Risiko oft zu groß. Und die Allgemeinmediziner sind am Limit. Sie verschreiben manchmal über Jahre 5, 6, 7, 8 Medikamente und sehen den Patienten nicht. Bei meiner Mutter hat man diese Medikamente im Spital abgesetzt, weil sie im Sterben lag. Sie hat dann noch drei Jahre gelebt. Wir müssen die Versorgung umstellen, brauchen eine Art ÖAMTC für die Pflege, mit Spezialisten aus allen Bereichen.


Wie mobile geriatrische Teams?
GUTSCHELHOFER: Das könnte eine Lösung sein. Das mobile Palliativteam an der Uniklinik zeigt, was möglich ist.

Diskussionsveranstaltung

Es ist eine der größten Herausforderungen für die nächsten Jahre: Wie können wir gesellschaftspolitisch und medizinisch die besten Voraussetzungen dafür treffen, alten Menschen in der Pflege Selbstbestimmung und Würde zu lassen?


Die Ärztekammer Steiermark bittet  kommenden Mittwoch zu einer hochkarätigen Diskussionsveranstaltung. Titel: „Alte Eisen, neue Wege, neue Strategien für Menschen in einer alternden Gesellschaft.“ Die Keynote wird Ex-Unirektor Alfred Gutschelhofer halten, der seine Eltern pflegt und pflegte.
Am Podium für die Diskussion sitzen der Mediziner und Geriatrie-Experte Peter Mrak, Ingrid Gady, die ihren Mann jahrelang gepflegt hat, die Politiker Christopher Drexler und Ingrid Lechner-Sonnek, Peter Koch sowie der Mediziner Martin Hoff.


23. September, Ärztekammer Steiermark („Offene Räume“) in der Kaiserfeldgasse 29 in Graz, 19 Uhr.


Keiner im System wird das aber bezahlen wollen.
GUTSCHELHOFER: Wir haben ein Sozialversicherungssystem, das unglaublich teuer ist und das uns in den letzten Jahren nur zum Sterben ins Krankenhaus bringt. Anstatt dass Optionen für neue Arten der Pflege, für Familienpflege etc. gegeben werden. Die Zahl der alten Menschen, die nur zum Sterben ins Krankenhaus gebracht werden, ist erschreckend hoch. Anstatt dass es Alternativen gibt, die sinnvoller wären, lässt man alles, wie es ist.


Die Politik weiß, was auf uns zukommt. Aber nichts geschieht: Haben Sie dafür eine Erklärung?
GUTSCHELHOFER: Nein. Die großen Parteien sind ja an der Macht, weil die Generation über 50 sie gewählt hat. Ich weiß, dass viele von uns in der Pflege enden werden. Und ich weiß, wie es meinen Eltern ergangen ist und ergeht. Deshalb muss man das Thema permanent in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rücken, damit es zur politischen Agenda wird. Wir haben für Gender, Öko, Behinderte einen Zugang gefunden. Aber nicht zum Thema Pflege, die uns alle betreffen wird. Wir haben keine Pflegekultur für alte Menschen. Die Politik beschränkt sich auf Stehsätze.


Ihre Betroffenheit ist groß.
GUTSCHELHOFER: Ja, es gab viele Ereignisse. Ich erinnere mich gut, als meine Mutter nach sieben Jahren Pflege einen Gehirnschlag hatte. Ein Fuß ist langsam abgestorben, eine Zehe war wund. Und weil es so vorgeschrieben war, mussten wir – wir haben sie zu Hause gepflegt – eigene Wundmanager heranziehen. Die sagten: Die Zehe müsse amputiert werden. Ich habe dann zwei Ärzte gefragt: Die haben gesagt – niemals. Die wunde Zehe wäre so groß wie ein 50-Cent-Stück, die Amputationswunde aber so groß wie ein 5-Euro-Schein – und diese Wunde würde erst recht nicht heilen.


In der Pflege der Eltern und den vielen Problemen offenbart sich die eigene Machtlosigkeit. Welche Auswege können Sie aufzeigen?
GUTSCHELHOFER: Es geht um vieles: Politik, Sozialversicherungsvertreter und Standesvertreter blockieren sich ja gegenseitig, Sozialversicherungen machen im Vorfeld nur noch Parteipolitik, aber keine Pflegepolitik. Wir haben einen viel zu teuren Pharmavertrieb, und wenn ich Fachärzte und Apotheken mit einem gewissen Regionalschutz zulasse, dann müssten die auch eine umfassendere Leistung bringen. Das ist aber unpopulär, das lassen Interessenvertreter gar nicht zu. Die Menschen werden im Stich gelassen. In Summe lässt das alle in ihrer Macht erstarren, es geht allen zu gut. Und die Politik denkt nur bis zur nächsten Wahl.


Das bestreiten alle Politiker.
GUTSCHELHOFER: Kennen Sie eine gröbere Veränderung in der Pflege in den letzten Jahren?

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Danke für Ihr Verständnis.

alejulval
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Nicht alt werden

wäre unseren Politikern am liebsten wäre ihnen gleich nach der Pensionierung in die Kiste zu hüpfen damit ihnen mehr Geld bleibt bei mehreren Bezügen und mehreren Pensionen oder wie die Einkommen heißen AUFWANDSENTSCHÄDIGUNG. für was weis keiner.

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gebsy
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Selbstlose Liebe

kann von keiner Politik ausgehebelt werden. Aber nur der sich vorbehaltlos geliebt wissende Mensch kann selbstlos lieben; mehr dazu unter "Nachfrage & Angebot" bei gebsy-myblog

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Seltsame Erkenntnis...

... eines Rektors. In einer Lautatio meinder der einmal: "... wir bilden junge Leute aus - und wenn sie richtig gut sind, dann müssen wir sie wieder ziehen lassen..." Zitat Ende.
Ein wunder Zehe mit der Größe eines 50-Cent-Stücker verursacht ein Amputationswund einen 5-Euro-Scheines? Eine bemerkenswerte Sicht. Pflege ist kein Uni-Alltag, wo die Sekretärin oder der Assi flugs zur Hand ist. Willkommen im Alltag!!

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da hat er recht!

aber das ist erst die Spitze des Eisbergs!

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chaimalka
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Ich kann

nachvollziehen was Herr Gutschelhofer erleben musste, ziehe vor ihm den Hut das er sich der Aufgabe stellte und kann den Inhalt zu 100% unterschreiben. Ist man da einmal involviert weiss man oft am Ende des Tages nicht wo einem der Kopf steht.

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dagegen
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das warten auf einen Palliativplatz..

die Nachricht dass einer frei ist, erleben die meisten nicht. wenn jeder pflegende Angehörige von heut auf morgen Schluß macht, wird erst deutlich auf welchen Schultern das ganze System lastet.

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Bisdumoped
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Ein Pflegemonat im Pflegeheim kostet locker über 3.000€. Wer kann sich das als ASVG-Pensionist in Österreich leisten? Also wird mühsam Aufgebautes enteignet. Eine Umverteilungsmaschinerie zu Lasten derer, die bisher fleißig geschuftet und gespart haben. Danke, liebe Politiker! Wer in diesem Land noch bereit ist, etwas zu schaffen und zu leisten, ist selbst Schuld.

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dagegen
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deshalb

wird ja gemeinhin die slowakische "Pflegekraft" als 24-Stunden-Pflege herangezogen... das ist Lohndumping erster Klasse

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SCHÜSSEL

hat das bei seiner schwiegermutter auch gemacht,das ist övp politik

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Die Misere fängt viel früher an

Herr Gutschelhofer sagt: Und die Allgemeinmediziner sind am Limit. Sie verschreiben manchmal über Jahre 5, 6, 7, 8 Medikamente und sehen den Patienten nicht.

Was häufig zutrifft aber nicht die Alleinschuld der Allgemeinmediziner ist, sondern die vieler (der meisten?) Patienten (und -Innen), die erst zufrieden sind, wenn "wieder was verschrieben" wurde und unter denen eine Art Wettbewerb besteht, wer denn nun das meiste "einnehmen muss".

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rechtoderunrecht
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Re: Die Misere fängt viel früher an

Entschuldigung...und wenn der Patient gesehen wird dann lässt dieser sich auch für 3 bis 6 Personen Medikamente verschreiben jedoch bin ich mir bei so vielen nicht sicher ob je ein Cent an die GKK Beitrag bezahlt wurde...oder?

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xGrazer
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In Österreich alt zu sein,

ist eine Strafe ! Leider hat Gutschelhofer zu 100 % recht !

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Wann hat die Politik schon jemals AGIERT?

Wenn überhaupt, dann REAGIEREN sie vielleicht, und das oft patschert. Meist dann, wenn es bereits zu spät ist. Oder wenn Wahlen anstehen.

Wir sollten endlich begreifen, den Politikern geht es nicht um uns, sondern um den eigenen MACHTERHALT!

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rechtoderunrecht
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Re: Wann hat die Politik schon jemals AGIERT?

Traurig traurig traurig diese ROTSTRICHLER !

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Windhauch
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Würde- und respektvoll

sollten wir mit alternden Menschen umgehen. Genauso, wie wir uns das für uns selber wünschen. Dazu gehören auch Pflegeplätze, wo alternde Menschen ihre geliebten Haustiere mitnehmen dürfen. Es ist schon traumatisch genug, die gewohnte Umgebung zu verlassen und die Selbstbestimmung teilweise oder ganz abgeben zu müssen um sich fremdbestimmten Rhythmen und Strukturen zu unterwerfen. Es geht nicht immer nur um die finanzielle Seite in der Altenpflege, die wir überdenken und neugestalten müssen. Es ist ja auch unsere Zukunft. Heute können wir noch darüber mitentscheiden, wie wir später mal betreut werden wollen.

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rechtoderunrecht
1
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Re: Würde- und respektvoll

Gar nichts können wir mit entscheiden.
Und im Pflegeheim wenn du ans Bett gefesselt bist kannst schreien es hört dich ja keiner!
Wenn du nicht an das Bett gefesselt bist dann bist im Rollstuhl vielleicht gefesselt natürlich nur zum Selbstschutz ich will nichts anderes aussagen.
Mit dem Rollstuhl darfst du dann den Tag über mit 30 Mitbewohner sitzen und dich des Lebens noch freuen.
Wo das so statt findet bin gerne bereit es zu sagen..

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gebsy
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bis zur Pflegestufe 4

gibt es einen Platz um EUR 3.600,- monatlich in einem neu eröffneten Heim; wenn ein Bewohner bettlägerig wird, kann er gehen ....

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Sternschnuppe8
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Expertenrunde

.... Und dann sitzt eine Frau Gady und Lechner-Sonnek dort??

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secundus
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Das Geschäft der Privaten mit der Pflege. Kostenexplosion (Rechnungshofbericht) und schlechte Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte, so wie Abkassieren auf Kosten der Pflegebedürftigen und Pflegekräfte.

Und es kann nicht sein, dass immer mehr gewinnorientierte private Betreiber, sich auf Kosten der pflegebedürftigen Menschen und der Pflegekräfte (welche viel zu niedrig bezahlt werden und wo der Pflegeschlüssel viel zu niedrig ist für die gewachsenen Anforderungen) auf Kosten der Steuerzahler bereichern. Und viele private Heimbetreiber sind ja in der Nähe der regierenden Parteien (vor allem der SPÖ ) angesiedelt. (zu diesen hohen Kosten gibt es auch eine massive Rechnungshofkritik!) Besonders auf der Homepage der KPÖ Steiermark sind dazu viele Fakten nachzulesen - googeln: KPÖ -Pflege. Und was machen unsere zuständigen Politiker???

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reknau
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Traurig, traurig

wo wird es uns hinführen ? Unsägliche Versager in der Politik - die haben doch überhaupt keine Ahnung vom "Fußvolk" - geschweige den von Gesundheitspolitik. Die Pharmaindustrie regiert unsere Gesundheitspolitik, besticht Politiker und Ärzte - Aktionäre freuen sich. Es ist traurig für Österreich, daß einerseits mit dem Geld sinnlos herumgeworfen wird und andererseits ist für alte oder kranke Menschen die seinerzeit Österreich wieder aufgebaut haben, die einen Steuersatz bewältigen- der seinesgleichen sucht - keine ausreichende Versorgung sicher stellen kann - bzw. durch das "Nichtstun" der Politik Menschen mit Medikamenten "vergiften" läßt.
Die Lage ist fatal und - es gibt in Österreich nunmal nur mehr Reich und Arm ! Aber das geht nicht gut.........

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Geld für Österreicher in die Hand zu nehmen?

Davon scheint man derzeit weit entfernt zu sein.

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reknau
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Geld für Österreicher ?

Unsere Politik schützt uns schon lange nicht mehr - UNSER Geld wird verzockt wo es nur geht - jeder einzelne Flüchtling ist in Österreich mehr wert als der eigene Mann / Frau - der Zeit seines Lebens die Futtertröge der Politiker gefüllt hat.
Und ich wette heute schon - Flüchtlinge werden z.B. "problemlos" in den Arbeitsmarkt aufgenommen und die gewissen Märkte "reiben" sich die Hände - billige Arbeiter siehe Mercedes Konzern. Zum Kotzen........

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raspel
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Die Sturheit von Hundsdorfer und Parteigenossen..

..verhindert, dass ein System installiert wird, das auch funktioniert, z.B ein Pflichtversicherung.

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Oh...

...da herr wichtig

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docholliday
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unglaublich alex10002007

ist es wie sie es in kauf nehmen also vollkommen vertr..... dazu stehen. endleich jemand der es weiß und sagt und weh tun wird und sie geben einen stuß von sich der weithinstinkt. denken sie besser nach oder halten sie einfach den schnabel. und, nein, ich kkenne Herrn Prof GUtschlhofer nicht. aber ich kenne die versicherungen die politik die standesvertretungen und typen wie sie

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fob7
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Jeder der in dieser Situation ist,

weiß, davon ein Lied zu singen. Von der finanziellen Belastung oder etwa der unsicheren Rechtslage die Heimbetreuerinnen aus Letland der Slowakei etc betreffend mal abgesehen: Es ist eine Sauerei, wie man mit älteren Menschen in diesem Land umgeht. Die jetzige Generation der "Alten" kann sich das vielleicht noch leisten. In 20 Jahren sieht es anders aus..

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