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Gespräch am Montag

Heimo Scheuch: "Länderchefs halten Staat in Geiselhaft"

Wienerberger-Vorstand Heimo Scheuch rügt die Reformschwäche der Regierung und würde Landeshauptleute einsparen. Die EU drängt er zu sozialem Wohnbau. Von Adolf Winkler

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Erreichen Sie heuer trotz des Mehrheitskaufs der Tondach Gleinstätten ihre Ziele?

HEIMO SCHEUCH: Wir sind perfekt im Plan und werden die angekündigten 300 Millionen Euro Cash-Flow schaffen. Die Wienerberger kommt damit wieder in den Nettogewinnbereich und in eine gesunde, organische Wachstumsphase. Von Tondach Glein-stätten erwarte ich mir ein mittelfristiges Potenzial zwischen 30 und 35 Millionen Euro.

In England nehmen Sie zwei eingemottete Ziegelwerke wieder in Betrieb. Was ermutigt Sie dort?

SCHEUCH: England ist seit der Krise 2009 von 190.000 Wohnungseinheiten auf unter 100.000 runtergefallen. Jetzt ist Riesenbedarf da. Die Regierung eröffnet mit einem "help to buy program" jungen Leuten zinsbegünstigte Kredite für das Ersthaus.

In Deutschland und Belgien ist der Bau belebt, im Rest Europas noch lange nicht. Was ist los?

SCHEUCH: Die Verunsicherung in der Politik ist so groß, dass man sich nicht durchringen kann, das Thema Wohnen stärker an die Brust zu nehmen. In vielen Ländern bestehen schon Wohnungsengpässe, auch in Österreich, genauso in Frankreich und Osteuropa, trotz niedriger Zinsen. Die Menschen brauchen sozialen Wohnbau. Das sollte für die neue Kommission ein wichtiger Punkt sein. Es wäre auch stark beschäftigungsfördernd, hin bis zu allen Handwerkern und Lehrlingen.

Die Staatsführer haben Mühe, die EU-Kommission aufzustellen.

SCHEUCH: Ich war zehn Jahre für Wienerberger in Brüssel und bin Optimist. Bei der EU-Wahl haben wir das erste Mal einen Präsidenten der Kommission praktisch direkt gewählt. Ein gutes Zeichen einer direkten Demokratie.

Der Ukraine-Krieg und der Konflikt mit Russland treffen Europa mit. Auch die Wienerberger?

SCHEUCH: In Russland spüren wir für unsere drei Werke noch keine Folgen, aber die Verunsicherung und die Sanktionen können den russischen Mark abschwächen. Für uns sind das zwei Prozent vom Umsatz.

In Europa hat Österreich passable Daten, nach innen agiert die Große Koalition eher als Lähmungs- denn als Handlungsregierung. Lässt Sie das gleichgültig?

SCHEUCH: Nein. Aber nur zu Schimpfen auf die Politik bringt uns auch nicht weiter. Ich plädiere stark für Eigenverantwortung, Leistungsprinzip und Unternehmertum. Ich bin aber absolut bei Ihnen, dass man kritisch auf die Performance der Regierung schauen muss. Meines Erachtens nutzt man die Chancen für die Zukunft nicht. Unmittelbar in der Gegenwart wirkt sich das noch nicht aus, aber für die nächsten fünf bis zehn Jahre kommt Österreich in eine schwierigere Lage. Deutschland hat die letzten zehn Jahre hart gearbeitet, um Wettbewerbsvorteile bei Arbeitskosten und Steuerlast zu schaffen.

Bei der konfusen Diskussion um die Steuerreform kann man kaum einen großen Wurf erwarten.

SCHEUCH: Ich sehe das auch so. Man redet bei uns sehr viel über Reformen. Ich sage immer jedem Entscheidungsträger, bitte nicht reden, sondern tun. In einer Großen Koalition hat man eigentlich alles in der Hand und kann gestalten. Ich verstehe nicht, warum man das nicht tut. Man ist zu stark darauf ausgerichtet, gewisses Klientel zu bedienen, anstatt eine für Österreich gesamthafte sinnvolle Regelung zu treffen.

Ihr konkreter Vorschlag wäre?

SCHEUCH: Dass die Belastung, die Lohnnebenkosten usw. zu hoch sind, wissen alle. Und wir haben ein Land, das von der Verwaltung überadministriert ist. Aber es besteht nicht genug Bereitschaft, Kosten zu reduzieren. Stattdessen denkt man, wie man die steuerliche Belastung noch höher machen kann, um ein bisschen zu senken. Das ist ja absurd.

ATX-Vorstände wie Sie verdienen im Jahr im Schnitt 1,53 Millionen Euro. Würden Sie in dieser Gehaltsliga mit einer höheren Besteuerung einverstanden sein?

SCHEUCH: Ich möchte mich an dieser Diskussion gar nicht beteiligen. Ich zahle heute 50 Prozent Steuern, auf alles, was ich verdiene. Ich zahle alles mit gutem Gewissen, ich bin auch damit einverstanden. Ich sage nur: Wenn man mehr zahlt, sollte man schon wissen warum, was es uns kostet und ob wir alles brauchen. Warum ist man heute nicht bereit, über Strukturen nachzudenken und zu sagen, ich reduziere meinen Verwaltungsapparat?

Wo würden Sie einsparen?

SCHEUCH: Es läuft nicht alles auf die Beamten hinaus. Wofür brauchen wir im Nationalrat 183 Mitglieder? Wofür brauchen wir so viele Bundesräte?

Und die Landtage?

SCHEUCH: Wir brauchen sie nicht in diesem Umfang. Wir brauchen eine gute und stabile Demokratie, eine direkte Mitbestimmung, das wird heute sehr stark auf dem kommunalen Bereich der Fall sein müssen, den müssen wir stärken. Die Landeshauptleute hingegen sind neun Leute, die den Staat Österreich mehr oder weniger in Geiselhaft halten.

Die Landeschefs - Blockierer?

SCHEUCH: Sie sind ja nicht direkt gewählt. Sie haben auch keine Verantwortung. Sie geben immer gute Ratschläge, aber müssen es erst irgendwann umsetzen. Es ist meines Erachtens eine zerrüttete Situation. Wir haben Gemeinden, Bundesländer, Österreich, Europa, alles kostet einen Haufen Geld. Das ist doch absurd!

Sie hätten wie bei Wienerberger lieber eine Holding Österreich?

SCHEUCH: Machen Sie einmal einen Antrag für ein kleines Unternehmen oder für einen Umbau. Was das für ein Aufwand ist. Wir leiden alle darunter. Wir sollten uns fragen: Warum? Warum verändern wir das nicht? Warum gibt es diese Beharrungsbereitschaft? Und dieser Aufbruch zu etwas Neuem wäre doch dringend angebracht.

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