Da ist er wieder, der Generalverdacht. "Man hat das Gefühl, dass alles, was wir machen, unter Verdacht steht." Was im Parlament oder von der Regierung auf den Weg gebracht worden sei, käme kaum durch, seufzt Antonia Herunter. Die Studentin aus Kalsdorf, die kommende Woche zur Obfrau der Jungen VP gewählt wird, hat mit der Außenwahrnehmung der Bundespartei ebenso zu kämpfen wie viele andere Funktionäre.

Gekaufte Meinungsumfragen, Postenschacher, Steuernachlass für Promis – dieses Bild, das sich aus Chats und dem "Geständnis" von Thomas Schmid ergab – es ist für die Volkspartei "katastrophal", spricht es Bürgermeister Franz Labugger offen aus. Die Folgen bleiben Barbara Eibinger-Miedl, der Landesrätin und Stellvertreterin von Bundesparteichef Karl Nehmammer ebenso wenig verborgen: "Die Menschen sind reservierter."

Es wird wieder differenziert

Kurzfristig eine große türkise Familie, wird wieder penibel zwischen Bundes-, Landes- und Gemeinde-Ebene getrennt. Die Ortschefs sprechen von "Gegenwind aus Wien", nickt LH und Landesparteichef Christopher Drexler. Das Geheimrezept für Rückenwind hat er nicht. "Das ist bei dieser Eigendynamik und der Opposition derzeit sehr schwer." Dabei würde Nehammer wie zuletzt im Parlament wieder "eine gute Figur machen".

Ausweg? Zurück zu den Wurzeln. "Wir sind die Verantwortungspartei: Die tiefe Verwurzelung in Gemeinden hilft uns in schwierigen Zeiten", ist Drexler überzeugt. Das Vertrauen könne "durch gute und harte Arbeit" wiederhergestellt werden, verlautbart Eibinger-Miedl.

Barbara Eibinger-Miedl
Barbara Eibinger-Miedl ist im ÖVP-Bundesvorstand
© KLZ / Stefan Pajman

Mehr Bei- als Austritte

Innerparteilich dienen Gemeindesprechtage, die Drexler als neuer Landeshauptmann ohnehin geplant hat, der Seelenmassage. Die Botschaft an die Ortschefs: "Bei uns im Ort, bei uns in der Steiermark, da läuft es", gibt Landesgeschäftsführer Detlev Eisel-Eiselsberg wieder. Oder andersrum: "Wir sind nicht so, falls die so sind."

Da bewähren sich Organisation und Bünde: "Von Austritten kann keine Rede sein, viel mehr von Beitritten", berichtet Eisel-Eiselsberg. Ausrichten will man der Bundes-VP nichts. Machtworte oder verbale Pfeile nach Wien? Das war einmal. "Intern wird sehr offen geredet", betont Drexler das Adjektiv intern. Er habe einen guten Kontakt zu Nehammer, der Austausch sei "unkompliziert". Über Neuwahlen wird offenbar nicht geredet. "Das ist keine Option", lobt Drexler, "die gute Regierungsarbeit".

Feingefühl auf anderer Ebene mahnt wiederum Muraus Thomas Kalcher ein: "Ich glaube fest daran, dass Staatsanwaltschaft und Gerichte sauber arbeiten."

Was Orts- und Bezirksgranden sagen

Franz Labugger, Bürgermeister von Lebring-St. Margarethen: "Ich gehe davon aus, dass an diesen ganzen Vorwürfen irgendetwas dran sein muss. Ob tatsächlich alles so ist, wie es publiziert wird, kann ich aber nicht beurteilen. Fakt ist, dass das Bild und damit auch die Stimmung für die Volkspartei katastrophal ist und man es als ÖVP-Bürgermeister schon einmal leichter hatte. Natürlich werde auch ich immer wieder mit dem Thema konfrontiert. In Teilen der Bevölkerung herrscht nun wohl die Meinung vor, dass wir Politiker eh alle gleich sind. Für mich wäre wünschenswert, dass alle Vorwürfe aufgeklärt werden. Ich weiß aber nicht, ob es Sinn macht, schon jetzt alle ÖVP-Spitzenfunktionäre auszutauschen. Der entstandene Schaden lässt sich jedenfalls nicht so schnell wieder ausbügeln."

Franz Labugger
Franz Labugger
© Juergen Fuchs

Thomas Kalcher, Bürgermeister von Murau: "Die Schlagzeilen sind alles andere als gut für die Partei. Ich denke aber, dass bei Weitem nicht alles schlecht war in der Ära Sebastian Kurz. Er hat versucht, frischen Wind hineinzubringen. Dabei ist man wohl teilweise übers Ziel hinausgeschossen – vielleicht lag es auch an seinem doch sehr jungen Team. In der jetzigen Situation soll Karl Nehammer weiterarbeiten. Unzulässig finde ich die Querschüsse einiger Parteikollegen gegen die Justiz. Ich glaube fest daran, dass Staatsanwaltschaft und Gerichte sauber arbeiten."

Thomas Kalcher
Thomas Kalcher
© Andrea Burböck

Karl Lautner, Stadtchef von Bad Radkersburg: "Auf Bundesebene hat man den Eindruck, dass alles gegen die Volkspartei läuft. Da müssen wir uns jetzt einfach solidarisieren." Denn in den Gemeinden – und somit "auf persönlicher Ebene" – arbeite man für die Bevölkerung und nicht für die Partei. Lautner räumt ein, dass es "Dinge gab, die so nicht sein dürfen und wo man sich nur wundern kann". Damit habe "keiner eine Freude, der für die ÖVP arbeitet". Korrupt sei die Partei deshalb nicht. Der Ruf und vor allem das Bild, das über die Medien transportiert werde, sei deutlich schlechter als der Zustand der Partei. "Daran wurde ja faktisch jahrelang gearbeitet. Seit es 'Kurz muss weg' geheißen hat", meint Lautner. Nur mit "guter und steter Arbeit" könne man das Bild wieder zurechtrücken. Lautner: "Es gibt meiner Meinung nach auch keine Alternative. Die ÖVP muss den Menschen zeigen, dass sie die einzige Partei ist, die Österreich richtig führen kann."

Karl Lautner
Karl Lautner
© Jakob Illek

Andreas Kinsky, Bezirksparteiobmann in Weiz: "Was da auf den Handys gefunden wurde, ist nicht gutzuheißen. Wenn das alles stimmt, ist es zurückzuweisen und die Verantwortlichen sind zur Rechenschaft zu ziehen. Wobei zu sagen ist, dass Thomas Schmid kein ÖVP-Politiker war, sondern ein hoher Beamter. Hier wird oft einiges vermischt. Was mir auf den Geist geht, ist, dass das Wort Unschuldsvermutung ein Witz geworden ist. Hier werden von Medien oder der Opposition Vorverurteilungen vorgenommen, das gibt es in keinem anderen Land. Vieles verläuft dann im Sand oder es gibt sogar Freisprüche, wie zuletzt auch bei Heinz Christian Strache. Aber die politische Kultur in Österreich ist leider furchtbar."

Andreas Kinsky Landtag OeVP Steiermark
Andreas Kinsky
© KLZ/Hanschitz

Thomas Rauninger, Bürgermeister von Eisenerz: "Dass die im Raum stehenden Vorwürfe aufgeklärt werden müssen, ist klar. Aber es wirft schon ein bezeichnendes Licht auf die Politik, dass Dinge seit Monaten immer nur scheibchenweise öffentlich gemacht werden. Das ist befremdlich und grenzt teilweise an eine Hexenjagd. Kein Wunder, dass das Vertrauen der Menschen in die Politik so gesunken ist. Was die Art und Weise des Umgangs miteinander angeht, muss man leider feststellen, dass der gegenseitige Respekt in der Politik kaum mehr vorhanden ist."

Thomas Rauninger, Buergermeister Eisenerz, OeVP
Thomas Rauninger
© Johanna Birnbaum

Mitarbeit: Robert Lenhard, Raphael Ofner, Raimund Heigl, Jakob Illek, Andreas Schöberl-Negishi.