Endloses Scrollen, ein flüchtiges Video nach dem nächsten. Ein Foto, ein Like, eine virtuelle Konversation. Ein Leben ohne Handy können sich die meisten von uns nicht mehr vorstellen. Vor allem Jugendliche haben ein solches auch nie erlebt. Das Smartphone ist für sie ein ständiger und unhinterfragter Begleiter.

Bis jetzt. Denn 35 Schülerinnen und Schüler der MedienHAK in Graz haben sich entschieden, die nächsten drei Wochen auf ihre Handys zu verzichtenals Teil des Experiments „3 Wochen ohne Smartphone“. Ein immenser Schritt, liegt die tägliche Bildschirmzeit bei einigen der Jugendlichen doch zwischen sieben und zwölf Stunden.

Außmaß der Smartphone-Nutzung ist den Jugendlichen bewusst

Auf die Frage, wer glaubt, dass er aktuell zu viel Zeit am Handy verbringt, wandern schlagartig alle Hände im Raum in die Luft. Bei all der Bildschirmzeit, die die Schülerinnen und Schüler aktuell haben, drängt sich die Frage auf, was am Handy die Jugend so in ihren Bann zieht und vor allem, was sie tatsächlich vermissen werden. Was bei weitem am häufigsten fällt, ist Social Media – allen voran TikTok.

Mit Beginn des Experiments ist all das Geschichte und viel Neues will erlernt werden. So haben viele der Jugendlichen noch nie auf einem Tastenhandy eine Nachricht geschrieben oder einen Linienplan oder Stadtplan gelesen. Hier heißt es, gemeinsam Wege zu finden.

Vielfältige Beweggründe für Teilnahme am Handyexperiment

Für viele war gerade die Gruppendynamik auch überhaupt erst der Ansporn, mitzumachen. „Es wird oft von mir behauptet, dass ich handysüchtig bin, ich selbst glaube das aber nicht. Mit diesem Experiment will ich den anderen beweisen, dass ich es kann und auch mir selbst", sagt Paul Khaleel (17).

In der Gruppe sind die Beweggründe vielfältig. „Ich möchte schauen, dass ich in den drei Wochen im echten Leben lebe und auch ohne mein Handy zurechtkomme“, sagt der 17-Jährige Kevin Schauer. Auch sein altes Hobby, das Zeichnen, möchte er wieder aufleben lassen.

Was durch das weggelegte Smartphone entstehen wird, ist jedenfalls viel freie Zeit und auch Langeweile. Ein Gefühl, das bisher das Handy immer schnell verdrängt hat, wie die Jugendlichen bestätigen. Damit das Gefühl die Jugendlichen zu Beginn nicht überwältigt, haben ihre Lehrerinnen Anna Wilms und Daniela Fusek viele Alternativen vorbereitet.

Zahlreiche Alternativen zur Freizeitgestaltung

Von Büchern über kostenlose Sportaktivitäten, einen Tanzworkshop und vieles mehr. Da die beiden Lehrerinnen mit gutem Vorbild vorangehen wollen, werden sie ihre Handys ebenfalls weglegen. Ein organisatorischer Aufwand, denn vom Kalender bis hin zu Onlineüberweisungen muss alles neu gedacht werden.

Bereits Bücher aus der Bibliothek geliehen, um die frei gewordene Zeit zu füllen hat Eleana Bombaj (17): „Ich habe selbst gemerkt, dass ich süchtig bin nach meinem Handy, ich nehme es überall hin mit, ich möchte die drei Wochen nutzen, um es weniger zu benutzen.“ Ebenfalls bereits eine Alternative hat sich Ena Decker (15) überlegt: „Ich stricke seit gestern und vielleicht möchte ich dieses Projekt weitermachen und lernen, wie man richtig strickt.“

Mehr Zeit mit seiner Familie verbringen möchte Alexander Sorko (21), denn er verbringt aktuell den Großteil seiner Freizeit mit Videospielen. Daher möchte er nicht nur auf sein Handy, sondern auch auf die Spiele verzichten. „Ich habe jetzt schon mit meinem Bruder ausgemacht, dass wir gemeinsam Darts spielen gehen“, erzählt er.

Countdown an der Wand im Gemeinschaftsraum

An der Wand im Gemeinschaftsraum hängt ein Kalender, der den Verzicht vereinfachen soll. Auf A4-Zetteln sind die Zahlen von eins bis 21 abgedruckt. Schwarz auf Weiß wird so der Fahrplan des Vorhabens sichtbar. Auf dem letzten Blatt Papier fällt Konfetti. Jeden Tag wird ein Zettel mit rotem Klebeband durchgestrichen. Als Visualisierung dessen, was bereits geschafft ist.