Was früher in bäuerlichen Haushalten selbstverständlich war, ist heute eine beinahe ausgestorbene Kulturtechnik: das Flechten mit Maisstroh. Gerade in der Steiermark, aber auch in Slowenien wurde das Handwerk besonders gepflegt. „Es wurden ja möglichst alle zur Verfügung stehenden Materialien verwertet. Aus Maisstroh entstanden Körbe, Taschen und verschiedene Alltagsgegenstände“, erzählt Karin Siakkos vom Bildungshaus Retzhof.

In den 1950er- und 1960er-Jahren wurden am Retzhof sogar noch regelmäßig Kurse dazu angeboten, dann geriet die Technik aber fast in Vergessenheit. Erst eine Recherche der Slowenin Sara Köleš Ribeiro brachte im Universalmuseum Joanneum alte Bilddokumente dazu wieder ans Licht – und löste zugleich eine grenzüberschreitende Initiative zur Wiederbelebung dieser Handwerkskunst aus.

Altes, dunkles Bild aus den 50er-Jahren, zwei Frauen flechten an Körben
In den 1950- und 1960er Jahren wurden am Retzhof noch regelmäßig Kurse dazu angeboten, dann geriet die Technik aber fast in Vergessenheit. © Retzhof

Handwerk: Flechtmeisterinnen am slowenischen Bauernhof

Sara Köleš Ribeiro leitet jenseits der nachbarschaftlichen Grenze, in Velika Polana, das Handwerkszentrum Pomelaj auf einem renovierten Bauernhof. Im Rahmen von Programmen für den beruflichen Wiedereinstieg sind dort Frauen als Flechtmeisterinnen beschäftigt. Sie fertigen in filigraner Detailarbeit eine Vielfalt an Produkten. Als Direktorin initiierte Köleš Ribeiro eine Kooperation mit dem Bildungshaus Retzhof, die im Rahmen des grenzüberschreitenden EU-Projekts ICH-REGIONAL im Interreg-Programm Slowenien-Österreich nun in einen dreiteiligen Workshop mündete.

Frauenhände flechten Stränge aus Stroh an einem Korb ineinander
Im Bildungshaus Retzhof findet ein Workshop zum Flechten mit Maisstroh statt, einer fast vergessenen Handwerkstechnik © Pomelaj

Dabei steht eben Wissens- und Erfahrungsaustausch zur Erhaltung des handwerklichen Erbes im Grenzgebiet im Fokus. Am 4. März findet der erste Termin im Bildungshaus Retzhof statt, zwei weitere folgen dann auf dem Hof in Slowenien. Ziel dabei ist es, die Technik des Maisstrohflechtens von der Materialkunde und einfachen Flechtmustern bis hin zu dreidimensionalen Objekten zu vermitteln. Die kostenlosen Workshops, die auch die Fahrten und eine kleine Verpflegung beinhalten, waren innerhalb weniger Tage ausgebucht. „Das Interesse von Institutionen, aber auch von Privatpersonen war wirklich unglaublich groß. Mit der Warteliste könnten wir bereits den nächsten Kurs füllen“, freut sich Siakkos. Folgeveranstaltungen sind damit sehr wahrscheinlich.

Flechtenmit Maisstroh: Keine Vorkenntnisse notwendig

Bei der Arbeit greift man übrigens auf Material mit speziellen Voraussetzungen zurück: „Eine alte Maissorte mit extra langem Stroh eignet sich nämlich besonders gut dafür. Denn je länger die Fasern sind, desto weniger Verbindungsstellen braucht man beim Flechten“, erklärt Siakkos. Für die Kurse braucht es übrigens keine Vorkenntnisse, sie sollen dazu befähigen, die Technik von Grund auf zu erlernen und weiter auszuüben. Die Flechtmeisterinnen lassen an ihrem praktischen Wissen sowohl im Bildungshaus Retzhof als auch im Handwerkszentrum Pomelaj teilhaben, „wir unterstützen vor allem didaktisch“, so Siakkos.

Auf die Initiative gibt es bereits größere Resonanz, das Steirische Heimatwerk und das Österreichische Freilichtmuseum Stübing haben schon Interesse an Kooperationen bekundet. Auch Siakkos spinnt schon Ideen weiter und denkt darüber nach, Maisstroh später einmal vielleicht mit Naturfarben einzufärben. „Aus alten Fotos ist ein lebendiges Projekt entstanden“, sagt sie, „ich bin sicher: Das ist erst der Anfang.“ Über neue Termine kann man sich via www.retzhof.at informieren.