Neue ÖSV-PräsidentinRoswitha Stadlober: "Im Verband ist schon eine richtige Aufbruchstimmung entstanden"

Seit Freitag ist Roswitha Stadlober (58) die erste Frau an der Spitze des ÖSV. Ein Gespräch über Sport, die Genese ihrer Präsidentschaft und Vorbildwirkung.

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Roswitha Stadlober
Roswitha Stadlober © GEPA pictures
 

Sagt man zu Ihnen eigentlich: Herzliche Gratulation zum Posten der ersten Präsidentin im ÖSV? Oder eher: Da haben Sie sich aber was aufgehalst ...?
ROSWITHA STADLOBER: Ich nehme die Gratulationen dankend entgegen. Auch wenn ich eigentlich im Sommer die Funktionärstätigkeit beenden wollte. Zehn Jahre sind genug, habe ich mir gedacht. Dazu kam das Theater im ÖSV.

Warum kam es anders?
Ich war mit Michael Walchhofer immer in gutem Kontakt, wir wohnen in Nachbarorten, bildeten oft Fahrgemeinschaften. Er hat mich gebeten, weiterzumachen, wie dann auch Karl Schmidhofer. Und dann ging alles sehr schnell, es war turbulent. Als Karl mich angerufen hat und mir die Situation rund um seinen Sohn geschildert hat, waren wir beide den Tränen nahe. Da kann man nur alles Gute wünschen. Aber dann muss man die Verantwortung wahrnehmen. Ich kenne den Verband gut und weiß, welche Aufgaben dringend angegangen werden müssen.

Haben Sie lange überlegt?
Der verstorbene Schladminger Bürgermeister Hermann Kröll hat einst zu mir gesagt: ‘Wenn du es nicht machst, macht es jemand anderes.’ Und wir haben ja gerade Zeiten, wo man Frauen an der Spitze sehen will, ganz speziell im männerdominierten Sport. Warum sollte es also nicht an der Zeit sein, diese Herausforderung anzunehmen?

Im Gegensatz zu ihren Vorgängern werden sie aber nicht mit dem Generalsekretär die Geschäfte der Tochtergesellschaften führen. Warum nicht?
Das stimmt so nicht ganz. Wenn bei diesen Gesellschaften der ÖSV rechtlich verantwortlich ist, dann unterschreibe ich. Es gibt auch klare Richtlinien, ab welchen Beträgen an die Präsidentin berichtet werden muss. Patrick Ortlieb und ich arbeiten in diesen Bereichen als Team eng zusammen.

Wie ist das dann mit dem neuen „Führungsdreieck“?
Es ist jedenfalls ein stehendes Dreieck, mit mir an der Spitze. Patrick Ortlieb und Christian Scherer sind ausgezeichnet für ihre Funktionen geeignet.

Sie haben versprochen, etwas Neues machen zu wollen. Was braucht der Verband?
Ein Beispiel ist die Digitalisierung. Im ÖSV sind viele Mitarbeiter ständig unterwegs, wir brauchen Tools, die es möglich machen, dass alle zum gleichen Zeitpunkt dieselben Informationen haben. Und aufgrund unserer Größe benötigen wir eine kompetente Human-Resources-Abteilung. Karl Schmidhofer hat mit uns bereits eine Strukturreform begonnen und dieses Projekt werde ich mit meinem Team weiterführen. Es ist erforderlich, sich für die neuen Aufgaben breit aufzustellen.

Und sportlich?
Läuft ja alles sehr gut! Mit Sportdirektor Toni Giger sind und seinen Mitarbeitern haben wir viel Expertise. Doch auch da müssen wir uns den aktuellen Herausforderungen stellen, Stichwort Trainingsstätten. Wir, das Präsidium, wollen hier unterstützen und mithelfen, optimale Bedingungen zu gewährleisten. Mit Patrick Ortlieb für den alpinen Bereich und mir für die Nordischen sind wir sehr gut aufgestellt. Alle Vizepräsidenten werden sich mit ihren Zuständigkeiten einbringen. Wir haben 2024 eine WM am Kulm, 2025 eine in Saalbach – da werden wir neue Maßstäbe setzen, auch was die Nachhaltigkeit von Events betrifft.

Sie betonen das Team – wie wichtig ist ihnen das?
Sehr wichtig. Es geht um Wertschätzung und Respekt. Ja, eine Präsidentin steht vorne, aber es ist wie in einem Unternehmen: Ich kann – und will – nicht alles alleine machen. Man muss delegieren und Vertrauen können. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Verband machen ihre Arbeit gut. Da ist eine richtige Aufbruchstimmung entstanden, vieles wurde schon geändert und reformiert. Wir müssen das aufnehmen und weiterentwickeln.

Und das mit den Zuständigkeiten wird auch klappen?
Ich sehe das so wie bei Kindern, die das erste Mal in die Schule kommen. Da findet dann auch jeder seinen Platz in der Gruppe und am Ende hat man ein eingeschworenes Team.

Jetzt, wo Peter Schröcksnadel in der FIS ist, will er gleich das umsetzen, was er als ÖSV-Präsident immer bekämpfte: die zentrale Vermarktung aller Rennen.
Wir sind darüber informiert und werden uns das noch genau ansehen. Wichtig ist dabei, dass die nationalen Verbände nicht schlechter gestellt sind.

Was würden Sie am alpinen Weltcup ändern wollen?
Ich will hier nicht vorgreifen, da für den alpinen Bereich Patrick Ortlieb zuständig ist und sich hier gemeinsam mit Toni Giger einbringen wird. Da sind Experten am Werk. Es gibt aber natürlich Dinge, die verbesserungswürdig sind.

Wird der ÖSV mit ihnen anders?
Ganz sicher. Jeder hat seinen Stil. Ich bin eine Frau und eine ganz andere Persönlichkeit als Peter Schröcksnadel. Der Umgang untereinander wird sicher anders.

Bitte nicht wertend verstehen: Was können Frauen denn besser?
Ich kann nur von mir sprechen. Ich bin empathischer, lege Wert auf Konsens und Teamarbeit. Es geht mir um Werte, die man mitbekommen hat und die man selbst weitergeben will. Respektvoller Umgang ist mir wichtig, auch wenn man hitzig diskutieren kann. Man soll sich nicht in Worten vergreifen, das ist ein No-Go für mich. Frauen sind einfühlsamer, haben einen andern Zugang, einen anderen Blickwinkel. Und im Teamgefüge, auch in vielen Unternehmen, sieht man, wie wichtig es ist, dass es gemischte Teams gibt. Das gilt übrigens für männer-, wie auch für frauendominierte Berufe.

Sehen Sie sich als Vorbild?
Das glaube ich schon. Es ist ein Anreiz für viele Frauen, zu überlegen, ob man eine Führungsrolle übernehmen soll. Aber natürlich muss man selbst es wollen. Es muss auch ein Antrieb da sein, zu führen.

Gemessen werden Sie als Präsidentin letztlich aber, wenn wir Skandale einmal ausblenden, ausschließlich am sportlichen Erfolg des Verbandes, oder?
Ich bin sehr geprägt durch meine Familie – und in dieser haben alle Hochleistungssport gemacht oder machen ihn noch. Ich weiß, dass alle unsere Athletinnen und Athleten viel investieren, damit sie dort ankommen, wo sie hinwollen. Alle werden ihr Bestes geben, auch Trainerinnen und Trainer. Was ich damit sagen will: Wir können alles am Reißbrett nur gut planen. Es gibt aber immer viele Faktoren, die beeinflussen, wie es dann ausgeht. Doch auch jenseits von Erfolg und Misserfolg gibt es Werte, die wir repräsentieren und weitergeben wollen und für die wir stehen.

Der Präsident war bekannt für seine Prognose vor Großereignissen, die Jahr und Tag lautete: Sechs bis acht Medaillen. Wie lautet ihre für Peking?
Ich nehme jede Medaille dankbar an. Ich erlebe ja, wie viel investiert wird. Ich wünsche jedem, dass alles aufgeht, weil ich Investition an sich so wertvoll finde. Aber um die zehn Medaillen, das wär so meines.

Und abseits von Medaillen?
Natürlich wäre es gut, wenn wir uns den Nationencup wieder von der Schweiz zurückholen. Es wäre auch fein, wenn wir die Springer-Tournee wieder gewinnen. Ich hoffe, dass unsere Damen wieder so großartig abschneiden. Und ich hoffe, dass die Entwicklung weitergeht und wir bald überall dieselben Preisgelder für Damen und Herren haben. Es wäre an der Zeit, das hinzubekommen.

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