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Olympia 2020Der längste Marathon der Welt dauerte 54 Jahre

Japanische Läufer schrieben bei Olympischen Spielen Marathongeschichte – als „Finisher“ nach erst 54 Jahren, als Gewinner für ein falsches Land, als Gänsehaut-Lieferant.

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Shizo Kanakuri, hier bei seinem zweiten Olympia-Start 1924
Shizo Kanakuri, hier bei seinem zweiten Olympia-Start 1924 © The Asahi Shimbun via Getty Imag (The Asahi Shimbun)
 

1,4 Millimeter pro Minute. Mit diesem schneckenhaften Durchschnittstempo absolvierte Shizo Kanakuri seinen ersten olympischen Marathon. Damit gelang ihm eine „Finisher-Zeit“ von 54 Jahren, acht Monaten, sechs Tagen, acht Stunden und 32 Minuten. Gestartet war Kanakuri wie seine 67 Kontrahenten beim Marathon der Olympischen Spiele 1912 ganz offiziell am 14. Juli im Stockholmer Olympiastadion. Dann kam dem Japaner bei Kilometer 27 aber zunächst die Kraft abhanden, dann ein Glas Himbeersaft und anschließend ein ganz normales Berufs- und Familienleben dazwischen. Den Zieleinlauf holte er erst 1967 nach. Es ist eine der kuriosesten Episoden der Marathon- und Olympiageschichte.

Sie beginnt im Mai 1912 am Bahnhof in Tokio. Zusammen mit einem Landsmann, einem Kurzstreckenläufer, macht sich Shizo Kanakuri auf den Weg zu den Olympischen Spielen nach Stockholm. Die beiden sind die ersten asiatischen Sportler überhaupt, die an Olympischen Spielen der Neuzeit teilnehmen. Mit dem Zug geht es los, weiter per Schiff nach Wladiwostok und dann zehn Tage mit der Transsibirischen Eisenbahn quer durch Russland und über Finnland nach Schweden. Die Reisestrapazen, das fremde Essen, das fehlende Training und die untypische Stockholmer Sommerhitze von fast 30 Grad werden Kanakuri schließlich im Wettkampf zum Verhängnis. Nach beherztem Beginn muss er bei Kilometer 27 völlig erschöpft eine Pause einlegen. Aus dem an der Strecke gelegenen Garten eines Einfamilienhauses wird ihm ein Glas Himbeersaft zur Stärkung und ein Stuhl zur kurzen Rast angeboten. Kanakuri nimmt beides an – und verfällt umgehend in einen komatösen Tiefschlaf.



Als er am nächsten Morgen aufwacht, ist das Rennen längst beendet und er für vermisst erklärt. Was für eine Schmach!
Unbemerkt reist er nach Japan zurück, entschuldigt sich bei seinen Studienkollegen, die ihm die Reise durch eine Spendenaktion finanziert hatten, und nimmt 1924 noch einmal an Olympischen Spielen teil, wo er den 16. Platz belegt. Den Marathon von 1912 aber beendet er erst 1967, als er nach Schweden eingeladen wird, um die letzten 13 Kilometer (die Streckenmessung war damals nicht so genau) fertig zu laufen.
Shizo Kanakuri startet vom Garten, wo er fast 55 Jahre zuvor das Rennen abge..., nein: unterbrochen hatte, und läuft bis ins Ziel im Olympiastadion. „Es war ein weiter Weg“, meint der damals 75-jährige emeritierte Uni-Lehrer nach dem langsamsten Marathon der Geschichte: „Unterwegs habe ich geheiratet, sechs Kinder gezeugt und zehn Enkel geschenkt bekommen.“

Es ist aber nicht die einzige kuriose Olympia-Geschichte eines japanischen Marathonläufers. Wobei: Son Kitei gewann zwar für Japan bei den Spielen 1936 in Berlin. Er tat dies allerdings unter falschem Namen und unter falscher Flagge. Son Kitei hieß eigentlich Sohn Kee Chung und kam aus Korea. Das Land war damals aber von Japan besetzt. Sohn und sein Landsmann Nan Sung Yong mussten daher mit dem roten Punkt auf weißen Grund am Trikot starten. Bei der Siegerehrung, während die japanische Hymne gespielt wird, verrät Sohns zu Boden gesenkter Kopf und sein leerer, trauriger Blick die wahren Gefühle des Athleten: „Ich bin nicht für die Japaner gelaufen. Ich bin für mich gelaufen, und für mein geschundenes Volk.“ Der Redakteur, der es daheim in Seoul wagt, am Siegesfoto die Flagge am Laufshirt – an der japanischen Zensur vorbei – wegzuretuschieren, muss ins Gefängnis, die Zeitung wird geschlossen. Sohn Kee Chung nimmt nach 1936 an keinem einzigen Wettkampf mehr teil. Öffentlich laufen sieht man ihn nur noch ein einziges Mal: 1988 – bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spielen in Seoul. Er trägt unter dem Jubel der Zuschauer die Fackel mit dem Olympischen Feuer ins Stadion, reißt dabei die Arme jubelnd in die Höhe. Und lacht.

Sohns Geschichte könnte hier enden. Das wahre Happy End gibt es aber vier Jahre später, bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona. Sohns koreanischer Landsmann Yong Cho Hwang liefert sich beim Marathonrennen mit dem Japaner Kichi Morishita bis kurz vor dem Ziel ein beherztes Duell um den Sieg. Am Ende setzt sich der Koreaner durch und holt Gold. Nach dem Rennen geht Hwang zu Sohn und hängt ihm die Medaille um den Hals. Ein Gänsehautmoment der Sportgeschichte.
Aber auch das offizielle Rennen endet einzigartig: Da die Abschlusszeremonie der Spiele direkt im Anschluss an den Marathon beginnt, werden Läufer, die länger als 2:45 Stunden unterwegs sind, in ein eigenes Ziel außerhalb des Olympiastadions umgeleitet.

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