Wer bremst, verliert – ein Leitspruch, der jahrelang in einer Art und Weise auch für die Formel 1 gegolten hat. Zumindest in den vergangenen Jahren gewann zumeist jener Fahrer, der später gebremst hat, um so schnell wie möglich durch die Kurve zu kommen. Seit diesem Jahr gestaltet sich die Situation in der Motorsport-Königsklasse jedoch etwas anders, startet man am 8. März in Australien doch in eine völlig neue Ära der prestigeträchtigen Rennserie. Das neue Reglement ist bereits vor dem Saisonauftakt wild umstritten und wird von Kritikern, darunter auch einige prominente Fahrer, als Ende der Formel 1 im klassischen Sinn gesehen.

Die Gründe dafür sind bestens versteckt vor den Blicken der Zuschauer, dreht sich 2026 doch alles um die Antriebseinheiten in den Boliden. Von klassischen „Motoren“ zu sprechen, würde diesen Wunderdingen der Technik dabei nicht gerecht werden. Nach Jahren der Turbo-Hybrid-Ära geht die Königsklasse neue Wege und brachte vor Jahren ein völlig neues Reglement auf den Weg. Seit Jahrzehnten ist die Königsklasse Treiber von Innovationen im Automobilsport, ein exklusives Versuchslabor der besten Ingenieure der Welt, deren Ideen und Entwicklungen in weiterer Folge auch in der breiten Masse Anwendung fanden. Damit blieb die Formel 1 auch in Krisen attraktiv für Hersteller – und vor allem relevant. Als sich vor Jahren dann die deutschen Automobilgrößen Porsche und Audi mit einem Einstieg beschäftigten, drängte man auf Veränderungen im Motorenbereich, um noch nachhaltiger und elektrischer zu werden.

Manager gesucht

Der Gipfel dieser Entwicklung ist nun mit dem neuen Motorenreglement erreicht. Ab dieser Saison kommt etwa nur noch die Hälfte der Energie in der Antriebseinheit aus einem klassischen Verbrennungsmotor. Dieser wird auch erstmals komplett von nachhaltigem Kraftstoff, den sogenannten E-Fuels, betrieben. Die restliche Energie liefert eine Batterie, die zum entscheidenden Faktor wird. Bereits vor dem ersten Grand Prix lässt sich sagen, dass die Rennen der Zukunft wohl nur über die elektrische Energie gewonnen werden können. Die Tage der draufgängerischen Benzinbrüder, die jedes km/h aus dem Verbrennungsmotor herauspressen, sind vorbei. Von nun an sind perfekte Energiemanager gefragter als harte Hunde.

Für Max Verstappen und Co ändert sich somit die grundlegende Herangehensweise an ein Rennen. Es geht nicht mehr darum, in jedem Sektor der Schnellste zu sein, sondern die vorhandene Energie optimal auf eine Runde aufzuteilen. Brachiale Vollgaspassagen gehören so vermutlich in den meisten Fällen der Vergangenheit an. Der Grund dafür liegt im Aufbau der Antriebseinheit ab diesem Jahr. Die komplizierte MGU-H, die grob gesagt elektrische Energie aus den Auspuffgasen gewann, fiel weg. Dafür bekam die MGU-K (Motor Generator Unit), die Strom aus kinetischer Energie gewinnt, mit bis 476 PS (zuvor ca. 160 PS) in den neuen Autos viel mehr Macht. Und genau diese Batterie will durch überlegte Bremsvorgänge auch aufgeladen werden.

Wer bremst, gewinnt

Passieren wird das auf der Strecke mit teilweise unüblichen Manövern und entgegen aller Intuitionen der Fahrer. In Hochgeschwindigkeitspassagen könnte etwa in niedrigere Gänge geschaltet werden, um die Batterie aufzuladen. In zahlreichen Kurven spielt deshalb auch der erste Gang wieder eine Rolle. Genauso dürfte dem sogenannten „Lift and Coast“ mehr Bedeutung zukommen, bei dem ein Fahrer bewusst früher vom Gas geht, um Energie zurückzugewinnen. Am Ende einer Geraden kann durch das „Super Clipping“ ebenfalls Strom gewonnen werden. Dabei lädt die Batterie, sobald ein Fahrer Vollgas fährt – zumeist zum Leidwesen der Höchstgeschwindigkeit. Diese Aspekte zusammen werden wohl bereits im Qualifying am Samstag für neue Rennlinien und abgeänderte Herangehensweisen sorgen. Wie spannend die „neue Formel“ mit diesen Motoren werden kann, zeigt sich dann im Grand Prix am Sonntag.