Kurz vor Beginn der Europameisterschaft in Deutschland stattete ÖFB-Präsident Klaus Mitterdorfer dem Sportpresseklub Kärnten in Klagenfurt einen Kurzbesuch ab. Der 49-Jährige erzählt, was beim Fußball-Nationalteam hinter den Kulissen passiert. Er lobt die Professionalität von Teamchef Ralf Rangnick, verrät dessen Geheimrezepte, welche Rolle Ex-Eishockey-Trainer Ralph Krüger spielt und spricht über die Momente beim Bundespräsidenten und die gesellschaftspolitische Verantwortung des Sports.

Klaus Mitterdorfer über. . .

. . . die Wichtigkeit von Endrunden-Teilnahmen: „Sie sind wirtschaftlich und finanziell extrem wichtig. Weil hier Rahmenbedingungen für den Spitzenfußball, aber auch für den Amateurfußball geschaffen werden. Der ÖFB kassiert in Deutschland neun Millionen Euro von der UEFA.“

. . . den Stab des ÖFB bei der EM 2024: „Es sind neben den Spielern ein 30-köpfiger Betreuerstab vor Ort und sicher noch 30 Mitarbeiter im organisatorischen Bereich. Wir haben für die nötigen Rahmenbedingungen gesorgt, haben einen anderen Zugang: Mut, Freude, Begeisterung.“

. . . die Situation, wenn Krisenmanagement gefragt ist: „Es kann eigentlich tagtäglich etwas passieren. Aspern hätte am letzten Tag platzen können. Oder andere Themen. Ich versuche, mich auf Krisen vorab einzustellen. Wir haben etwa mit Ex-Eishockey-Trainer Ralph Krüger gearbeitet. Der bereitet Trainer in gewissen Settings vor. Rangnick war ja selbst noch nie bei einer Endrunde. Da gilt es zu klären, wie man gewissen Fragen begegnet, auf sie vorbereitet ist. Oder was zu tun wäre, wenn es eine Krise gäbe. Und sich nicht erst dann mit einer Krise auseinandersetzt, wenn die Krise bereits da ist. Das versuche ich auch in meinem Denken umzusetzen.“

. . . die Prämienverhandlungen mit dem ÖFB-Spielerrat: „Wir waren uns schnell einig, es herrschte Einvernehmen. Aber ein Punkt war ihnen besonders wichtig. Da kam der David Alaba zu mir und meinte: „Herr Präsident, wir haben da ein Problem. Der Laimer, der patzt sich dauernd beim Essen an und beschmutzt seinen Trainingsanzug. Und dann riecht der immer nach Essen. Könnten wir nicht bitte einen zweiten Trainingsanzug bekommen.“ Da war für mich klar: „Okay, dieses Problem lösen wir.“

. . . die Vorbereitung von Reden bei Bundespräsident Alexander Van der Bellen: „David Alaba kam zu mir und wirkte ein bisschen nervös. „Herr Präsident, was soll ich sagen, was erzähl ma denen, hast du eine Rede?“ Ich sagte, kein Problem – das brauchen wir nicht. Sag einfach, was dir am Herzen liegt. Die Verabschiedung war ein besonderes Erlebnis. Es gibt vor Medienterminen natürlich Briefings, wer dabei ist, wer welche Fragen stellt. Und da gab es schon den Aspekt, was sage ich. Es soll an die Öffentlichkeit, an die Mannschaft, an den Trainer gerichtet sein, an die Politik gerichtet sein, es soll nicht aufdringlich sein. Das war schon ein sehr schönes Erlebnis in der Hofburg.“

. . . seine Rolle, wie er sich im innersten Kreis der Mannschaft bewegt, Kabinenansprachen: „Nach manchen Spielen bin ich kurz in der Kabine, beglückwünsche die Spieler, diskutiere kurz mit ihnen. Sonst bin ich selten in der Kabine. Aber ich erlebe sie davor, oder im Flieger. Sie sind alle ganz normale Menschen. Die völlig normalen Regeln der Höflichkeit werden gelebt, sie kennen keine Arroganz. In Berlin werde ich aber nicht im Teamhotel sein, sondern bei den ÖFB-Mitarbeitern.“

. . . Fußball-Banketts in Berlin: „Ich versuche, viele Termine wahrzunehmen. In Berlin haben wir pro Spiel etwa 250 Sponsoren oder Partner dabei. Mir ist es wichtig, dass man mit ihnen im Austausch ist, zu ihnen „Danke“ sagt. Ein größer Teil des ÖFB-Budgets wird schließlich durch Sponsoren lukriert. Das hat eine große Bedeutung auch für mich persönlich. Ich habe in Gesprächen vielleicht ein wenig andere Zugänge, als andere Personen in solchen Positionen.“

. . . gesellschaftspolitische Verantwortungen, Einladungen, erlauchte Funktionärs-Kreise: „Im Fußball sollte Vorbildwirkung herrschen. Ich komme aus dem Amateurbereich. Auch wenn Geld im Fußball eine große Rolle spielt: Gewisse Wege sind kein gutes Signal für die weiteren Generationen. Wie etwa Vergaben der nächsten Weltmeisterschaften. Wenn auf drei Kontinenten gespielt wird. Das geschieht, um den Weg für Saudi-Arabien 2034 zu öffnen. Da muss man pro WM-Vergabe mit 10 bis 20 Milliarden Euro rechnen. Ein Schritt zurück wäre vernünftiger. Allein darüber nachzudenken und das zu äußern, führt aber zu Irritationen. Das habe ich bereits erlebt.“

. . . die Arbeit von Teamchef Ralf Rangnick: „Er erreicht die Menschen, hat alle hinter sich. Weil er sich akribisch mit allen Themen auseinandersetzt. Auf diesem Top-Level ist eben das Unbequeme das Erfolgbringende. In Österreich kommt man aus dem Braten im eigenen Saft nicht heraus, schaut auf seine Freunde – das mag ja ein schöner Zugang sein. Aber auf Top-Level passt das eben nicht. Das kann manchmal schwer sein, wenn man betroffen ist. Aber es bringt Erfolg. Er ist ein Vollprofi. In Windisch-Garsten hat er beim Camp für die Kinder bei strömendem Regen eine Stunde lang Autogramme geschrieben.“

. . . den abgewehrten Flirtversuch der Bayern: „Der ÖFB hatte nie mit dem FC Bayern Kontakt. Es war letztendlich Rangnicks Entscheidung. Wir haben ihm nur erklärt, wie dankbar wir für die Entwicklung in den letzten zwei Jahren waren. Wie sehr wir seine Arbeit schätzen und hoffen, dass es über 2025 hinaus eine Bindung gibt. So etwas bedeutet ihm viel und auch, dass sein Wort in anderen Bereichen Gewicht hat. Bei der Stadionfrage in Wien, oder bei der Trainerentwicklung etwa.“

. . . die Werkzeuge, mit denen Rangnick arbeitet: „Man sieht, mit wie vielen Themen er sich auseinandersetzt. Es war das Auswärtsspiel in Belgien. Wir saßen im Flieger. Das Protokoll sieht vor, dass Rangnick und ich, wir beide in der ersten Reihe sitzen. Beim Aussteigen klopft er mir auf die Schulter und drückt mir einen Karabiner in die Hand. Dieser sei für mich und ich soll ihn bestmöglich bei den Spielen immer bei mir tragen. Für ihn sei das ein Zeichen, das gibt er den Menschen, denen er vertraut. Spielern, Betreuern, Trainern. Er soll Zusammenhalt symbolisieren.“

. . . weitere Geheimrezepte Rangnicks: „Wir waren bei der EM-Vorbereitung in St. Gallen. Rangnick hat jedem Spieler ein kleines Buch geschenkt, dass sie in den freien Tagen bis zum Treffen in Berlin lesen sollten. Es beinhaltet individuelle Botschaften für einzelne Spieler. Ich habe mit ihnen gesprochen. Michael Gregoritsch sagt etwa, dass er die Spieler mitreißt. Auch die Trainings mit seinem Stab (Rangnick verfügt über ein 30-köpfiges Betreuerteam, Anm.) seien ein klarer Qualitätsunterschied zu früher.“

. . . Eigenheiten und Dynamiken des Amtes: „Bis zum Jahresende erfolgt die Entscheidung, welchen Weg ich gehen werde. Aber die Funktion des ÖFB-Präsidenten ist kein Selbstläufer, vieles schlummert derzeit im Verborgenen. Ich konnte zumindest ein wenig für Ruhe sorgen. Die Erfolge des A-Nationalteams waren wichtig. Und auch der Baustart des ÖFB-Campus Aspern. So etwas besitzt Kraft und eine gewisse Dynamik. Diejenigen, die gerne schießen, tun sich natürlich schwer. Ich habe aber immer versucht, alle mitzunehmen, niemanden auszulassen. Und, dass der Sport im Vordergrund steht, nicht das Gremium.