Natürlich sei die Situation komplex, sagt die Ungarin, die erstmals ein Stück auf Deutsch inszeniert, im Interview mit der APA. Heute ein russisches Stück, eines zumal, in dem Militärs auftreten, im Westen auf die Bühne zu bringen, gibt zu den herkömmlichen Regie-Aufgaben noch einiges dazu. Sie halte aber gar nichts davon, angesichts von Putins Angriffskrieg russische Kultur an sich zu verteufeln. Tschechow sei wie Tschaikowski oder Dostojewski fraglos Teil der Weltkultur. Er erzähle von Gefühlen, die jeder Mensch habe. "Deshalb wird das Statement, das ich auf der Bühne mit meiner Arbeit abgebe, mehr ein humanitäres als ein politisches."

Tschechow habe eine lange Tradition in Ungarn, meint Székely, die im Lockdown bei einem Online-Festival für das Landestheater Niederösterreich entdeckt wurde. Sie selbst hat bereits "Onkel Wanja", "Die Möwe" und "Platonow" inszeniert. Das Katona József Theater in Budapest, in dessen Team sie seit ihrem Studienabschluss im Jahr 2015 arbeitet, sei allerdings eines der letzten Bollwerke, an dem progressive Theaterarbeit in Ungarn noch möglich sei.

Die Orbán-Regierung habe schon seit längerem den Kulturkampf ausgerufen. In der Kultur soll es nur noch darum gehen, das "wahre Ungartum" zu stärken, "was immer das ist". Regierungstreue Funktionäre ohne Theatererfahrung seien an die Spitze von bedeutenden Bühnen berufen worden, um diese Linie zu exekutieren. "Wir dagegen werden von der Budapester Stadtregierung gefördert. Solange diese in Opposition zu Orbán steht, werden wir weiterarbeiten können. Was danach kommt, weiß niemand."

An einen Systemwechsel in Ungarn glaubt die 39-Jährige nicht mehr. "Dazu sitzt er vor allem am Land viel zu fest im Sattel. Er hat ein Ein-Parteien-System etabliert und es geschafft, praktisch alle großen Medien zu kontrollieren. Außerhalb von Budapest und einigen anderen Städten hat er damit das Meinungsmonopol." Damit beeinflusse er in allen wichtigen Fragen die Stimmung im Land - etwa im Ukraine-Krieg. "Niemand ist für diesen Krieg. Aber Orbáns unklarer Kurs in diesem Zusammenhang orientiert sich eher an seiner kritischen Haltung zur EU. Viele Leute durchschauen das nicht."

Kriszta Székelys eigener Lebensweg hat bereits einige überraschende Wendungen hinter sich. Ausgebildet wurde sie zur klassischen Balletttänzerin. "Mit 19 war ich eine Ballerina. Ich war wirklich gut und hatte auch schon einen Vertrag mit der Oper. Aber plötzlich hatte ich das Gefühl, einen anderen Weg gehen zu müssen. Ich war jung und habe mich völlig frei gefühlt. Ich habe Antworten gesucht auf die großen Fragen: Was ist der Sinn des Lebens? Was ist Wahrheit? Und ich hatte das Gefühl, die Antworten in Asien finden zu können."

Kurzerhand kaufte sie ein Flugticket und flog nach Laos. "Ich dachte, ich bleibe drei Monate. Dann wurden vier Jahre daraus." Als ihr das Geld ausging, eröffnete sie eine Bar. Und irgendwann war klar: Die Suche nach den Antworten auf ihre Fragen kann sie auch in Europa fortsetzen. Sie kehrte also nach Budapest zurück und studierte Regie an der Universität für Theater und Filmkunst (SZFE). Just als sie dort selbst zu unterrichten beginnen sollte, entzog die Orbán-Regierung der Uni ihre Autonomie, was eine breite Protestbewegung nach sich zog, die auch im Westen Aufmerksamkeit fand. Dass die ostentative Solidarität anderer europäischer Theater mittlerweile kaum mehr spürbar ist, sei nicht wirklich schlimm, findet Szekely: "Natürlich hilft dir die Sympathie anderer und gibt zusätzliche Kraft. Aber am Ende musst du selbst einen Weg finden, wie du weitermachst."

Kriszta Székely, die für ihre Inszenierungen in Ungarn bereits mehrfach ausgezeichnet wurde, wird weitermachen. Am Katona József Theater, wo sie Hausregisseurin und Mitglied der künstlerischen Leitung ist; in Turin, wo sie mit einer "Onkel Wanja"-Inszenierung debütierte und demnächst "Richard III." in der Ästhetik einer zeitgenössische Politsatire auf die Bühne bringen will; und, durchaus möglich, auch im deutschsprachigen Raum. Die "Drei Schwestern" könnten das Aufbruchssignal dazu geben. Auch, wenn der Ruf dann anders lauten wird als: "Nach Moskau! Nach Moskau!"

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - "Drei Schwestern" von Anton Tschechow, Inszenierung: Kriszta Szèkely, Bühne: Eszter Kálmán, Kostüme: Dóra Pattantyus, Musik: und Sounddesign Flora Lili Matisz. Mit: Tobias Artner, Tim Breyvogel, Florian Carove, Marthe Lola Deutschmann, Bettina Kerl, Florentin Groll, Julia Kreusch, Laura Laufenberg, Lennart Preining, Michael Scherff. Landestheater NÖ, Sankt Pölten, Premiere: 2.12., 19.30 Uhr, Nächste Aufführung: 16.12., )