Erneut steht Buczacz - zufällig auch Geburtsort von Simon Wiesenthal, dem Namensgeber des den Abend veranstaltenden Wiesenthal Instituts für Holocaust-Studien - im Mittelpunkt. "Ich habe versucht, die Geschichte einer Welt zu erzählen, die heute nicht mehr existiert. Ich wollte den Menschen dort nicht nur eine Geschichte, sondern eine Vorgeschichte geben", sagte Bartov. Das Präfix "vor" heißt in diesem Fall: Vor der Entzweiung der bis ins 19. Jahrhundert zusammenlebenden Gruppen der Polen, Ukrainer und Juden, vor Entstehung von Nationalismus und Rassismus, vor Krieg und Völkermord.

Bartov wollte dabei nicht die Draufsicht des Historikers, sondern die Innensicht der Betroffenen ins Zentrum stellen. "Es ist eine First-Person-History." Das bezieht sich auch auf Bartovs 1935 nach Palästina ausgewanderte Mutter, die der Sohn erst 1995, drei Jahre vor ihrem Tod, begann, detaillierter nach ihrer Jugend im damaligen Ostpolen zu befragen. Ein langes Interview mit ihr ist im Buch abgedruckt. Die verschiedenen Stimmen ergeben "ein Mosaik von Sichtweisen, das am Ende kein glattes Bild entstehen lässt", so der Historiker.

Einst war die im Mittelalter gegründete Stadt multiethnisch und vielsprachig. Heute leben rund 13.000 Menschen in dem Städtchen südöstlich von Lviv (Lemberg), vorwiegend Ukrainer und kaum noch Nachfahren der einstigen polnischsprachigen Bevölkerungsteile. Die einstige jüdische Gemeinde, die früher sogar die Mehrheitsbevölkerung der Stadt stellte, wurde vernichtet oder in die Diaspora zerstreut. "Die Geschichten, die diese Gruppen erzählen, haben nur eines gemeinsam: Alle fühlen sich als Opfer."

Spuren seiner eigenen Vorfahren hat Omer Bartov trotz 20-jähriger Forschung kaum mehr gefunden. "Aus den Archiven ist meine Familie verschwunden. In Dokumenten existiert sie nicht mehr." Deshalb hat er in seinem nächsten Buch, das im Jänner auf Englisch erscheinen wird, einen Versuch unternommen, zu beschreiben, was in diesen Dokumenten stehen könnte: Rekonstruktion einer historischen Leerstelle. "Eigentlich ist es ein Roman." Es habe in den vergangenen Jahren vielversprechende Versuche gegeben, das kulturelle Leben und das historische Bewusstsein der Stadt, die er in "Anatomie eines Genozids" als "ein heruntergekommenes postsowjetisches Provinznest - arm, verfallen und depressiv" beschrieben hat, wiederzubeleben. Diese seien nun durch den Krieg ins Stocken geraten, so Bartov bei der Veranstaltung im Book Shop Singer. "Wir wissen nicht, wie es weiter geht. Ich hoffe aber, dass es weitergeht - und nicht Putin alles zerstört."

(S E R V I C E - Omer Bartov: "Tales from the Borderlands. Making and Unmaking the Galician Past", Yale University Press, 392 Seiten, 26,40 Euro)