Dass die 1948 im dänischen Exil verstorbene Autorin vergessen und jetzt wiederentdeckt worden sei, bezeichnet der Verleger Albert C. Eibl im Programmheft als "ein bisschen eine Legende": Lazar sei zu Lebzeiten keine öffentlich anerkannte Autorin gewesen. Die von Eibl im Verlag "Das vergessene Buch" herausgebrachten Stücke Lazars lagen jahrzehntelang unveröffentlicht im Nachlass. Der nun einsetzende Lazar-Boom brachte zuletzt auch im Wiener Burgtheater Aufführungen von "Der Henker" und "Die Eingeborenen von Maria Blut".
In St. Pölten hat sich Regisseurin Mira Stadler des blinden Passagiers mit sichtlicher Ambition angenommen. Das düstere Bühnenbild (Mira König) wirkt wie aus dem "Fliegenden Holländer" entliehen, bietet aber auch raffinierte räumliche Details, dazu wabert viel Bühnennebel. Die musikalische Unterlage von Aki Traar evoziert Krimi-Atmosphäre.
Lukas Walcher gibt den jüdischen Flüchtling Hartmann mit sympathischer Zurückhaltung und wird umso mehr zum zentralen Charakter des Geschehens. Auf der Flucht vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten landet er auf einem dänischen Frachtschiff, dessen Besatzung - ein Familienclan - an der schwierigen Situation scheitert und in eine massive Krise schlittert.
"Wie weit würden wir gehen, um ein anderes Leben zu retten", lautet die Gretchenfrage. Kapitän Petersen (Wolfram Rupperti) tut sein Möglichstes, ist aber letztlich ohnmächtig angesichts der evidenten Überforderung. Sein Sohn Carl (Tobias Artner) engagiert sich für die Humanität, Tochter Nina (Laura Laufenberg) entwickelt zarte Bande zu Hartmann, was ihren Verlobten Jörgen (Julian Tzschentke) in die Eifersucht treibt. Völliges Unverständnis zeigt die Mutter (Bettina Kerl), die das ersehnte Familienfest durch die entstandenen Konflikte verdorben wähnt.
Dass sich Hartmann am Ende umbringt, mag dramaturgisch und psychologisch nicht unbedingt schlüssig erscheinen. Vorsicht scheint auch geboten, den Plot des Stücks 1:1 auf die Gegenwart übertragen zu wollen. Dennoch ist diese Produktion verdienstvoll, denn die Frage nach individueller und gesellschaftlicher Mitverantwortung stellt sich damals wie heute: Wenn's drauf ankommt, wäre ich ein Held oder ein "Schweinehund"? Lazar lässt in ihrer Parabel über Zivilcourage und Menschlichkeit letztlich nur zwei Optionen offen.
(Von Ewald Baringer/APA)
(S E R V I C E - St. Pölten, Landestheater NÖ: Maria Lazar, Der blinde Passagier. Regie: Mira Stadler. Mit Wolfram Rupperti, Laura Laufenberg, Tobias Artner, Bettina Kerl, Julian Tzschentke, Lukas Walcher. Weitere Aufführungen bis 22. Mai, am 27. März Gastspiel im Stadttheater Wiener Neustadt. Information und Fotomaterial: www.landestheater.net)