Insgesamt sind für die Verhandlung bis Dezember 82 Verhandlungstermine anberaumt. Dem Angeklagten werden 204 Straftaten vorgeworfen, die er laut Gericht zwischen Jänner 2021 und September 2023 zum Nachteil von über 30 Kindern und Jugendlichen begangen haben soll. Der Deutsch-Iraner war im Sommer in Hamburg in der elterlichen Wohnung festgenommen worden. Er sitzt seit Mitte Juni in der Jugendvollzugsanstalt Hahnöfersand in Untersuchungshaft.

Begangen haben soll er die Tötungsdelikte in mittelbarer Täterschaft. Das heißt, er soll seine Opfer dazu überredet haben, sich selbst zu töten. In einem Fall, bei einem 13-jährigen Buben aus den USA, ist ihm das laut Anklage auch gelungen. Eine 14-jährige Kanadierin habe versucht, sich umzubringen.

"White Tiger" soll der Kopf einer Gruppe von Cyberkriminellen gewesen sein, die aus sexueller Motivation heraus Kinder im Alter von elf bis 15 Jahren im Internet zu Gewalt gegen sich selbst gezwungen haben. Dabei soll er besonders verletzliche Kinder in sozialen Medien emotional von sich abhängig gemacht haben, um die von ihm initiierte starke Verbundenheit unter anderem für die Erstellung von Aufnahmen mit Missbrauchsinhalten der Kinder und Jugendlichen auszunutzen.

Die Opfer stammen nach Angaben der Ermittler aus Deutschland, England, Kanada und den USA. Eine junge Finnin wurde laut Gericht als Nebenklägerin geladen. Zwei der deutschen Opfer kommen demnach aus Hamburg, eines aus Niedersachsen.

Um Forderungen des Beschuldigten nach immer heftiger werdenden Inhalten nachzukommen, verletzten sich die Kinder laut Anklage in Livechats unter den Augen von Zuschauern selbst erheblich oder übten sexuelle Handlungen an sich aus. Hiervon soll "White Tiger" Aufzeichnungen gefertigt haben, um den Kindern anschließend mit deren Veröffentlichung zu drohen, sollten diese sich nicht noch gravierendere Selbstverletzungen vor laufender Kamera zufügen.

Die Hamburger Polizei hatte bereits im Jahr 2021 gegen den heute 21-Jährigen ermittelt. Damals ging es laut früheren Angaben der Staatsanwaltschaft um den Verdacht des Besitzes von Aufnahmen mit Missbrauchsbildern. Die Ermittlungen seien jedoch wegen Geringfügigkeit eingestellt worden.

Die US-Bundespolizei FBI hatte 2023 ihre Ermittlungsergebnisse zu "White Tiger" mit den deutschen Behörden geteilt. Ein ehemaliger FBI-Ermittler sagte dem "Spiegel", er habe das Landeskriminalamt bei einem Treffen in Hamburg im Februar 2023 über die Identität des Beschuldigten informiert. Zugleich warf er den deutschen Behörden vor, es versäumt zu haben, den damals 17 Jahre alten Verdächtigen zeitnah aus dem Verkehr zu ziehen.

Die Hamburger Staatsanwaltschaft bestätigte das geschilderte Treffen in Hamburg. Direkt danach sei ein Ermittlungsverfahren gegen "White Tiger" eingeleitet worden - zunächst wegen des Vorwurfs des Umgangs mit Inhalten bezüglich des Missbrauchs von Kindern. Ein für verdeckte Ermittlungen nötiger Tatverdacht des Mordes oder versuchten Mordes habe sich aus den vom FBI überlassenen Unterlagen zunächst nicht ergeben.