Hierzulande ist die 1977 geborene Tochter einer estnischen Mutter und eines finnischen Vaters seit ihrem 2010 auch auf Deutsch erschienenem dritten Roman "Fegefeuer" bekannt. Das Buch erhielt die wichtigste literarische Auszeichnung Nordeuropas, den Nordischen Literaturpreis. Seither gilt Sofi Oksanen als Garant für harte, schonungslose Geschichten mit starkem feministischen Touch, die im Nordosten Europas spielen, wo die einstige sowjetische Einflusssphäre noch immer nachwirkt. Mit "Stalins Kühe" und "Als die Tauben verschwanden" ergab "Fegefeuer" eine Trilogie über die Kriegs- und Nachkriegsgeschichte Estlands. Bei den kommenden Salzburger Festspielen zählt Oksanen zu jenen zehn Autorinnen, die eingeladen wurden, je eine Szene von Arthur Schnitzlers "Reigen" zu überschreiben.

"Hundepark", im Original 2019 erschienen, ist raffiniert geschrieben, wechselt ständig Schauplätze und Zeitebenen und lässt die Leser lange im Dunkeln tappen. Was soll daran dramatisch sein, wenn sich in einem Park in Helsinki eine Frau zu einer anderen setzt, die auf einer Parkbank ganz harmlos einer Familie beim Herumtollen mit ihren Kindern und ihrem Hund zusieht? Und doch ist die Hauptfigur und Ich-Erzählerin Olenka sofort alarmiert, als sie beiläufig angesprochen wird und in der aufdringlichen Gesprächspartnerin Daria erkennt. Viel scheint die beiden Frauen zu verbinden, Daria übernimmt sofort das Kommando und scheint aus unerklärlichen Gründen viel Macht über Olenka zu haben. Es geht sofort ums Ganze. Um die Zukunft. Ums Leben.

Schicht um Schicht wird die Vorgeschichte und das damit verbundene komplexe Netz an Geschäftsbeziehungen, Abhängigkeiten und persönlichen Tragödien enthüllt. Es geht um die tristen Lebensverhältnisse in den Nachfolgestaaten der UdSSR, um die Orange Revolution in der Ukraine, den Krieg in der Ostukraine und eine brutale Art der Geschäftemacherei, die das wirtschaftliche und politische Leben in manchen Ländern durchdrungen und korrumpiert hat. Und es geht um ein neues Geschäftsmodell zwischen Ost und West: Eigene Agenturen vermitteln kinderlosen Paaren im Westen die Erfüllung ihres Kinderwunsches durch ein professionelles Ausnutzen laxer Gesetze in den Ost-Staaten. Nur scheinbar ist das ein besseres Business-Modell als das illegale Schürfen nach Kohle im eigenen Garten oder das aus den eigenen Mohnfeldern gewonnene Rohopium. Denn überall hat die Mafia ihre Hände mit im Spiel, und auch die medizinischen Risiken sind nicht ohne.

Oksanen gibt ein düsteres Sittenbild und gleichzeitig einen kleinen historischen Abriss über die politischen Entwicklungen der Region in den vergangenen Jahrzehnten. Sie zeigt ebenso plastisch wie nüchtern die Lebensverhältnisse und -optionen der dortigen jungen Frauen auf. Ab der Mitte des Buches nimmt der Thriller richtig Fahrt auf, und allmählich versteht man die Eingangssituation und die damit verbundenen Emotionen. Was man bis zum Schluss nicht ganz versteht, ist der harmlose, nichtssagende Titel und das blumige Cover. Verkaufsfördernd ist anders. Dabei hätte sich das Buch wirklich viele Leserinnen und Leser verdient.

(S E R V I C E -Sofi Oksanen: "Hundepark", Übersetzt von Angela Plöger, Kiepenheuer & Witsch, 474 Seiten, 23,70 Euro)