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UNO-Generalsekretär: Globale Krise braucht globale Lösungen

Der frühere UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon hat angesichts der Corona-Krise und anderer globaler Herausforderungen appelliert, weltweit zusammenzustehen. "Ich habe immer betont, dass Probleme von globalem Ausmaß auch globaler Lösungen bedürfen", erklärte Ban in einem schriftlich geführten Interview mit der APA. Die Pandemie "kann nur mit gemeinsamen Bemühungen und Einigkeit überwunden werden".

© Ritzau Scanpix
 

Ban, der von 2007 bis 2016 die Vereinten Nationen leitete, warnte zugleich: "Die Angst, angesteckt zu werden, hat auch zu einem Anstieg bei Rassismus und Fremdenfeindlichkeit geführt. Solch ein beklagenswertes Verhalten wird sicherlich nicht dazu dienlich sein, die Ausbreitung des Virus aufzuhalten. Wir dürfen niemals vergessen, dass wir alle in einem Boot sitzen", mahnte der 75-Jährige.

Dass sich seine Heimat Südkorea mit seinen rund 51,5 Millionen Einwohnern so wacker in der Corona-Krise schlägt, führt Ban auf das Gesundheitssystem, das weltweit zu den besten gehört, aber auch auf weitere Faktoren zurück, nämlich: "Transparenz, Kreativität und Solidarität".

Dank des Schwerpunkts der Regierung in Seoul auf schnelle Massentestung samt Entwicklung effektiver Test-Kits könne Südkorea derzeit 15.000 Tests am Tag durchführen. Genau diese Zahl strebt Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) für Österreich mit seinen knapp neun Millionen Einwohnern nach wie vor an. "Die Kosten aller Tests - auch für Ausländer - übernimmt (in Südkorea) die Regierung", so Ban. "Die Regierung hat auch kreative Testformen verfolgt, wie Drive-In- oder Walk-Through-Kliniken." "Aggressives Testen" habe sich als entscheidend zur frühen Erkennung von Infizierten herausgestellt. Mehr als 120 Länder weltweit haben laut Ban Südkorea um Test-Kits ersucht. Man werde Unterstützung leisten, "nach unseren besten Möglichkeiten".

Genutzt würden in dem ostasiatischen Heimatland von IT-Konzernen wie Samsung oder LG auch GPS-Daten, um zu Erkenntnissen über die Ausbreitung des Virus zu kommen. In punkto Transparenz und Datenschutz bemerkte Ban Ki-moon: "Relevante Informationen wie die aufgezeichneten Bewegungen oder allgemeine Details eines bestätigten (Corona-)Infizierten werden mit der Öffentlichkeit umgehend und auf transparente Art geteilt. Zugleich wird darauf geachtet, dass die Privatsphäre von Patienten nicht verletzt wird."

Ins Treffen hinsichtlich einer erfolgreichen Virusbekämpfung führt er auch die "Reife der Koreaner als Staatsbürger", die eine "Schlüsselrolle bei der Eindämmung des Virus" gespielt habe. Die Bevölkerung halte sich einfach an die Anweisungen der Regierung zum Social Distancing und zur Verhinderung von Hamsterkäufen. So sei es nicht notwendig geworden, strikte Quarantänemaßnahmen, Grenzschließungen (eine Landgrenze hat Südkorea nur zum verfeindeten Nordkorea, die ohnedies abgeriegelt ist, Anm.) oder einen Flugreisestopp zu verhängen. "Trotz des dramatischen Anstiegs bei den bestätigten Fällen am Beginn des Krankheitsausbruchs hat Korea eine Stabilisierungsphase erreicht und drängt die weitere Ausbreitung des Virus stetig zurück", resümierte der frühere UNO-Generalsekretär gegenüber der APA.

Südkorea hatte mit Stand 3. April laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) 10.062 Corona-Fälle zu verzeichnen. Anfang März noch war Südkorea hinter dem Ursprungsland China weltweit mit Abstand das Land mit den meisten Infizierten. Heute liegt es an 15. Stelle. Damals war der höchste Krisenalarm ausgerufen worden. Auf dem Höhepunkt der Epidemie in Südkorea waren mehr als 900 zusätzliche Infektionen pro Tag registriert worden. In den vergangenen Tagen lag diese Zahl jeweils unter 100. 174 Menschen starben in Südkorea am Coronavirus. Bei den Gesamtzahlen liegen Österreich und Südkorea trotz des Unterschieds bei der Einwohnerzahl ziemlich ähnlich. In Österreich gab es mit 3. April 11.348 Infizierte und 168 Tote. Die Zahl der Zuwächse lag von Donnerstag auf Freitag aber in Österreich noch bei über 400.

Für Ban Ki-moon ist die Coronavirus-Pandemie auch die Stunde der Vereinten Nationen und der Global Governance (Weltregierung). Die WHO und andere spezialisierte UNO-Suborganisationen hätten schon zur Zeit der H1N1-Pandemie 2009 oder dem Ebola-Ausbruch in Westafrika 2014 unter Beweis gestellt, dass sie "vollkommen fähig sind, solchen globalen Bedrohungen zu begegnen". "Die WHO muss sich darauf konzentrieren ihre Kapazitäten voll zu nutzen, indem sie ihre operativen Kapazitäten stärkt", forderte Ban.

Die internationale Gemeinschaft wiederum müsse das Global-Governance-System und die Solidarität stärken und dafür auch die entscheidende Finanzierung zur Verfügung stellen, um vor allem auch armen Ländern zu helfen, die in Krisenzeiten selbst nichts mehr für die eigene Bevölkerung tun können. Der ehemalige Spitzendiplomat würdigte in diesem Zusammenhang den Beschluss der G20-Staaten, fünf Billionen Dollar (gut 4,5 Billionen Euro) aufzustellen, um der Corona-Krise weltweit auf allen Ebenen zu begegnen. Entwickelte Nationen müssten aber noch mehr tun. Ban nannte hier namentlich die USA.

Für den früheren südkoreanischen Außenminister und Botschafter in Wien gibt es zudem einen klaren Zusammenhang zwischen dem Coronavirus und dem Klimawandel. Zahlreiche Studien würden das belegen. "Das ist ein weiterer Grund, warum wir unermüdlich gegen die Erderwärmung arbeiten müssen." Bedenke man, dass der Klimawandel allgemein Infektionskrankheiten begünstige, "müssen wir eine nachhaltige und langfristige Finanzierung für Klimaanpassungsprogramme sicherstellen".

Angesprochen auf sein persönliches Befinden und Verhalten in der Corona-Krise, sagte Ban, er habe alle Pläne für die nahe Zukunft auf Eis gelegt und halte sich in Seoul an die gebotenen Regeln des Abstandhaltens. Er stehe aber telefonisch und per Videokonferenz in Kontakt mit besorgten Führungspolitikern und Experten, darunter WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus, und erörtere mit ihnen die Krisenpolitik. "Ich habe dabei auch eine Gesprächsrunde ins Leben gerufen zum Thema, welche Botschaft und Anregungen altgediente Führungspersönlichkeiten heutigen Weltpolitikern geben sollten."

Ban Ki-moon ist mit Altbundespräsident Heinz Fischer befreundet. Nach seiner Zeit als Generalsekretär gründete er das "Ban Ki-moon Centre for Global Citizens", das auch in Wien ein Büro hat. "Österreich habe einen besonderen Platz in seinem Herzen", so der frühere UNO-Generalsekretär, Österreich sei er jahrzehntelang verbunden - so sehr, dass sogar gescherzt werde, dass es in seiner Person einen zweiten UNO-Generalsekretär aus Österreich neben Kurt Waldheim gegeben habe. "In diesem Sinne hoffe ich, dass Österreich, Europa und der Rest der Welt, im Angesicht einer solch unsicheren Zeit stark bleiben."

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