Die Schirme, vor denen die Kollegen und Kolleginnen am multimedialen Desk im Newsroom sitzen, sind Arbeitsgeräte, aber auch schicke Insignien der Macht. Je mehr Screens, desto erhabener die Aura, die einen umfängt, die Profis beginnen bei drei aufwärts. Auf jeweils einem der Schirme, auf denen sonst Reichweitenkurven, Lesedauer und Konvertierungszahlen abzulesen sind, sah man gestern den ganzen Tag leicht flirrende Live-Bilder eines Vatikansenders. Sie zeigten einen Schornstein, umrahmt von Antennen und Möwen, die auf dem Ziegeldach hockten, Runden drehten, auf die anschwellenden Massen am Petersplatz hinunterblickten und ansonsten gebannt ausharrten wie wir. Als kurz nach 18 Uhr weißer Rauch aus dem Rohr quoll, schreckten sie auf. Tag zwei, Wahlgang vier. Doch kein langer „Bürgerkrieg“ hinter Schloss und Riegel.
Einige wenige Stunden bis zum Andruck, es hätte schlimmer kommen können. Man kann Nachrufe diskret vorbereiten, aber Beilagen zur Wahl eines Papstes nur sehr eingeschränkt. Eine fertige, ganzseitige Infografik über die Gewänder des Pontifex lag bereit, noch rasch gegengecheckt von zwei Experten der Theologischen Fakultät. Dann die Doppelseite mit den Klippen, auf die das Oberhaupt zusteuert und schließlich die Doppelseite mit Stimmen der lokalen Kirchenbasis. Auch sie: ein Torso. Es waren die Telefonate fixiert, mehr ging nicht. Das große Porträt war naturgemäß leer, das Feature aus Rom ebenso; es musste als Mail geschickt werden, weil das System zusammenbrach. Auf der Titelseite hoffte das Producing auf einen kurzen Vornamen und bekam ihn.
Leo, der Vierzehnte, der sanfte Löwe aus Chicago. Augustiner. Gleicher Orden wie Luther, als der noch Katholik war. Erste euphorische Potential-Prognosen in den Sondersendungen: Hoffnungsträger für eine taumelnde Welt. Robert Francis Prevost wartete lange, ehe er auf der Loggia die Stimme erhob, in makellosem Italienisch. Das Innehalten war, so schien es, kein stilles Auskosten des Moments, eher war es der Ergriffenheit geschuldet. Der Gefeierte trug wieder eine Stola, war das schon ein Zeichen, ein Indiz für einen Hauch mehr Traditionstreue? Die Spekulationen gingen los, auch die Spurensuche für eine erste Verortung. Soziallehre: leonisch, also Kontinuität. Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene: vorsichtiges Ja. Frauenordination: dezente Skepsis.
Geruch kalter Pizza, wie an Wahlabenden. Wir googelten den Namen und landeten auf einer leeren Wikipedia-Seite: wegen Umbaus vorübergehend geschlossen. Die Follower des neuen Papstes auf X schnellten noch am Abend von 10.000 auf 150.000 in die Höhe. Er hat erst kürzlich J.D. Vance in einem Post forsch zurechtgewiesen. These: Wurde hier mit der überraschenden Wahl eine Gegen-Ikone zum Normenbrecher Donald Trump subtil in Stellung gebracht? Wurde zum ersten Mal ein Amerikaner gewählt, weil dieser Pontifex - vielsprachig, integrativ, pragmatisch, zugewandt - gar kein Amerikaner mehr ist, sondern ein entamerikanisierter Weltbürger und Friedenspapst? Ein „Padre Bob“, wie sie ihn Peru genannt haben, ein Amerikaner als Gegen-Amerikaner? Zu viele Fragen für den ersten Abend, zu viele Fragen für den Andruck um elf. Wir haben ihn nicht geschmissen.
Eine anregende Lektüre der Papst-Beilage
wünscht
Kommentar
Papst Leo, der Gegen-Amerikaner
© AFP/Tiziana Fabi