Der Coup ist gelungen: Norbert Hofer hat die Reißleine gezogen, und keiner hat's vorher gewusst. Nachdem ihm so oft über Dritte - meist Medien - ausgerichtet worden war, wo es nach der Meinung anderer, vornehmlich jener von Noch-nicht-Parteichef Herbert Kickl, lang gehen sollte in der Partei, wird ihm das an diesem frühen Abend des 1. Juni durchaus Befriedigung verschafft haben.

Hofer ist exakt 50 Jahre alt - so manche Entwicklung der vergangenen Monate ließ ihn wesentlich älter aussehen. Insbesondere die ständigen Querschüsse des Klubobmannes im Parlament, der die FPÖ als Oppositionspartei schärfer und angriffiger positionieren will als es dem Naturell Hofers entspricht, belasteten sein Nervenkostüm.

Seinen Höhenflug hatte der scheidende FPÖ-Parteichef unter Vorgänger Heinz-Christian Strache, der ihn - fast gegen seinen Willen - an die Startlinie des Präsidentschaftswahlkampfes 2016 brachte. Der Sager, „Sie werden sich noch wundern, was alles möglich ist!“ wurde im Wahlkampf von vielen Menschen als unverhohlene Drohung empfunden, wonach die Rechte des Bundespräsidenten auf bisher völlig unübliche Weise ausgeweitet werden könnten. Ein Jahr später wusste Hofer: Er hatte es nur fast geschafft, musste Alexander Van der Bellen den Vortritt lassen.

Danach kam die Regierungsbeteiligung der FPÖ - eine Konstellation, in der sich Hofer als Infrastrukturminister wohl fühlte. Und dann das Ibiza-Video - das unsanfte Ende des Kabinetts Kurz-Strache verhagelte Hofer einen gemütlichen, von langer Hand geplanten neuerlichen Anlauf zum Sprung in die Hochburg. Die flotte Lippe des Vizekanzlers kostete diesen den Job und die FPÖ den Platz an der Sonne. Die undankbare Rolle des Chefs einer Partei, die am Boden lag, und jene des Spitzenkandidaten bei der nachfolgenden Nationalratswahl übernahm Hofer. Die Spesen-Krise ließ ihn am Wahltag mit einem dunkelblauen Auge da stehen. Dass Philippa Strache kandidierte, um das geschrumpfte Familieneinkommen wieder aufzupeppen, kam weder nach innen noch nach außen gut an.

Körperlich war Hofer oft angeschlagen - ein Paragleiter-Unfall, etliche Infektionen, zuletzt Covid machten ihm zu schaffen. Mit Zähigkeit und Energie kämpfte er sich jedes Mal zurück ins Geschehen. Zuletzt war er wieder drei Wochen auf Reha - Zeit zum Nachdenken, wie er heute einbekannte. Der Nachdenkprozess endete mit dem Entschluss, Schluss zu machen mit der politischen Karriere. 

Der gelernte Flugzeugtechnikeraus dem burgenländischen Pinkafeld ist in zweiter Ehe verheiratet und Vater von vier Kindern. Heute fährt er wieder begeistert Mountainbike und schwebt als Pilot im Flugzeug durch die Lüfte.

Als Dritter Nationalratspräsident - diese Funktion will er bis zum Ende der Legislaturperiode behalten - war er über alle Parteigrenzen anerkannt, obwohl der Fan des umstrittenen Malers Odin Wiesinger einer der Chefideologen der FPÖ und keinesfalls deren liberalerem Lager zuzuordnen ist. Aber Hofer ist freundlich, offen und vermag es, eine gewisse Objektivität und Seriosität auszustrahlen. Mühelos wechselte er bei Wahlkampfauftritten zwischen sanften Tönen und strammem Appell.

So agierte er auch als Infrastrukturminister und Regierungskoordinator von Türkis-Blau. Niemand färbte sanfter und mit weniger Aufsehen um. Kritik an seiner Amtsführung gab es kaum, und das obwohl er weit rechts stehendes Personal ins Ressort mitbrachte. Sein Weg zur neuerlichen Hofburg-Kandidatur schien geebnet.

Dass Hofer nicht nur der schmeichelweiche Dauerlächler ist, hat er des öfteren bewiesen, weshalb ihm das Image des "Wolf im Schafpelz" umgehängt wurde. Auch Parteiausschlüsse bei den Freiheitlichen exekutierte er, der bereits mit 23 Stadtparteiobmann in Eisenstadt war, notfalls mit aller Härte, etwa im Falle des niederösterreichischen Klubchef, der meinte, zu Hitlers Geburtstag Grüße ausrichten zu müssen.

Nach dem mageren Wahlergebnis war es seine Aufgabe, die FPÖ als Koalitionsbraut für VP-Chef Sebastian Kurz wieder hübsch zu machen. Und wieder hatte er das Nachsehen gegenüber den Grünen. Der angriffige Herbert Kickl rückte im Parlament als Speerspitze der Freiheitlichen zum Klubobmann auf. Es dauerte nicht lange, bis sich die Angriffe auch gegen (zu) Sanftmütige in den eigenen Reihen, namentlich gegen Norbert Hofer, richteten. Die Doppelspitze konnte nicht funktionieren. Hofer zog die Konsequenzen.