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Ibiza-AffäreSo reagieren deutsche Medien auf das Strache-Video

Pressestimmen zur Video-Affäre: "Zwei ungezogene Rotzlöffel" - "Keine b'soffene G'schicht" - "FPÖ mit heruntergelassenen Hosen" - "Alptraum".

MEDIENSPIEGEL ZU VIDEO UM VIZEKANZLER HEINZ CHRISTIAN STRACHE
MEDIENSPIEGEL ZU VIDEO UM VIZEKANZLER HEINZ CHRISTIAN STRACHE © (c) APA/HANS PUNZ (HANS PUNZ)
 

FPÖ-Vizekanzler Heinz-Christian Strache ist politisch Geschichte, alles andere als sein Rücktritt undenkbar - darin sind sich die Kommentatoren in österreichischen und deutschen Tageszeitungen am Samstag einig. Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) müsse handeln, auch das ist Konsens. Seine Optionen seien aber allesamt äußerst unattraktiv.

"Süddeutsche" (München):

"Der Abend im Juli 2017 veranschaulicht, was Strache bewegt, und wo er sich selbst sieht: ganz oben. Er wünscht sich nicht nur eine Rolle wie die von Viktor Orbán in Ungarn - also nur noch umgeben von kuschenden, willigen Medien. Strache stilisiert sich aus als weltläufigen Mann, der bestens vernetzt ist und erklären kann, wie die Welt wirklich funktioniert. (...) Straches Bedürfnis nach Anerkennung ist Antrieb und Schwäche zugleich - es treibt ihn an, immer mehr zu wollen, führt aber auch zu maßloser Prahlerei. Aufgewachsen als einziges Kind einer alleinerziehenden Wienerin sucht der junge Heinz-Christian vor allem nach männlichen Vorbildern."

"Spiegel" (Hamburg):

"Sollte Strache von sich aus gehen, könnte er dadurch möglicherweise das schwarz-blaue Bündnis retten und einen Neuanfang ermöglichen. Sollte aber (Bundeskanzler Sebastian, Anm.) Kurz Strache tatsächlich aus der Regierung werfen, wäre dies wohl das Ende für die Koalition - wenige Tage vor der Europawahl. Oder es passiert gar nichts? Auch möglich, allerdings nicht wahrscheinlich."

"Handelsblatt" (Düsseldorf):

"Die Veröffentlichung des heimlich gedrehten Videos durch den "Spiegel" und der "Süddeutschen Zeitung" wird die politische Karriere des einst in jungen Jahren als Neonazi in Deutschland verhafteten Strache beenden. Der gelernte Zahntechniker, der einst bei Jörg Haider in die politische Lehre ging, hat sich als stellvertretender Bundeskanzler in Österreich endgültig untragbar gemacht. An seinen Rücktritt führt in einer funktionierenden Demokratie zwangsläufig kein Weg vorbei."

"Welt" (Berlin):

"Kurz befindet sich zum ersten Mal in seiner politischen Laufbahn tief in der Krise - jetzt muss er zeigen, was er kann. Kurz weiß genau: Wenn er jetzt einen Fehler macht, kann ihn das schon bald die Kanzlerschaft kosten und womöglich das Ende seiner kometenhaften Karriere bedeuten. Andererseits steht Kurz aber auch vor der Frage: Kann er vielleicht von der neuen Situation profitieren?"

Reaktionen aus Österreich

"FPÖ am Ende" titelte die "Kronen Zeitung", die diese deutlichen Worte nicht zuletzt in eigenem Interesse textete: Schließlich war in dem Video auch zu hören, wie Strache eine Übernahme der "Krone" im Sinne der FPÖ ventilierte, was die Zeitung bereits am Freitagabend als "Attacke" bezeichnet hatte. "Ein Politskandal bisher unvorstellbaren Ausmaßes" sei dieses Video, schrieb Klaus Herrmann, der Geschäftsführende Chefredakteur, in der Samstag-Ausgabe. Strache und Klubobmann Johann Gudenus müssten zurücktreten: "Zwei ungezogene Rotzlöffel, die sich die 'Kronen Zeitung' und dann gleich das ganze Land unter den Nagel reißen wollen: Die haben uns nicht zu vertreten!"

"Strache muss sofort zurücktreten, wenn diese türkis-blaue Koalition fortgesetzt werden soll", schreibt Chefredakteurin Martina Salomon im "Kurier". "In der FPÖ ist auf allen Ebenen Großreinemachen angesagt." Offen bei der Video-Veröffentlichung sei aber: "Wer steckt dahinter? Warum wurde das Video nicht schon vor der jüngsten Nationalratswahl gebracht? Offenbar ging es um einen möglichst vernichtenden Schlag gegen das immer stärker werdende rechte Netzwerk in der EU."

 

"So besoffen kann keiner sein", ist sich Conrad Seidl sicher. Der "Standard"-Innenpolitiker spielt damit in seinem Kommentar ebendort auf die im Video dokumentierten Alkoholika an. Was in Ibiza 2017 passiert ist, sei beileibe keine "B'soffene G'schicht", will Seidl keine entsprechenden Ausflüchte hören. Bundeskanzler Sebastian Kurz müsse nun die Konsequenzen ziehen: "So besoffen kann schließlich keiner sein, dass er dieser freiheitlichen Regierung weiter traut."

"Ein Alptraum" sei das alles, "für den Vizekanzler, die Regierung, die Republik", das ist die Diagnose von Oliver Pink in der "Presse". "Die relevante Frage ist: Ist Heinz-Christian Strache als Vizekanzler noch tragbar?" Strache und Gudenus werden "nach bisherigem Stand aus dieser Falle, die ihnen gestellt wurde, die aber ihre Absichten und Angewohnheiten offen zutage treten ließ, nicht herauskommen."

Manfred Perterer, Chefredakteur der "Salzburger Nachrichten", ist sich sicher: "Was immer der Vizekanzler jetzt zu seiner Verteidigung vorbringen mag, sein Fall ist kaum aufzuhalten. (...) Die unerlaubte versteckte Kamera ist ebenso wenig Ausrede wie die alkoholschwangere Ferienstimmung." Strache werde nun in den "Strudel" hineingezogen, in den er sich vor bald zwei Jahren auf Ibiza hineinredete: "Jetzt muss der Kanzler handeln."

Keine Alternativen zum Rücktritt Straches sieht auch Georg Renner in der "Kleinen Zeitung". "Tritt er nicht von selbst ab, muss Kanzler Sebastian Kurz handeln und Neuwahlen ausrufen. Tut er es nicht, bliebt der Bundespräsident, muss der Bundespräsident es tun - der politischen Hygiene wegen."

Auch Alexander Zens meint in den "Oberösterreichischen Nachrichten": Strache bleibe nur noch der Rücktritt. "Das offenbarte Verhalten ist untragbar (...) Die schwarz-blaue Koalition als Ganzes muss wohl in Frage gestellt werden."

Das Video "ist ein Offenbarungseid", erklärt Peter Nindler in der "Tiroler Tageszeitung". Vieles, was die Freiheitlichen seit ihrer Regierungsbeteiligung "eingetaktet" hätten, werde darin "schonungslos bestätigt". Nun liege der beim Bundeskanzler.

"Kurz muss nun das tun, worin die Bundesregierung zwischenzeitlich einige Übung hat: der Bundeskanzler muss sich distanzieren - dieses Mal vom derzeitigen Noch-Vizekanzler, ein für alle Mal", fordert Chefredakteur Gerold Riedmann in den "Vorarlberger Nachrichten". "Die FPÖ ist als Regierungspartei nicht einen Tag länger tragbar. (...) Die Summe aller Einzelfälle wurde der FPÖ zum Verhängnis. Game over - das Spiel ist vorbei."

Walter Hämmerle ist nach Ansicht des Videos "fassungslos". "Das Video bietet ein Sittengemälde der FPÖ-Führung", schreibt der Chefredakteur. "Die Partei steht auf dem Video mit heruntergelassenen Hose da. (...) Der Kanzler steht vor einer Entscheidung, die seine höchstpersönliche politische Zukunft prägen wird. So oder so."

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