Der Ostermontag des Jahres 1945 trägt das Datum 2. April. An diesem Feiertag greifen rund 350 anglo-amerikanische Bomber und Jäger in neun Wellen besonders die strategisch wichtigen Eisenbahneinrichtungen an. 95 Menschen kommen ums Leben. In diesen Tagen wird auch ein Teil der noch in der Stadt befindlichen Zivilbevölkerung evakuiert. Besonders groß fallen die Bombenschäden am rechten Murufer aus, bei den Bahnhof- und den Industrieanlagen. Es gibt außer dem alliierten Luftbild für Bombenziele auch einen nicht aktivierten Graz- Bombenplan der Deutschen Luftwaffe mit dem Datum 6. 4. 43 und dem Vermerk „Geheime Kommandosache.
Die von vom nationalsozialistischen Regime streng kontrollierten und inhaltlich fast deckungsgleichen Grazer Tageszeitungen „Tagespost“ und „Kleine Zeitung“ bringen in den ersten Maitagen 1945 stereotype Meldungen über die „Ruhe an der Front“ in der Oststeiermark, hin und wieder ergänzt durch Meldungen über bescheidene Erfolge der Wehrmacht, wo es vielfach nur um wenige Meter geht. Wie dieser Weltkrieg enden würde, muss eigentlich jedem auch in Graz längst klar sein.
Es sind aber auch hier in der steirischen Landeshauptstadt (oder besser Gauhauptstadt) in den letzten Monaten des Deutschen Reiches Adolf Hitlers die Zeit der Endzeitverbrechen. In der Wetzelsdorfer SS-Kaserne kommt es am 2. April zu Massenerschießungen. Der mörderische Durchzug jüdischer Zwangsarbeiter wird zum Todesmarsch. Das Zwischenlager Liebenau, am Grünanger, wird für manche zur letzten Station. Die Aufarbeitung dieser Geschichte begann vor noch nicht allzu langer Zeit.
In den wenigen Tagen zwischen der Regierungsübernahme von Großadmiral Karl Dönitz, den Hitler vor seiner Flucht in den Tod per Testament als Nachfolger einsetzte, und der für Graz entscheidenden Kapitulation am 8. Mai wird im Sinne eines nationalsozialistischen Durchhalteappells vom „Feindsender Flensburg“, wo die neue Regierung-Dönitz ihren Sitz hat, geschrieben. Der mediale Aufruf „Reißt alle Kräfte zusammen“ des Gauleiters und Reichskommissars Sigfried Uiberreither in Verbindung mit der Todesdrohung für alle die diesen Aufruf ignorieren oder gar sabotierten, zeigt den fanatischen Geist der für die Katastrophe Verantwortlichen.
Eine andere Welt zeigen die Kleinannoncen in den letzten Tagen der Stadt, die sich seit 1938 offiziell häufig statt Graz die „Stadt der Volkserhebung“ nennt. Sie spiegeln unter Ausschluss der Politik und des Krieges die Sorgen des Alltags. Da wird von Geburten und Todesfällen berichtet, getauscht und vermietet und Verlorenes gesucht.
Informationen abseits der Nazi-Propaganda sind spärlich. Zu wenige trauen sich den deutschsprachigen Dienst der BBC zu hören oder im wirklichen Widerstand aktiv zu werden. Die Realität deutet unweigerlich auf den kommenden „Umbruch“. Bis zum Einmarsch der Roten Armee der Sowjetunion, die hier meist aus ukrainischen Verbänden besteht, in den Frühstunden des 9. Mais, hofften viele, dass die britische Armee Graz einnehmen würde.
An der oststeirischen Front geht es aber für viele um mehr als um einen halbwegs geordneten Rückzug und in Graz gibt es noch immer NS-Gläubige an eine wundersame Wende zu ihren Gunsten. Zumindest offiziell wird die autoritär verordnete Disziplin exekutiert.
In den letzten Wochen vor dem „Umbruch“ vom 8. Mai kamen Exponenten der drei im Widerstand stehenden Parteien (Sozialdemokraten, Christlichsoziale und Kommunisten) heimlich zusammen. Dies im Wissen, dass es bald einen Systemwechsel geben werde.
Der Gauleiter erteilt jedoch in den letzten Tagen vor der Kapitulation den Auftrag, die Stadt, oder zumindest den Schloßberg, zu verteidigen. Rund um ihn werden Panzersperren errichtet und die Murbrücken zur Sprengung vorbereitet. Es kommt anders. Die Wehrmacht drängt so weit wie möglich, zum Verlassen der Stadt und nach Norden in Richtung Armee der USA. Gauleiter Uiberreither flüchtet, taucht unter, sein Stellvertreter Armin Dadieu setzt per Rundfunkansprache alle steirischen Kreis- und Ortsparteileiter seiner Nazipartei ab und übergibt die Regierung an die „Landesführung einer Österreichischen Freiheitsbewegung“.
Die reale Macht übernimmt dann tags darauf im Raum Graz die Rote Armee der Sowjetunion. Graz bleibt eine verheerende Schlacht, so wie beispielsweise in Budapest oder Wien, erspart.
Real endet 1945 in jenen Maitagen die angeordnete nächtliche Verdunklung, das Dunkel der schrecklichen Ereignisse der Nazi-Zeit in Graz ist bis heute noch nicht ganz wirklich erhellt.