1989 - Jahr des Umbruchs „Im Kopf sind die Grenzen geblieben“

Vor 1989 war Gmünd „im Eck“ und „am Ende der Welt“. Und heute? Eine Reportage über die Grenzstadt Gmünd im obersten Waldviertel zwischen Schnitzel-Drive-In, Walhalla im Rotlichtbezirk und „Schätzen, die sich in den Falten der Region befinden“.

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Verleger Richard Pils, Chef der "Bibliothek der Provinz" © Manuela Tschida-Swoboda
 

Es ist der längste Radweg Europas. Der „Iron Curtain Trail“ führt 200 Kilometer entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs durch das Wald- und Weinviertel. Von Gmünd über Litschau bis Retz passiert man dabei acht Mal die österreichisch-tschechische Grenze. An der Brücke im Gmünder Ortsteil Bleyleben, die seit 1989 die beiden Grenzstädte Gmünd und Ceske Velenice verbindet, machen an diesem nieselregengrauen Wochentag nur wenige Radfahrer halt. Am Flussufer auf österreichischer Seite steht ein windschiefes, verrostetes „Achtung Staatsgrenze“-Schild.

Die Brücke über dem Grenzfluss Lainsitz, einem Nebenfluss der Moldau, ist mit bunten Bändern geschmückt. Der Kulturverein „Übergänge Prechody“ hat mit Kindern aus Gmünd und Ceske Velenice zur Erinnerung an die Grenzöffnung vor 30 Jahren die bunten Fetzen an die Brücke gebunden. Bürgermeisterin Helga Rosenmayer, ÖVP, war bei der Eröffnung im Frühjahr natürlich dabei. Die 1958 in Gmünd Geborene kennt ihre Stadtgemeinde, die in den 70er-Jahren noch rund 7000 Einwohner hatte, heute laut Statistik Austria rund 5000, von klein auf. „Bei uns ist die Abwanderung viel geringer als sonst überall im Waldviertel“, sagt die ehemalige Volleyballerin. Zur Zeit des Eisernen Vorhangs sei Gmünd tatsächlich „im Eck“ gewesen, sagt sie. Heute sei es anders.

Die französische Historikerin Muriel Blaive, die in Paris über die Tschechoslowakei dissertierte und am Ludwig-Boltzmann-Institut in Wien forschte, erklärt: „Vor 1989 war Gmünd am Ende der Welt und weit weg von Wien, wo man sich nicht um diesen Rand gekümmert hat. Heute ist man auf österreichischer Seite glücklicher als auf der tschechischen, scheint mir. In Ceske Velenice war man nach 1989 euphorisch, dann sperrte eine große Fabrik und die Privatisierung funktionierte nicht.“ Gmünd und Ceske Velenice verbinde, „dass diese beiden Städte sich gegenseitig wie in einem halb durchsichtigen Spiegel wahrnehmen, mit dem eigenen Spiegelbild und dem Bild des anderen immer zugleich im Blick“. Auf der einen Seite also das schmucke Gmünd mit seinen Sgraffitohäusern am Hauptplatz, auf der anderen Seite die Plattenbauten, bunt bemalt.

Das schmucke Gmünd Foto © Blende-8 - stock.adobe.com

Auf der einen Seite ein Schlosspark, auf der anderen eine Bordell- und Glücksspielmeile, wo „Walhalla“ oder „Venus“ mit „Striptease. Live ab 18 Uhr“ werben. „Der Großteil der Männer, die dort hingehen, sind Österreicher“, sagt Blaive. Der Großteil der Prostituierten hingegen komme „aus der Ukraine, aus der Slowakei, aus Rumänien. Einige Frauen kommen für zwei, drei Wochen, danach fahren einige wieder heim zu ihren Kindern.“

Nach 1989 warb Gmünd mit dem Slogan: „Stadt der grenzenlosen Vielfalt“. Heute heißt es: „Gmünd verbindet“. Mit dem Bürgermeister von Ceske Velenice, Jaromír Slíva, habe die Gmünder Bürgermeisterin regelmäßig Kontakt. Obwohl beide die Sprache des anderen, nur wenige Schritte voneinander entfernt, noch immer nicht verstehen. Slíva habe in der Schule noch Russisch gelernt, sie selbst Englisch, sagt die Bürgermeisterin entschuldigend: „Ich sage immer, wir verstehen uns nicht, aber wir verstehen uns gut.“ An der Handelsakademie in Gmünd gebe es ein Vorzeigeprojekt der Zusammenführung von Tschechen und Österreichern. Die Klassen sind durchmischt. So, wie es bis 1918 üblich war. Unterrichtet wird auf Deutsch, die erste Fremdsprache ist Englisch. Als zweite Fremdsprache können die Schüler zwischen Französisch und Tschechisch wählen.

Und doch: Das „Schnitzel-Drive-in“ ist in Gmünd geläufiger als der Böhmische Knödel, das „Hi“ als Begrüßung gängiger als „Ahoj“. Bis zum Fall des Eisernen Vorhangs gab es in Gmünd noch das Gasthaus „Swoboda“ – Freiheit. Als der Stacheldraht wegkam, wurde auch das Lokal weggerissen. Wenn die Freiheit normal wird, vergisst man sie allzu leicht.

„Bis Mitte, Ende des 19. Jahrhunderts war es normal in der Gegend, Tschechisch und Deutsch zu sprechen“, sagt der 30-jährige Stadthistoriker Harald Winkler, der gemeinsam mit Manfred Dacho und mit seinem ehemaligen Lehrer Franz Drach, einem Historiker, das heuer eröffnete „Haus der Gmünder Zeitgeschichte“ geschaffen hat. Zur Zeit der österreichisch-ungarischen Monarchie wurde in Gmünd eines der größten Flüchtlingslager errichtet. Etwa 200.000 Flüchtlinge wurden im Verlauf des Ersten Weltkriegs in diesem Lager untergebracht, viele Ruthenen, Slowenen, Kroaten. 30.000 Flüchtlinge starben damals auch in Gmünd. Beim ehemaligen Haupteingangstor wurde nun das „Haus der Gmünder Zeitgeschichte“ errichtet, das von der Habsburgermonarchie bis herauf führt. Eine Geschichte voll Kummer, Leid, Vertreibung und Schmerz.

Jahrhundertelange Nachbarschaft und 300 Jahre gemeinsam verbrachte Staatlichkeit sollten Österreicher und Tschechen eher verbinden als trennen, und doch: „Wie eifersüchtige Geschwister begegneten sie sich, misstrauten sich, lebten sich auseinander“, beschreibt Historiker Franz Drach, „man fragte nicht etwa, wie man denn besser zusammenleben könnte, man versuchte, den anderen zu bekriegen, zu unterdrücken. Die Österreicher, ob sie nun in Böhmen wohnten oder in Niederösterreich, sie wollten mehr gelten als die Tschechen.“

Auch im österreichisch-tschechischen Geschichtsbuch „Nachbarn“, das in der „Bibliothek der Provinz“ erschienen ist, heißt es: „Die nach 1918 neu entstandenen Staaten Deutsch-Österreich und Tschechoslowakei lebten im Spannungsfeld von Konkurrenz, Miteinander und desinteressiertem Nebeneinander. Trotz der verschiedenen Staats- und nach 1948 Systemzugehörigkeit gab es Gemeinsamkeiten. Nach 1989 und dem Fall des Eisernen Vorhangs schienen Konflikte wie um Temelín oder die Benes-Dekrete zu dominieren: Dies, obwohl die gegenseitigen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Kontakte so eng wie seit 1918 nicht mehr sind.“

Historiker Drach und andere Autoren der Region haben im Verleger Richard Pils, einem gebürtigen Oberösterreicher, einen Ermöglicher gefunden, der mit seinen mehrfach preisgekrönten Büchern stets das Nicht-Augenscheinliche sucht. Rund 1900 Titel hat er in 30 Jahren herausgegeben.

Das Naheliegende, das durch den Blick in die Ferne gern übersehen wird, steht bei ihm im Fokus. Der 70-jährige Verleger mit dem chinesischen Zopf möchte „die Schätze, die sich in den Falten der Region verstecken“, hervorheben. Der Chef der „Bibliothek der Provinz“ lebt mit seiner Frau Helga gut 20 Minuten von Gmünd entfernt in einem behutsam renovierten Vierkanthof in Großwolfgers. Die fünf Kinder sind zwar außer Haus, aber mittlerweile kommen die Enkel wieder herein. Das Heim ist auch das Büro, wo gemeinsam mit den Mitarbeitern Kaffee getrunken wird, bevor es an die Arbeit geht. Der Verlag des ehemaligen Lehrers und Schuldirektors ist nur ein paar Wochen älter als der Fall des Eisernen Vorhangs.

Unser Oesterreich: Niederoesterreich - Leben am Eisernen Vorhang
Die Grenze wurde bis zum Fall des "Eisernen Vorhangs" streng bewacht Foto © ORF

Dass die Zollamtshäuser zu beiden Seiten noch stehen, findet Pils grässlich, so werde man ständig an diese „furchbare Grenze“ erinnert, an der so viele Menschen auf der Flucht starben. Eine Durchlässigkeit findet er auch heute nicht wirklich gegeben: „Die Tschechen kommen nach Österreich arbeiten, die Österreicher gehen drüben in die Lokale oder zum Einkaufen. Im einen Fall geht es um Existenzielles, im anderen um Unterhaltung.“ „Das Koloniale“, sagt er und deutet auf den Kopf, „ist leider noch da drinnen. Die Grenzen sind geblieben.“ Nicht selten höre er Sätze von Österreichern über die Tschechen wie: „San eh a Leit. – Aber i mag s’ net.“ In Europa habe „der Osten immer als das Böse herhalten müssen“. Im Grunde sei man aber auch heute nicht gar so viel weiter: „leider“.

Vom amerikanischen Dichter William Faulkner stammt der Satz: „Die Vergangenheit ist nicht tot. Sie ist nicht einmal vergangen.“

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