„Ich will Regierungschefin werden“. Mit dreizehn Jahren wusste Giorgia Meloni bereits klar, was sie werden wollte. Ihre Familie, Schwester Arianne und Cousin Angelo belächelten ihr „Wunschdenken“. Angelo meinte nun im Nachhinein, dass er eigentlich wissen hätte müssen, dass Giorgia all das, was sie sich im Kopf setzte, auch realisiere. Nun hat sie ihr Ziel erreicht. Zumindest vorerst. Am Samstag wurde Giorgia Meloni und ihr 24-Minister zählendes Kabinett angelobt. Sie ist die erste Frau, die seit 1946 einer italienischen Regierung vorsteht. 

Kompromissloser Mensch

Zu Kompromissen war Giorgia nie, auch nicht in ihrer Kindheit und Jugend bereit, erzählt Angelo. Ihr Vater verließ die Familie, als Giorgia ein Jahr alt war. Sie besuchte ihn einmal jährlich in seinem neuen Heim auf den Kanarischen Inseln. Als er ihr einmal erklärte, dass seine neue Familie und Umgebung ihm wichtiger seien als Giorgio und ihre Schwester, reagierte sie prompt. Und besuchte ihn nie wieder. Nicht einmal bei seinem Begräbnis war sie präsent. 

Als ihr Koalitionspartner Silvio Berlusconi, Gründer von Forza Italia, vor wenigen Tagen die derzeitige Regierungschefin beleidigte und dann noch in einer registrierten Rede ihr Regierungsprogamm auf den Kopf stellte und seine Liebe zu Russlands Regierungschef Wladimir Putin erklärte, reagierte sie prompt. Unter anderem ignorierte sie kurzerhand Berlusconis Wunsch nach einem Justizminister seiner Partei (Forza Italia). Und bestätigte, dass ihre Regierung der Ukraine den Rücken stärke und an Europa und dem Atlantik Bündnis festhalte. 

Zweifellos hat ihr schlechtes Verhältnis zu Vater Francesco ihre Kindheit und Jugend geprägt. Mag sein, dass ihre Mitgliedschaft im rechtsradikalen Lager, ihr ultrakonservativer Kurs, eine Reaktion auf die kommunistisch angehauchten Ideen ihres Vaters sei. Sigmund Freud docet. 

Viersprachig, aber ohne Studium

Giorgias Mutter Anna zog bald, nachdem ihr Mann sie verlassen hatte, von Sardinien nach Rom. Laut Cousin Angelo wollte sie nicht ihr Dasein als verlassene Frau und alleinstehende Erzieherin in einem kleinen Dorf in Sardinien fristen. In Rom war ihr Schicksal unbekannt. Unter dem Pseudonym Jusie Bell veröffentlichte Anna über hundert Liebesromane und sorgte mit dem Einkommen für ihre beiden Töchter.  Anna wurde Mitglied des neofaschistischen Movimento Sociale und dessen Nachfolgepartei Alleanza Nazionale. In den Fußstapfen ihrer Mutter begann Giorgia sich bereits mit 15 Jahren politisch zu engagieren und gründete als Gymnasiastin die Protestbewegung „Die Vorfahren“. Während ihrer Schulzeit verdiente sie sich als Kellnerin, in einer Diskothek, aber auch als Babysitterin ihr Taschengeld. Sie bestand darauf, in ein sprachwissenschaftliches Gymnasium zu gehen. Meloni spricht fließend Englisch, Spanisch und Französisch. Angeblich war sie damals bereits überzeugt, dass sie als Regierungschefin mehrere Sprachen beherrschen müsse. Für ein Universitätsstudium reichten die finanziellen Mittel nicht aus. Auch war sie politisch zu sehr beschäftigt, um gleichzeitig zu studieren.

Mit 21 Jahren rückte sie bereits an die Spitze der Jugendorganisation der Alleanza Nazionale auf, wurde mit 29 Jahren Abgeordnete. Mit 35 Jahren gründete sie gemeinsam mit ihren wesentlich älteren Parteikollegen Ignazio La Russa (heute Senatspräsident) und Guido Crosetto (heute Verteidigungsminister) die rechtsradikale Fratelli d Italia (FdI). Bei der Europawahl 2014  erhielt sie knapp 2 % Stimmanteil, acht Jahre später avancierte FdI mit 26% zur stärksten Partei Italiens. Die Spitzenpolitikerin bleibt trotz des Erfolgs realistisch: Der hohe Stimmanteil sei nicht so sehr auf die Effizienz von FdI, sondern auf die Ineffizienz der Gegner zurückzuführen, referiert t ihr Cousin ihre Aussage. 

Zwischen Altfaschisten und EU-Unterstützung

Zweifellos ist Italiens neue Regierungschefin ultrakonservativ. Familie, Religion und Vaterland stehen in ihrem Konzept ganz oben. Ihr exzellentes Verhältnis zur Mutter Anna, Schwester Arianne und ihrem Schwager Francesco Lollobrigida (heute Landwirtschaftsminister) haben jahrelang ihren Familiensinn geprägt. Ihren Partner, den TV Journalisten Andrea Giambruno hat sie nicht geheiratet. Auch nach der Geburt ihrer inzwischen dreijährigen Tochter Ginevra.  

Was die Europapolitik betrifft, befindet sich Meloni in mehreren Punkten auf EU-Linie. Im Visier ihrer Kritik steht u.a. die internationale Finanzwelt, die Bürokratie in Brüssel. Meloni hat sich seit je vom Faschismus distanziert und dessen Fehler zugegeben. Sie plane eine rechtsliberale Partei aufzubauen, referiert Cousin Angelo ihre Pläne. Inwieweit sie davon auch die Altfaschisten ihrer Partei überzeugen kann, ist ebenso fraglich, wie und ob sie die auf Italien zukommende Wirtschaftskrise bewältigen kann.