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KolumneMatthias Strolz: "Wie mir meine Kinder halfen, mich ersetzbar zu machen"

© APA
 

Wir haben eine Krise. Okay. Nehmen wir sie als Einladung, Landebahnen für die Zukunft zu bauen. Bewusste Neu(er)findung im menschlichen Leben folgt einer Grammatik. Ich habe sie mit dem Modell der „High Five der persönlichen Entfaltung“ eingefangen. Das fünfschichtige Modell startet mit Schichtung 1, „Innehalten, Wahrnehmen, Bewusstwerden“. Wir widmen uns der Frage: Was ist?

Erst wenn wir den Status quo erkennen und annehmen, können wir uns gut von diesem Punkt wegbewegen. Wer das Hier und Jetzt nicht begreift, ist in seiner Bewegung gelähmt. Wie beim Sackhüpfen im Sumpf – es fehlt der Punkt, an dem du dich abstoßen kannst.

Um zu begreifen, hilft folgende Methode: Ich steige in einem imaginären Hubschrauber direkt über mir selbst hoch. Es wird still. Ich blicke auf mich hinunter, mein Sein, mein Tun. Was ist in meinem Leben? Was sehe, höre, spüre ich? Was sagen mir mein Körper, Geist und Herz, was meine Gefühle und meine Lieben?

Unlängst hat mir ein junger Mann berichtet, dass er nun regelmäßig in den Helikopter einsteige. Jeden Abend, nachdem er seine Kleine zu Bett gebracht habe, bleibe er noch liegen und blicke auf sein Leben. Das tue ihm gut, bringe ihm Klarheit. Eine Freundin von mir macht es beim Joggen, eine Verwandte in der Badewanne. Ich mache es gerne im Wald oder auf Reisen.

Bewusstwerden braucht einen geschützten Raum. Ruhe und Zeit. Dafür können wir sorgen. Individuell und kollektiv. In unserer Familie haben wir das Ritual der „Familienkonferenz“. Zeit für uns, jeder kann Themen nominieren, keiner kommt zu spät, niemand geht früher, keiner schielt auf das Smartphone, alle hören einander zu. Das ist anstrengend. Die Kinder sind nach einer Stunde „paniert“. Die Eltern auch, geben es freilich nicht zu. Immer ist es berührend. Jedes Mal bewegt sich was.

Im August 2017 hatten wir eine Familienkonferenz am Gardasee. Ich hatte das Thema „Papa“ nominiert und wollte Feedback auf meine Vaterrolle. „Wie geht es euch mit mir als Papa?“, fragte ich. „Du hast schon keine Nerven für uns“, meinte die Jüngste. „Das stimmt“, meinte die Mittlere. „Das war nicht immer so“, vermittelte die Älteste. Es durchfuhr mich. Dann kam ein Wahlkampf als Spitzenkandidat. Ich war sehr beschäftigt. Wir zogen zum zweiten Mal ins Parlament ein, es folgte der Aufbau des neuen Teams. Sehr dicht.

Dann kam Weihnachten. Endlich Zeit, innezuhalten und wahrzunehmen. Ich hörte die Stimmen meiner Kinder. Ich gab ihnen recht. Ich stieg in den Helikopter und blickte auf unsere politische Bewegung. Ich erkannte, dass nun vier Landtagswahlen vor uns standen. So diese auch noch erfolgreich verliefen, käme unsere Bewegung an jenen Punkt der Reife, wo meine Berufung als Parteigründer erfolgreich abgeschlossen sein würde. Ich wäre nach sieben Jahren gut ersetzbar.

So kam es. Dieser Helikopterflug und die Stimmen meiner Kinder führten mich in die Schichtung 2 der persönlichen Neuerfindung: ins Loslassen.

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