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Vizekanzler Kogler zur Urlaubsdebatte"Man bleibt auch nach drei Tagen Italien ein guter Mensch"

Werner Kogler räumt im Management der Krise Fehler ein. Das sei auch in der Volkspartei mittlerweile angekommen. Neue Fälle müssten rascher rückverfolgt werden. Der Grazer ÖVP macht der Vizekanzler ein Lockangebot.

Werner Kogler über Sebastian Kurz: "Ich lerne mehr, als einige vermuten würden" © Stefan Pajman/ballguide
 

Was lernen Sie von Sebastian Kurz, was lernt er von Ihnen?
WERNER KOGLER: Ich lerne mehr, als einige vermuten würden. Er kann sehr gut unter Druck entscheiden, macht aber zwischendurch mal einen Schritt zurück. Wir haben gemeinsam gelernt, dass wir unsere Stärken ausspielen und unsere Schwächen kompensieren können. Ich versuche, mehr die Wissenschaft und die faktische Analyse einzubringen.

Was war die brenzligste Klippe in den 100 Tagen Coronakrise?
Ein intensiver Moment war, als wir entscheiden mussten, wann wir den Lockdown machen. Die Experten haben sich da widersprochen. Kurz hat dazu beigetragen, dass wir drei oder vier Tage schneller waren. Wir Grünen haben durchgesetzt, dass es mehr Gründe gibt, sich im Freien aufzuhalten. Das war wirklich ein guter Kompromiss.

Die Regierung hat die Krise bewältigt, weil man die Bürger erfolgreich eingeschüchtert und diszipliniert hat. Falsch?
Wir haben nicht diszipliniert, sondern appelliert. Wir hatten Berichte über weinende Ärzte in italienischen Spitälern. Das wollten wir vermeiden. Bei uns sind noch Menschen herumgelaufen, die haben gesagt, das ist harmloser als ein Grippevirus. Das war die Aufstellung. Hätten wir zwei Wochen lang nichts getan, dann wären wir auch Italien geworden. Aber ich lasse mir gerne vorwerfen, dass wir zu schnell zu erfolgreich waren.

Wann haben Sie selbst so etwas wie Angst verspürt?
Angst ist nicht die Kategorie, aber Druck. Wann entscheidest du was? Das waren schwierige Nächte. Wir haben uns Anfang März ausrechnen können: Wenn wir nichts oder das Falsche tun, sprengen wir spätestens Mitte April die intensivmedizinischen Kapazitäten.



Aus welchen Fehlern lernt man für die zweite Welle?
Natürlich wurden auch Fehler gemacht. Das sieht auch die türkise Kultur so. Was wir für eine zweite Welle brauchen, ist eine Verbesserung der Rückverfolgung. Wenn das wieder fünf Tage dauert, bis sich die Mannschaft der Amtsärzte in Bewegung setzt, na hallo, dann haben wir ein Problem. Ich fürchte, wir werden immer wieder kleinere Herde von Ausbrüchen haben. Da müssen wir viel schneller, dafür aber regional eingegrenzter handeln. Die Pandemie ist weltweit aufsteigend galoppierend. Kein Ende in Sicht.

Verschluckt die ÖVP die Grünen?
Kompromisse sind unausweichlich in der Demokratie. Wer den Kompromiss denunziert, richtet da einen Schaden an. Ich weiß schon, auf Social Media ist das ein beliebter Sport – Volkssport kann man eh nicht sagen, denn dafür sind diese Kreise zu klein. Es ist eine zivilisatorische Errungenschaft, dass man sich in Verhandlungen etwas ausmacht. Und dass nicht immer nur einer allein alles bestimmt. Deshalb nervt mich die Interpretation, wer da gewonnen hat oder nicht. Am Schluss gewinnt die Bevölkerung, wenn sich zwei Wahlsieger darauf einigen, dass man gemeinsam Neues angeht.

Dieser Tage wurde der SMS-Verkehr zwischen Sebastian Kurz und HC Strache publik. Haben Sie und Kurz auch ein SMS-Verhältnis?
Die gleichen SMS wird es sicher nicht geben. Ich arbeite mit anderen Inhalten und Politikformen als mein Vorvorgänger. Wir SMSen bestimmte Notwendigkeiten, Vereinbarungen zu Terminen etwa. Der Vergleich macht wohl sicher.

Das gesamte Gespräch

SMS würden dem Briefgeheimnis unterliegen. Ist es ein Problem, dass sie öffentlich werden?
Ich werbe schon dafür, dass etwa im U-Ausschuss bestimmte Akten bestimmte Geheimhaltungsstufen haben. Erstens sollten wir Ermittlungsschritte nicht gefährden. Zweitens sind öfter auch Dinge drinnen, die sehr ins Persönliche gehen. Das muss man nicht alles öffentlich auswalzen. Zum Glück haben bei uns auch Zeugen und Beschuldigte Rechte.

Der Aufdecker wird zum Zudecker, wenn er Vizekanzler wird?
Wir haben erkämpft, dass U-Ausschüsse ein Minderheitsrecht werden. Und damit verbunden, dass auch beim Aufdecken Maß gehalten werden muss. Es gibt ja kaum geschwärzte Akten mehr, aber daraus erwächst auch mehr Sorgfaltspflicht. Es soll also nicht zugedeckt werden – es soll korrekt ermittelt werden.

SPÖ und Neos üben den Angriff. Bei den Grünen hat man den Eindruck, sie werden im Ausschuss zu Pflichtverteidigern der ÖVP.
Ich weiß nicht, wo man diesen Eindruck herhaben kann. Zuerst hat einmal die SPÖ etwas verhindert – dass wir bei den Vorwürfen von Postenbesetzungen und Gesetzeskauf rund um die Casinos AG acht Jahre zurückgehen. Ich bin überzeugt davon, dass es bei Glücksspielgesetzen immer unschön zuging. Wie kommt denn Strache auf das? Die Novomatic hat immer alles probiert. Peter Pilz und ich hatten schon seit Jahren Hinweise, dass es Versuche gab, Gesetze zu kaufen. Also, wer hier ein Zudecker ist, ist relativ.

Muss die Wirtschaft krisenfester werden mit Blick auf kommende Krisen?
Ja sicher. Wir haben ein Eigenkapitalproblem in vielen Betrieben, weil wenn die nach drei Wochen schon zum Wackeln anfangen, stimmt was nicht. Da spielt auch die Sparbuchkultur eine Rolle, weil alles Geld immer auf die Bank getragen wird und es schon pfui ist, wenn irgendwo der Begriff Aktien fällt. Da habe ich als Grüner kein Problem damit, denn man könnte über den Kapitalmarkt auch ökologische Investitionen realisieren.

Im Sog von Wien will auch Graz, Ihre Wochenendstadt, den Verkehr aus dem Zentrum drängen. Freuen Sie sich?
Die Ankündigung ist mir schon aus den 80ern vertraut. Freuen würde ich mich, wenn Bürgermeister Nagl nur die Hälfte seiner Fantasie und seiner bunten, luftigen Projekte in urbane Umweltpolitik übersetzen würde. Es wäre auch in Graz Zeit für eine autofreie Innenstadt. Das Straßenbahnnetz gleicht jenem aus dem vorigen Jahrhundert. Jetzt öffnet sich für die Stadt durch die Krise ein historisches Zeitfenster. Für den überfälligen Ausbau der Öffis würde auch der Bund Gelder bereitstellen. Leider hat Nagl uns Grüne aus der Stadtregierung gekickt. Das war unschön. Aber jetzt geht es um die Modernisierung des städtischen Verkehrs. Nagl soll wieder aufspringen. Er darf noch einmal an Bord. Wir nehmen ihn gerne mit.

Wo wird man Sie im Urlaub finden?
In der Nähe des Ministeriums. Wir werden nur spontan auslassen können. Schaden würde es uns nicht. Ich bin wasseraffin und werde einen Gebirgssee aufsuchen. Ich hoffe, es herrscht dort Ruhe. Vielleicht gehen sich drei Tage Italien aus, aus alter Zuneigung. Allen, die die nationalistische Urlaubswelle reiten: Man bleibt auch nach drei Tagen Italien ein guter Mensch.

Kommentare (19)

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zeus9020
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DIESER MANN VERDIENT ACHTUNG

...und nicht nur der Vizekanzler, der in meinen Augen als Politiker und als Mensch ungemein gewonnen hat, sondern alle Entscheidungsträger in der Corona-Krise rund um das Regierungsteam auch!
Vorbildliche, Moderate und vor allem sehr wenig parteibezogene, letztlich rundum seriöse Arbeit! Außer der Übergangsregierung vergangenes Jahr könnte ich mich in meinen rund 50 Jahren politischen Denkens nicht daran zurückerinnern, eine derart umsichtige, staatsmännische Führung erlebt zu haben und dafür danke ich!

Ichweissetwas
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....bestimmt, Herr Kogler,

wenn vielleicht auch ein Kranker....!

rouge
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Was ich von Kurz lerne . . .

Hoffentlich nicht zuviel.

voit60
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Warum dann Ischgl

passiert ist Herr VK? Bis zum 15.3. Waren die Lifte in Betrieb, dafür seid ihr in der Regierung schon auch mitverantwortlich. Tausende Infiszierzte verteilten sich über Österreich und Europa.

koko03
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Hervorragende Arbeit der Regierung

Daaaaanke !

fersler
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Hr. Kogler

wäre aber gewesen wenn der Lockdown schon 2 Wochen früher gekommen wäre ?

Hr. Kurz hat im übrigen ja stolz zugegeben, dass ihn erst Hr. Netanjahu (!!??)) auf den Ernst der Lage hingewiesen hat.

Marcuskleine
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Dafür

muss man Netanjahu dankbar sein! Zu erkennen, dass uns die Krankheit voll erwischen wird (wo uns SARS ja nicht erwischt hat) war eben KEINESFALLS sofort klar

fersler
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Frage

Wozu braucht man Netanjahu um das zu erkennen?

Marcuskleine
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weil

komischerweise Ende Februar IN ECHT keiner so oberschlau und allwissend war, wie Sie gerade tun.
SARS hat sich nicht so rasant ausgebreitet, nach Europ quasi Null. MERS hat sich nicht so rasant ausgebreitet, nach Europa quasi Null. CoViD19 ist ganz anders, wie wir heute wissen! Verbreitet sich von den OBEREN Atemwegen ausgehend viel stärker (Husten, Niesen)

fersler
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@Marcuskleine

ich fühle mich weder oberschlau noch allwissend und habe deswegen Fragen gestellt.

Das wird jetzt durch ihre Antwort bestätigt, Netanjahu hätten wir nicht gebraucht, ein Anruf bei ihnen hätte genügt.

Marcuskleine
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nein

ich wusste es damals nicht!

globalsport
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Zwei Wochen später, und Österreich wäre Italien gewesen

"Zwei Wochen später, und Österreich wäre Italien gewesen" steht nirgends im Artikel, wäre es auch nie gewesen.

globalsport
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artikel

sowohl Artikel als auch Überschrift wurden geändert

hortig
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Antwort

Erstens steht es im Artikel, und zweitens, wieso nicht, wenn der shutdown zwei Wochen später gekommen wäre?

romagnolo
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Österreich wäre niemals Italien gewesen, weil die Voraussetzungen, vorallem im Gesundheitswesen,

ganz andere waren und noch immer sind. Es wird auch nicht wahrer, wenn man es immer wieder sagt!

wjs13
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Sie haben einen italienischen Nick, aber das Land kennen Sie nicht

COVID wütete in Italien am Schlimmsten in Cremona in der Lombardei, dem reichsten Teil Italiens mit dem besten Gesundheitssystem, das dem österreichischen durchaus vergleichbar ist.
Das fatale an Corona ist die enorme Ausbreitungsgeschwindigkeit, die auch das beste Gesundheitssystem rasch an seine Grenzen bringen kann, insbesondere, wenn auch massenhaft Krankenhauspersonal infiziert ist.

Marcuskleine
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@romagnolo

So ist das nun mal mit der exponentiellen Ausbreitung!

scionescio
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@Marcuskleine: wo/in welchem Land hat es tatsächlich eine exponentielle Ausbreitung gegeben?

Ich kenne nur Wellen mit glockenförmigen Verlauf (ident mit dem Verlauf von Grippewellen) - sonst wären wir entweder schon alle tot oder hätten eine Herdenimmunität.
Selbst die beste Message Control ist machtlos gegen die Realität - zumindest für Menschen, die mit offenen Augen durchs Leben gehen und selbstständig einen Gedanken fassen können;-)

Marcuskleine
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Aus der exponentiellen Ausbreitung ...

kann erst dann ein glockenförmig wieder abnehmender Verlauf werden, wenn man die Gefahr erkennt und stark gegensteuert. Und wenn man (wie in Italien) erst 2 Wochen zu spät gegengesteuert hätte, wäre der Verlauf noch zwei zusätzliche Wochen exponentiell gewesen. In Brasilien gibt es gerade jetzt noch den exponentiellen Anstieg. Bisher knapp 2 Mio Infizierte und 50.000 Tote. Wobei in Brasilien ja 218 Mio Menschen leben, es können/müssen also noch 216 Mio geschützt werden!