Die Wiener Polizei hat in der Nacht auf Montag einen Taxifahrer gefasst, der von mindestens 39 Kundinnen und Kunden hochpreisige Uhren im Gesamtwert von rund 600.000 Euro gestohlen haben soll. Der 33-Jährige wurde bereits in Untersuchungshaft genommen, hieß es am Donnerstag bei einer Pressekonferenz. Er soll seit einem Jahr in seinen regulären Nachtdiensten immer wieder die starke Alkoholisierung seiner Opfer ausgenützt haben. Die Ermittler gehen von weiteren Betroffenen aus.

Alkoholisierung ausgenützt

Sichergestellte Uhren
Sichergestellte Uhren © APA/LPD-WIEN

Erstmals öffentlich bekannt wurde die Serie im Frühjahr 2023. Zu diesem Zeitpunkt waren bei der Polizei 22 Taten registriert, zum Taxifahrer oder dem Fahrzeug gab es aber keine entscheidenden Hinweise. Die Opfer hatten damals teilweise angegeben, von dem Lenker möglicherweise mit angebotenen Kaugummis oder Zuckerln K.o.-Tropfen verabreicht bekommen zu haben. Deshalb sei neben den Diebstählen auch schwerer Raub angezeigt worden, erläuterte Chefinspektor Andreas Lang, Leiter der Ermittlungsgruppe, auf APA-Nachfrage. Es wurden jedoch bei den Betroffenen "keine Substanzen nachgewiesen", betonte er. Auch in der Wohnung des Festgenommenen wurden keine Substanzen vorgefunden. Die Ermittler gehen laut Lang davon aus, dass die Opfer aufgrund ihres eigenen Alkoholisierungszustandes ausgenützt wurden.

Die ersten bisher bekannten Taten der Serie wurden im Sommer 2022 verübt, berichtete Martin Roudny, Leiter des Landeskriminalamtes Wien, Außenstelle Zentrum-Ost. Der Taxilenker sprach bei seinen Nachtfahrten neben regulären Kunden auch gezielt vor Szenelokalen in der Innenstadt gut gekleidete, vorwiegend männliche Personen an, ob sie ein Taxi bräuchten oder gerufen hätten. Teilweise hatten die Betroffenen tatsächlich ein Taxi oder Uber angefordert und stiegen in der Annahme ein, es sei der bestellte Fahrer. Der Diebstahl wurde von den alkoholisierten Opfern immer erst deutlich nach Verlassen des Fahrzeugs bemerkt, sodass sie später keine Angaben zum Fahrer, Automodell oder Kennzeichen machen konnten.

Taxifahrer wurde observiert

"Zum Glück hat dann ein Kollege von der Polizeiinspektion Klosterneuburg eine Anzeige erstellt", berichtete Lang. So kamen die Ermittler im Juni auf das Kennzeichen des Fahrzeugs und konnten die Identität des Lenkers ausforschen. Details, wie es zu der Anzeige in Niederösterreich und dem Hinweis auf das Kennzeichen kam, wollte Lang aus den noch laufenden Ermittlungen nicht verraten. Jedenfalls sei dann aber eine Observation des Taxifahrers möglich gewesen. Allerdings ging der Verdächtige kurz darauf im Juli drei Wochen auf Urlaub und verschwand so für die Kriminalisten von der Bildfläche. "Auffallend war, dass in dieser Zeit keine Fakten in Wien aufgetreten sind", berichtete der Chefermittler. Deshalb werde von einem Einzeltäter ausgegangen.

Fahrgast schlief ein, von Lenker ausgeraubt

In der Nacht auf diesen Montag beobachteten die Ermittler den Lenker mit seinem silbernen Ford Mondeo Kombi wieder und sahen, wie in Wien-Hietzing ein Mann, der in das Schema der anderen Opfer passte, in das Fahrzeug stieg. Auf der längeren Route durch die Stadt schlief der Kunde auf der Rückbank ein und der Lenker stellte sich in Rudolfsheim-Fünfhaus einige Minuten auf einen Parkplatz, um dann nach Währing weiterzufahren und seinen Gast dort abzusetzen. Polizisten sprachen den Ausgestiegenen sofort an, ob er seine Armbanduhr noch hatte. Als dieser verneinte, wurde der Taxifahrer durchsucht, die Rolex in der linken Hosentasche sichergestellt und der Beschuldigte festgenommen, berichtete Lang. Bei der Amtshandlung wurde ein Beamter leicht verletzt.

Eine anschließende Hausdurchsuchung führte zur Sicherstellung weiterer hochwertiger Uhren, die von Taxikunden stammen könnten. Es dürfte sich aber um Fälschungen handeln, erläuterte Lang. Diese seien allerdings kaum von den Originalen zu unterscheiden. Die Ermittler gingen vorerst von einem Schaden von insgesamt rund 600.000 Euro aus - bei 39 Taten also im Schnitt rund 15.000 Euro pro Uhr. Wo diese weiterverkauft wurden, war noch unklar.

Beschuldigter in U-Haft

"Der Beschuldigte befindet sich in der Justizanstalt Josefstadt", berichtete Nina Bussek, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Wien. Ihre Behörde hatte am Mittwoch Untersuchungshaft beantragt, die am Donnerstagvormittag vom Landesgericht für Strafsachen verhängt wurde. Der 33-jährige türkische Staatsbürger hat "von seinem Recht Gebrauch gemacht, die Aussage zu verweigern", sagte Bussek. Die Ermittlungen seien noch nicht abgeschlossen, es könne auch noch zu Kontoöffnungen und Rufdatenrückerfassung kommen. Dem Mann drohen laut der Vertreterin der Staatsanwaltschaft bis zu zehn Jahre Haft, da auch schwerer Raub angezeigt wurde.

Die Polizei veröffentlichte nach der Pressekonferenz auf Anordnung der Staatsanwaltschaft Fotos des Beschuldigten und des von ihm genutzten Fahrzeugs. Mögliche weitere Opfer oder Zeugen werden ersucht, sich (auch anonym) unter der Telefonnummer 01-31310-62800 an das LKA Wien, Außenstelle Zentrum-Ost, zu wenden. "Uns ist bewusst, dass es wahrscheinlich noch weitere Fakten geben wird", sagte Lang zu dem ungewöhnlichen Fall. In die Ermittlungen waren zahlreiche Behörden involviert, u. a. das Bundeskriminalamt und die Direktion für Sondereinheiten. Die Kriminalisten dankten auch der Taxiinnung Wien und dem Fahrdienstleister Uber für die "gute Kooperation" bei den Ermittlungen.