Dieser Artikel ist zuerst bei "SOS Mitmensch" erschienen. An dieser Stelle wird in den nächsten Wochen immer freitags ein Porträt aus der Reihe "Hier angekommen: Ältere Menschen und Familien nach der Flucht" veröffentlicht.

Familie Sourani kam vor sieben Jahren nach Österreich. Davor lag eine lange und schwierige Zeit, wie der 19-jährige Abdulghani erzählt: "Als der Bürgerkrieg ausbrach, sind wir zuerst gemeinsam in die Türkei. Unser Haus und die Firma unseres Vaters waren kaputt und uns blieb nur der Schmuck unserer Mutter, den wir verkauften." Der Vater hatte zunächst überlegt, ein kleines Geschäft in Istanbul zu eröffnen, aber das war nicht möglich. "Wir hatten eine Wohnung in Istanbul, die wir von heute auf morgen verlassen mussten, weil das Haus abgerissen wurde. Der Vermieter hat uns komplett abgezogen und die Miete schon im Vorhinein einkassiert. Nach einer Nacht auf der Straße sind wir weiter nach Konya, wo eine Verwandte wohnte. Es gab dort viele Gangs und wir wurden regelmäßig bedroht und verprügelt."

"Er ist ein Ehrenmann"

Der Vater, Abdulkader Sourani, entschied dann, dass er nach Europa gehen würde. Die Familie sollte warten, bis er eine sichere Möglichkeit gefunden hätte, um sie nachzuholen. Er flüchtete zu Fuß, per Auto, Bus und Zug über Griechenland, Mazedonien und Serbien.

Mit dem Zug wollte er eigentlich nach Deutschland - aber dann kam ein Schaffner, holte ihn raus und sagte, 'du bleibst jetzt hier'. "Gott sei Dank, denn dadurch sind wir jetzt alle hier. Er ist ein Ehrenmann", sagt Sohn Abdulghani dazu.

Unterstützung bei der Ankunft

Abdulkader kam in eine Flüchtlingsunterkunft in Wiener Neustadt und schließlich in den kleinen Ort Bad Fischau-Brunn in Niederösterreich. Der 51-jährige erinnert sich: "Ich habe Asyl beantragt und einen positiven Bescheid erhalten." Acht Monate später konnte er seine Frau und seine Kinder nachholen. Gewohnt haben sie zuerst bei einer Familie: "Diese Menschen haben uns sehr unterstützt. Wir sind bis heute gute Freunde geblieben."

Mit ihrer Unterstützung konnten sie ein Haus finden, in dem sie zur Miete wohnen. "Meine jüngste Tochter startete im Kindergarten, die Ältere in der Volksschule und die beiden Söhne in der Mittelschule und im Gymnasium. Alle wurden zwei Klassen zurückgestuft, um genug Zeit zu haben, mit dem Deutschlernen nachzukommen."

Rasche Fortschritte beim Deutschlernen

Familie Sourani denkt heute nicht mehr ans Zurückgehen. Die Kinder konnten schon nach sechs Monaten perfekt Deutsch und als Zaid, der älteste Bruder, einmal für seinen Vater im Krankenhaus übersetzen musste, konnte der Arzt nicht glauben, dass er erst so kurz in Österreich war. Seine Schwester, die 14-jährige Asma, erzählt: "Am Anfang kamen Frauen aus dem Dorf zu uns, die privat mit uns Deutsch übten, dann haben wir auch in der Schule die neue Sprache gelernt." Die Eltern haben Deutschkurse besucht, sie sind mittlerweile auf B1-Niveau. "Das Reden geht sehr gut, aber Schreiben und Lesen ist schwierig, weil es eine ganz andere Schrift ist. In Arabisch liest und schreibt man von rechts nach links."

Schule, Ausbildung und Arbeit

Der Vater, Abdulkader, arbeitet mittlerweile bei einer Papierfirma, Sohn Zaid macht eine überbetriebliche Lehre als Spengler. Abdulghani arbeitet als Monteur und Metalltechniker. "Ich stehe um fünf auf, damit ich um sechs dort bin. Nach der Arbeit esse ich etwas, gehe noch ins Gym und dann direkt schlafen. Viel Zeit für anderes bleibt da nicht", erzählt der junge Mann.

Seine Mutter Fadua hat kürzlich eine sechsmonatige Ausbildung zur Verkäuferin abgeschlossen. „Jetzt bin ich auf der Suche nach einer Anstellung, aber das ist momentan nicht einfach“, so die 41-jährige.

Neue Hobbies 

Tochter Asma ist in der dritten Klasse der Mittelschule, sie spielt in der Mädchen-Fußballmannschaft. "Vorletzte Woche hatten wir ein Turnier und da habe ich zwei Tore geschossen", erzählt sie stolz. Das jüngste Mitglied der Familie Sourani ist Fatima, genannt Api. Sie ist in der dritten Klasse Volksschule und spielt Klarinette in der Bläserklasse. "Ich quietsche nicht so oft, wie meine Schwester, die auch mal gespielt hat. Ich mache das wenn dann absichtlich, um die anderen zu ärgern, zum Beispiel, wenn sie schlafen wollen", erzählt sie schmunzelnd.

Krieg in der Ukraine: „Wir haben dasselbe durchgemacht“

 "Wir wollen in Frieden leben. Wir haben genug gesehen", sagt der 19-jährige Abdulghani. "Als kleines Kind Krieg zu erleben ist ganz, ganz schlimm. Man hat ein Leben lang Bilder von Menschen im Kopf, die am Boden lagen und denen man helfen wollte, aber man musste selbst weglaufen. Jetzt sind zehn Jahre vergangen und ich will, dass alles in Ruhe läuft. Auf das konzentrieren wir uns jetzt."

Wenn die Familie Nachrichten aus der Ukraine sieht, weiß sie, wie die Menschen sich fühlen. "Wir haben dasselbe durchgemacht und wir wünschen ihnen nur das Beste. Der liebe Gott hat uns geholfen. Egal, wie oft wir die Hoffnung verloren haben, wir hatten ihn vor Augen", so Abdulghani.