Eigentlich zaubert Tanja Stolz Menschen mit ihren Fotos ein Lächeln der Entzückung auf die Lippen. Denn die Grazerin fotografiert normalerweise Neugeborene und Kleinkinder in phantasievollen Settings aus Pastellfarben. Mit ihrem neusten Werk verhält sich das ein wenig anders: Zu sehen ist darauf zwar auch ein Baby, nach Pastellfarben sucht man allerdings vergebens. Stattdessen eröffnet sich dem Betrachter das Bild einer jungen Mutter (Angelina Valentin), die - in ein Kleid aus Plastikmüll gehüllt - ihr Kind stillt. Ihre Haut ziert tiefe Risse. Um sie sie herum: Eine düstere Umgebung, über der sich ein Unheil versprechendes Unwetter zusammenzubrauen scheint.

Mit ihrem Werk, das aktuell innerhalb der Menschenbilder-Fotoschau in ausgewählten Gemeinden in der Steiermark ausgestellt wird, möchte die Fotografin auf gleich mehrere Themen aufmerksam machen: Stillen in der Öffentlichkeit, das nach wie vor gesellschaftlich oft tabu zu schein scheint. Dass Mikroplastik über die Mutter an das Kind weitergegeben wird. Die starke Umweltverschmutzung, die verheerende Folgen mit sich bringt. Und: "Die Spuren, die Corona an uns und auf dieser Welt hinterlässt." 

Das Foto von Tanja Stolz trägt den Namen "It's a sick world. Quo vadis Terra Mater?"
© (c) Lieblingsbild GRAZ, www.lieblingsbild.at

Die Strapazen, denen Mutter Erde ausgesetzt ist

Die 39-Jährige kämpft hier also an mehreren Fronten. Einerseits möchte sie sich mit dem Foto dafür einsetzen, dass Stillen in der Öffentlichkeit endlich als das angenommen wird, was es ist, nämlich etwas Natürliches. Andrerseits ist es ihr ein Anliegen, in Punkto Umweltverschmutzung zum Nachdenken anzuregen und Stillende für die Gefahren von Mikroplastik zu sensibilisieren. 

Ihr Foto sei bewusst ambivalent, so Stolz: "Es porträtiert die Mutter Erde als hübsche, starke Frau, die jedem Sturm trotzt, aber bereits sichtlich mitgenommen aussieht: Ihr Körper ist ausgetrocknet, sie ist gefangen in einem Korsett-Kleid aus Müll - in Form von Plastik und Corona-Masken, Wegwerf-Windeln und Fischernetzen." Das Kind, das stellvertretend für uns Menschen stehen soll, sauge dennoch in aller Seelenruhe an seiner Mutter und damit die Menschheit an Mutter Erde, während dieser bereits die Tränen kommen. "Es saugt sie regelrecht weiter aus". 

Die Fotografin Tanja Stolz.
© (c) Lieblingsbild GRAZ, www.lieblingsbild.at

Gerade jetzt sei es wichtiger denn je, den Blick für das große Ganze nicht zu verlieren. Durch die Corona-Pandemie und nun durch den Krieg in der Ukraine rücke die Klimakrise weiter in den Hintergrund, dabei "erleben wir eine Plastifizierung der Ozeane mit fatalen Folgen. Das wollte ich mit dem Bild der Stillenden Mutter in der Plastikflut darstellen."

Kindern eine Stimme geben: "Ihnen gehört die Zukunft"

Auf die Idee gebracht hat Stolz ihre 10-jährige Tochter Felicitas. "Sie ist voriges Jahr im Mallorca-Urlaub ganz entsetzt nach dem Schnorcheln auf mich zugekommen und hat mir von dem Unterwasser-Teppich an Plastikteilen erzählt, durch den sie getaucht ist. Mich hat ihr Blick damals sehr traurig gestimmt." 

Kurze Zeit später fasste die 39-Jährige einen Entschluss: "Ich fühle mich nicht nur meiner Tochter, sondern allen Kindern verpflichtet. Ich möchte stellvertretend für sie Aktionen zu setzen." Gerade Kinder seien es schließlich, die bei Themen wie diesen, kein Sprachrohr hätten. "Ihnen gehört aber die Zukunft auf dieser Erde, die Generationen vor uns bereits ausgebeutet haben und und wir zusehends weiter zerstören."  

30 Minuten und das Plastikkleid war "geboren"

Gesagt, getan: Nachdem Tanja Stolz den Entschluss erst einmal gefasst hatte, ging alles Weitere schnell. Über einen Aufruf an ihre Online-Community hat die Fotografin ihr Model schnell gefunden: Die junge Mutter Angelina Valentin. Das Shooting selbst war innerhalb eines Vormittags umgesetzt. Und, kaum zu glauben, aber wahr: Das Kleid, das unter anderem aus Plastikflaschen, Folien, Windeln und FFP2-Masken besteht, hat Stolz in gerade einmal 30 Minuten und "relativ freestyle" - wie sie sagt - zusammengebastelt. 

Das Video vom "Making Of" ist hier zu sehen:

Zweifache Mutter, mehrfach ausgezeichnete Fotografin

Mit ihren Fotos ist die zweifache Mutter eines Sohnes und einer Tochter übrigens überaus erfolgreich. Sie wurde (inter-)national bereits mehrfach ausgezeichnet und hat auch mit ihrem aktuellen Werk wieder einen Preis gewonnen: Den "Babyphotoaward".  

"Ich bin keine Politikerin, keine Umweltaktivistin, aber ich glaube, dass ich mit der Fotografie ein mächtiges Werkzeug an der Hand habe. Denn ein Bild sagt mehr als 1.000 Worte und rüttelt hoffentlich viele Menschen wach." Sie wünscht sich, dass mehr und mehr Menschen beginnen, ihren Konsum und ihr Kaufverhalten nachhaltig zu verändern - auch wenn man sich oft wie ein Sandkorn im Weltgefüge vorkomme. "Das soll niemanden daran hindern, den ersten Schritt zu tun und selbst tätig zu werden", sagt die 39-Jährige und erinnert sich, was ihr Vater einst zu ihr sagte: "Auch Ameisen machen einen Haufen."