Liebe Leserinnen, liebe Leser!
 
Würde ich nur zu Pressekonferenzen pilgern, Presseaussendungen umformulieren, den Informationsfluss der Nachrichtenagenturen verfolgen, würde ich nicht den journalistischen Minimalanforderungen genügen. Unerlässlich ist der direkte Kontakt mit den handelnden Personen, Politikerinnen oder Politikern – beim Kaffee im Büro, im Rahmen eines Mittagessens, am Rande eines Empfangs, an der abendlichen Hotelbar im Zuge einer Dienstreise ins Ausland. Solche Treffen sind das Normalste der Welt. Ein gemeinsames privates Wochenende etwa in Triest oder sonst wo, selbst wenn man es selbst bezahlt – das geht gar nicht. Hier beginnt die Verhaberung, die anfällig macht für einen Gefälligkeitsjournalismus, der Sachen aufbauscht oder verschweigt.
 
Als Österreich 1998 den Vorsitz in der EU übernahm, lud die damalige Regierung die Brüssel-Korrespondenten der großen internationalen Tages- und Wochenzeitungen nach Wien ein. Den Organisatoren bescherte die Visite ungewohntes Kopfzerbrechen, da amerikanische und britische Kollegen darauf bestanden, dass sie nicht nur das Hotel in Wien selbst bezahlen, sondern anteilig auch die Kosten für das abendliche Dinner beim Kanzler und Außenminister am Ballhausplatz übernehmen. Die angloamerikanische Medienzunft kannte schon vor 20 Jahren andere Unvereinbarkeitsregeln. Heute übernehmen Medien auch hierzulande einen Teil der Kosten bei Fahrten ins Ausland.
 
Mit dem Kanzler, dem Vizekanzler, der SPÖ- oder der Neos-Chefin dürften die meisten innenpolitischen Journalisten das eine oder andere Bier gekippt haben. Ob auch mit dem FPÖ-Chef, wage ich zu bezweifeln, da die Beziehung zwischen den Blauen und der Wiener Blase eine unterkühlte ist. Schon unter Jörg Haider fühlte sich das Dritte Lager unverstanden, viele Kollegen verdrehen die Augen, wenn man auf die Freiheitlichen zu sprechen kommt.
 
Und so begann vor zehn Jahren die FPÖ als erste Partei still und heimlich alternative Kommunikationskanäle zu entwickeln. Statt über die klassischen Medien mit potenziellen Wählern zu kommunizieren, setzte man ganz bewusst auf die sozialen Medien, vor allem auf Facebook, das den unschlagbaren Vorteil besitzt, dass man seine Botschaften ungefiltert an die Frau, an den Mann bringen kann. Das führte unweigerlich dazu, dass die Blauen in der Kommunikation nicht mehr in dem Ausmaß von den traditionellen Medien abhängig wurden. Es sind die Freiheitlichen, die am allerwenigsten voller Empörung bei innenpolitischen Journalisten anrufen, auf Bundesebene zumindest.
 
Ich weiß nicht, ob es 2012 oder 2013 war, da trudelte im November eine Einladung zum Ganslessen mit der blauen Führungsspitze in einem echten Wiener Beisl im 9. Bezirk ein. Auch andere Parteien laden in regelmäßigen Abständen die Journalistenzunft zum Heurigen oder sonst wohin ein – allesamt nützliche Abende, um im informellen Rahmen ins Gespräch zu kommen, Themen zu vertiefen, Neues, Unbekanntes zu erfahren, Gerüchte auszutauschen. Die Treffen finden im Hintergrund statt, keine einzige Zeile findet den Weg in die Zeitung, ins Radio, ins Fernsehen. Wer die Vertraulichkeit verletzt, wird von der Einladungsliste gestrichen.
 
In den Anfangsjahren fanden sich bisweilen mehr Freiheitliche als Journalisten im Lokal ein. Im November 2017, also in der Hochphase der türkis-blauen Regierungsbildung, wurde das Lokal regelrecht gestürmt. Vor allem der ORF war omnipräsent. Viele Fernseh- oder Radiokollegen hatte ich in den Jahren zuvor nie bei einem FPÖ-Event gesehen.
 
Der Ansturm der ORF-Kollegen war in erster Linie der strukturellen Abhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks von der Parteipolitik geschuldet. Aber nicht nur: Fataler ist die intellektuelle Überheblichkeit im Umgang mit der FPÖ, die trotz aller Schmuddel-Elemente mitunter auch den Nerv trifft. Eine solche Abgehobenheit schadet dem politischen Diskurs, der Demokratie und der eigenen Zunft.
 
Einen hoffentlich erbaulichen Dienstag wünscht Ihnen
 
Michael Jungwirth
michael.jungwirth@kleinezeitung.at