Wer in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts aufwuchs, dem ist das Bedrohungsszenario eines Atomkriegs alles andere als fremd. Zwar war der Höhepunkt des Kalten Krieges damals schon überschritten. Doch die Gefahr eines Nuklearschlags hing immer noch wie ein Damoklesschwert über dem Alltagsleben der Österreicherinnen und Österreicher.
 
Ein paar lose Erinnerungssplitter:
 
In der Schule wurde uns von den Lehrern eingetrichtert, wie wir im Fall eines Atomalarms unverzüglich die Klassenzimmer zu räumen und geordnet den riesigen Schutzraum im Keller aufzusuchen hätten. Auch jedes neugebaute Haus musste einen Bunker haben.
 
Ständig wurde von irgendwelchen Militärexperten darüber spekuliert, auf welche Ziele im neutralen Österreich der Warschauer Pakt im Fall eines Kriegs mit der Nato Nuklearraketen abfeuern werde.
 
Im legendären ORF-Debattierformat
„Club 2“ brachte Edward Teller, der „Vater der Neutronenbombe“, mit seinen kalten Ausführungen über die verheerende Wirkung seiner Erfindung die Schweizer Friedensaktivistin Ursula Koch zum Weinen.
 
Nach dem berühmten Nato-Doppelbeschluss von 1979 waren die Abendnachrichten über Jahre hinweg voll von Berichten über Friedensdemos in Deutschland, die sich interessanterweise immer nur gegen die Stationierung der amerikanischen Sprengköpfe in der alten Bundesrepublik richteten, nie aber gegen Moskau und seine Atomwaffenarsenale.
 
Im Pazifik zündete Frankreich unverdrossen eine Testatombombe nach der anderen und versenkte 1985 gleichsam als Dreingabe im Hafen von Auckland die Rainbow Warrior, das Flaggschiff von Greenpeace, das dem Wahnwitz Einhalt gebieten wollte. Ein Fotograf starb. Der Kopf der Geheimdienstaktion wurde später vom französischen Präsidenten zum Großoffizier der Ehrenlegion ernannt.
 
Als 1983 zu Jahresende der apokalyptische US-Streifen „The Day After“ in den Kinos gelangte, der von der atomaren Vernichtung einer Kleinstadt in Kansas handelt, war die ungeschönte Darstellung der Apokalypse für viele Jugendliche ein Schock.
 
Im Jahr darauf
schickte US-Präsident Ronald Reagan vor einer Radioansprache in der falschen Annahme, die Mikrofone seien abgeschaltet, im Spaß live die legendären Sätze über den Äther: „Liebe Landsleute, ich freue mich, Ihnen heute mitteilen zu können, dass ich ein Gesetz unterzeichnet habe, das Russland für vogelfrei erklärt. Wir beginnen in fünf Minuten mit der Bombardierung“.
 
Es war nicht der einzige misslungene Scherz des ehemaligen Cowboy-Darstellers. Viele in Europa hielten Reagan nicht zuletzt deshalb für einen dummen Draufgänger. Im Rückblick war der kalte Krieger im Weißen Haus einer der erfolgreichsten Präsidenten der US-Geschichte: Unbestritten ist, dass das vom ihm angestrengte Wettrüsten zwischen den feindlichen Supermächten die Sowjetunion an den Rand des wirtschaftlichen Zusammenbruchs brachte und schließlich zum Untergang des gesamten kommunistischen Systems in Osteuropa führte.
 
Es gehört zu den besonderen Ironien der Geschichte, dass in den turbulenten und chaotischen Jahren, die diesem Zerfall folgten, in Russland ein ehemaliger, einst in der DDR stationierter KGB-Offizier an die Macht gelangte, der – wütend über die Rückschläge seiner Invasionsarmee in der Ukraine – nun dieser Tage seinen Außenminister mit einem Atomkrieg drohen lässt.
 
Aber wie real ist die Gefahr einer nuklearen Eskalation wirklich?
 
Diese Frage hat meine Kollegin Nina Koren im Gespräch mit dem Militärstrategen Gerald Karner zu ergründen versucht.
 
Seine nüchterne Einschätzung tut gut inmitten der hellen Aufregung, die Sergej Lawrows Worte ausgelöst haben.
 
Herzlich,