Falsche EntscheidungenEs schafft kein großes Vertrauen, wenn der Gesundheitsminister keine Zielwerte mehr nennt

Der Morgenpost-Kommentar aus der Chefredaktion.

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© Kleine Zeitung
 

Guten Morgen, liebe Leserinnen, liebe Leser!
 
Es gibt auch aufbauende, optimistisch stimmende Lichtblicke in diesen pessimistisch stimmenden Lockdown-Tagen mit explodierenden Infektionszahlen in den – bislang von allen immer geforderten – offenen Schulen. Einen solchen Lichtblick präsentierte gestern der Wissenschaftler Viktor Mayer-Schönberger, ein Österreicher, der in Oxford lehrt und soeben ein Buch über „Framing“ - die Anwendung mentaler Modelle -  geschrieben hat. Ein Buch, das nicht nur dieser Tage Politiker in Regierungsverantwortung lesen sollten. Es geht um die Frage, wie Entscheidungen besser getroffen werden können und warum uns Maschinen um diese Stärke immer beneiden werden. Die Angst, künstliche Intelligenz und Robotik könnten den Menschen ersetzen, ist aus Sicht von Mayer-Schönberger somit unbegründet. Immerhin ein Lichtblick.
 
Die These: Über „Framing“ besitze der Mensch die einzigartige Fähigkeit, die Zukunft umzugestalten. Eine Voraussetzung dafür sei allerdings, sich niemals in etwas zu versteifen. Wer sich etwa – wie im letzten Sommer - in den Slogan „Die Pandemie ist für Geimpfte vorbei“ versteife, schränke seine Optionen ein, analysiert Mayer-Schönberger die Gründe für falsche Entscheidungen. Wo er Defizite ortet? Dass das Framing mit der Vorstellung einer anderen Wirklichkeit und welche Entscheidungsmöglichkeiten man daraus generieren kann, zu wenig eingesetzt werde.
 
Welche Wirklichkeit sich die Regierung gerade für das Ende des Lockdowns vorstellt, außer dass Intensivstationen weniger belastet sein sollen? Wissen wir nicht. Auch einen Zielwert bei den Infektionen für ein Ende des Lockdown für Ungeimpfte wollte der Gesundheitsminister gestern nicht nennen. Ein verständliches Zögern nach all den bisherigen Verirrungen? Durchaus. Großes Vertrauen, dass da jemand weiß, wohin die Reise geht, schafft es aber nicht. Wie Wiens Bürgermeister Michael Ludwig – mit oder ohne „Framing“ - ein konstantes und durchaus überzeugendes Corona-Management schaffte, erfahren Sie in unserer heutigen Ausgabe.    
 
Einen Tag ohne Verirrungen und Ansteckungen wünscht Ihnen
Carina Kerschbaumer 

Kommentare (2)
GanzObjektivGesehen
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Wer gewinnen will läuft nicht zur Ziellinie, sondern darüber hinweg.

Der Normalbürger läuft aber nur konzentriert bis er die Ziellinie sieht. Setzt man das Ziel zu hoch an, so sehen viele die Ziellinie nicht einmal, und abgesehen von einigen Wenigen, in unserem Fall haben diese aber das Ziel schon erreicht, wird der Rest vor dem Ziel langsamer.

Wo setze ich also an? Hier sollte man sich des schönes Satzes "Der Weg ist das Ziel"erinnern.
Nicht alle Konzentration auf eine Punkt legen, sondern den Weg als solches zum Ziel machen.

Möglicherweise muss man über diesen Ansatz länger nachdenken, bevor man seinen Sinn versteht.

zweigerl
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Shaming

Immer ist auch für Planlosigkeit rasch ein Begriff zur Hand, um sie in einen "OPtimismus" umzumünzen. Die Theorie des "Framings" ist wohl nur die Trivialvaiante des seit der griechischen Philosophie bestens eingeführten Skeptizismus. Der täte unserer stets nach dem "OPtimismus" Ausschau haltenden Spezies gut, die allen Grund hätte, sich im "Shaming" zu üben für all das, was sie der nichtmenschlichen Natur antut.