SterbehilfeVorsätzliches Weiterleben – das Minenfeld rund um die „Beihilfe zum Suizid“

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Ernst Sittinger
Ernst Sittinger © Kleine Zeitung
 

Gäste auf Erden!

Was für ein Wort: Mit einem „Sterbeverfügungsgesetz“ will die Regierung die künftig erlaubten Grenzen der Beihilfe zum Selbstmord ziehen. Der Verfassungsgerichtshof hat ja das absolute Verbot im Vorjahr aufgehoben. Nun braucht man eine präzise und sturmfeste Regel. Doch allzu verfügbar werden Leben und Sterben hoffentlich nicht. Zur Disposition steht der Abbruch der letzten Brücke an einem dunklen Punkt, von dem uns ein gnädiges Schicksal fernhalten möge.
 
Es kann wohl niemand ermessen, wie einsam, verzweifelt und gequält man sein muss, wenn man aus dem Leben scheiden will und dazu fremder Hilfe bedarf, weil man es alleine nicht mehr schafft. Es ist nicht zu leugnen, dass es solche Fälle gibt: Menschen, die nicht mehr können, weil die Seele schon reisefertig ist und nur mehr den geschundenen Körper mit seinen Schmerzen auf dieser Welt zurücklässt. Diesen Menschen in Liebe hinüberzuhelfen – das kann nicht falsch sein. Einerseits. Aber wo die kurative Medizin versagt, kann die palliative noch lange Lebensmut schenken. Wird hingegen das Sterben umstandslos offeriert, lauert sofort der Schlund des Kalküls. Wer nicht mehr nützlich ist, steht als Kostenfaktor im Raum. Dann wird das vorsätzliche Weiterleben plötzlich zum vorwerfbaren Tatbestand. Es drohten ein „Dammbruch in den Köpfen“ und „die Normalisierung des Suizids“, schreibt Kollegin Carina Kerschbaumer heute in ihrer beliebten Kolumne „Von Mensch zu Mensch“.
 
Als Zivildiener habe ich vor Jahrzehnten kurz in den Abgrund geblickt, als wir beim Roten Kreuz in der Hauskrankenpflege viele einsam Sterbende betreuten. Den Geruch der wundgelegenen Körper vergisst man nicht. Auch nicht den Blick in unbeschreiblich verwahrloste Wohnungen. Sie lagen in Straßen, durch die man zuvor jahrelang zur Schule ging – als behütetes Wohlstandskind, ahnungslos vom Elend nur durch 40 Zentimeter Mauerwerk getrennt. Dazu passen mahnende Politikerworte gestern Abend bei der Flaggenparade der steirischen Einsatzorganisationen in Graz: Die Solidarität nehme ab, die eigene Befindlichkeit werde zum Maßstab aller Dinge, so Landeshauptmann Schützenhöfer. Der scheidende Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl diagnostizierte gar ein „Verdunsten der zwischenmenschlichen Bindekräfte“. Kein guter Rahmen, um mit Bedacht die schmale Grenze zu ziehen zwischen „Beihilfe zum Suizid“ und Verächtlichmachung des Lebens.
 
Unverdrossen viel Freude am Samstag wünscht

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feringo
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Seele in Quanten

Die Teile "..., weil die Seele schon reisefertig ist ..." und "... Menschen in Liebe hinüberzuhelfen ..." sind hier aus dem Zusammenhang gerissen, ja, aber sie beinhalten etwas ganz wesentliches, was keine Wissenschaft absprechen kann, nämlich das (eben nicht ausschließbare) Weiterleben nach dem Tod - in welcher Form auch auch immer, aber ganz sicher nicht null..

calcit
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Schöne Worte…

…sie helfen aber nicht im Fall der Fälle wenn ihr Kind, ihr Partner ihr Elternteil elendiglich darniederliegt und monatelang dahinsiecht wenn sie jahrelang mitansehen müssen wie ihr geliebter Mensch mit ALS oder MS verfällt…

deCamps
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Da hat sich wer die Mühe gemacht einiges aus dem belgischen Ethikvertrag fein säuberlich (größtenteils nahezu Wort für Wort) abzuschreiben.

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Ist eigentlich egal. Wichtig ist, dass sich jetzt auch in Österreich was "natürliches menschliches der menschlichen Logik entsprechend" bewegt. Hochachtung und Respekt.
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Wenn man die Zahlen und Handlungsweisen in der Palliativmedizin ansieht, dann kann man erkennen, dass es sich hier genaugenommen um legalisierte Sterbehilfe handelt. Womit Spitäler und Sterbeinstitutionen Jahr für Jahr ein Millionen (Milliarden) Geschäft machen.

GordonKelz
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Der Artikel kommt der WAHRHEIT rund um

die Sterbehilfe ein wenig näher, als alles sonst was von der KLZ so gebracht wurde
dazu!
Gordon