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Der ewige Zauber250 Jahre Zirkus: Warum die Manege uns immer noch fasziniert

Vor 250 Jahren eröffnete Philip Astley in London eine „Riding School“ und begründete damit den klassischen Zirkus.

Analoges Vergnügen: der Zirkus
Analoges Vergnügen: der Zirkus © Blickfang - stock.adobe.com (ROLF FISCHER)
 

Mr. Lorenzo, der Spaßmacher des Circus Louis Knie jr., der gerade in Österreich gastiert, hat schon Papst Franziskus zum Schmunzeln gebracht. Aber jetzt herrscht im Zelt eine säkulare Dreifaltigkeit: jene aus Lachen, Staunen und Träumen. Hunderte Kinder- und Erwachsenenaugen kleben nicht an Handy-Bildschirmen, sondern an Mr. Lorenzos Tollpatschigkeiten, an den atemberaubenden Kunststücken von zartgliedrigen Artistinnen, an den fliegenden Händen der Jongleure und an den wehenden Mähnen der Pferde, die Zirkusdirektor Louis Knie jr. durch die Arena galoppieren lässt. Akrobat schööön! Zirkus schööön! Der beinahe anachronistischen Anmutung und aller Krisen zum Trotz hat diese analoge Unterhaltungskunst auch in Zeiten der digitalen Permanentbespaßung nichts von ihrer Faszination verloren.

Begonnen hat alles mit Pferden. Und mit einer Verweigerung. Mister Philip Astley folgte nämlich nicht dem Wunsch seines Vaters, dass er Schreiner werden solle, sondern suchte das Glück auf Erden auf den Rücken von Pferden. Im Alter von 17 Jahren ging der Engländer zu den Dragonern und wurde Unteroffizier; doch nicht dem Kämpfen galt die Leidenschaft des brillanten Reiters, sondern dem Erfinden und Einstudieren von Kunststücken mit seinen Lieblingstieren. Ins Jahr 1768 fiel schließlich die Geburtsstunde des klassischen Zirkus, wie wir ihn noch heute kennen: Astley eröffnete eine Reitschule in London, an der er am Vormittag unterrichtete und am Nachmittag Vorführungen gab. Die Arena nahe der Westminster Bridge nannte er nach dem Vorbild des römischen Circus Maximus „Circus“.

Sein erstes Orchester war seine Frau Patty, die die Trommel schlug. Da Astley nicht nur ein Händchen für Pferde hatte, sondern auch für Geld, expandierte er bald und eröffnete 18 weitere Zirkusse in anderen europäischen Städten. Und zu den Dressurreitern gesellten sich bald Clowns, chinesisches Schattentheater, Jongleure und andere Artisten, die er auf Jahrmärkten und in „Pleasure Gardens“, Vergnügungsgärten, rekrutierte. Raubtiere im Zirkus, heutzutage in vielen Ländern verboten, wurden übrigens erst nach Astleys Tod üblich.

Von Großbritannien aus trat der Zirkus seinen Triumphzug durch Europa an und auch in Österreich etablierte sich früh eine lebhafte Tradition. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts ließ sich der Kunstreiter Christoph de Bach in Wien nieder, wo er südlich der Prater-Hauptallee einen fixen Bau errichtete, in dem 3000 Besucher Platz hatten. Der „Circus gymnasticus“ bot Reitkunststücke, aber auch dressierte Hirsche, Seiltänzerinnen und Schlangenmenschen. Als erfolgreichster Zirkusbetreiber des 19. Jahrhunderts galt Ernst Jakob Renz, der in Wien einen prunkvollen Bau mit 4000 Sitzplätzen errichtete. Damit verfügte Österreich über einen der modernsten Zirkusse in Europa.

Foto © Andrey Burmakin - stock.adobe.com (Andrey Burmakin)
Eine erste Zäsur und große Krise brachte der Erste Weltkrieg mit sich. Die Zirkusse stellten sich zwar mit patriotischen Programmen auf die Situation ein, doch ein Überleben mitten im Schlachten war schwer möglich – nur die großen Dynastien hielten durch. Weltkrieg II brachte Gewitterwolken anderer Art. Das fahrende Volk, immer schon verfemt und verleumdet, hatte unter den Nazis ein schweres bis lebensgefährliches Los. Die Dynastie Knie stand zum Beispiel auf der schwarzen Liste. Der Grund: Beim Programm 1938 mit dem Thema „Olympiade“ wurden bei den Vorführungen zwar Fahnen gehisst, doch die Hakenkreuze darauf fehlten. Apropos Knie: Jahrzehnte später hat Louis Knie nach einem Streit das Familienunternehmen verlassen und von Elfi Althoff-Jacobi den Österreichischen Nationalzirkus gekauft. Louis Knie jr. wiederum betreibt seit nunmehr 25 Jahren sein eigenes Unternehmen. – In achter Generation.

 

Louis Knie Junior
Louis Knie Junior Foto © Zirkus Louis Knie
„Den Zirkus hat man im Blut“, lächelt der Zirkusdirektor und wischt sich nach der Pferdedressur den Schweiß vom Körper. Früher das Fernsehen, jetzt der Digitalisierungsrausch als Konkurrenz: „Leichter ist es nicht geworden.“ 50 Menschen aus zwölf Nationen arbeiten hier, 35 Tiere wollen versorgt werden, 30.000 Euro kostet eine Zirkuswoche. Da braucht es viele Kinder- und Erwachsenenaugen, die jetzt wieder auf Mr. Lorenzo gerichtet sind. Und da ist sie wieder, die Dreifaltigkeit aus Lachen, Staunen und Träumen.

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