Es ist ruhig geworden in Skala Sikamineas. Touristen gibt es keine mehr und die meisten Hotels in der Umgebung haben längst geschlossen, ebenso die Tavernen. Nur in einem kleinen Café direkt am Hafen sitzt eine Gruppe von älteren Männern. Ihnen gegenüber verarbeitet der Fischer Panagiotis auf seinem Boot den morgendlichen Fang.

Heute holen die Fischer von Skala wieder nur Fische aus ihren Netzen. Das war nicht immer so. Panagiotis haben sich die Ereignisse, die zehn Jahre zurückliegen, tief ins Gedächtnis eingebrannt. „Du konntest das Wasser nicht mehr sehen. Es war voll von Schwimmwesten, von Booten. Von Menschen.” Zwischen seinen Sätzen macht er lange Pausen. „Aber wir wollen so etwas nie wieder erleben müssen.” Kostas vom Café nebenan steht auf und taucht mit ein in die Erinnerung: „Das war sehr, sehr schwierig für uns. Für die, die hier gelebt haben, und für die, die gekommen sind.” Er fügt eine einfache Formel hinzu: „Die Mächtigen sollen die Menschen einfach in Ruhe lassen, mit dem Töten aufhören. Dann muss niemand fliehen. Wer will das schon?” 

Eine Insel am Rande des Kollaps

Dieses Video könnte Sie auch interessieren

Boote von der Türkei würden sie heute viel weniger oft sehen. Zum Glück auch keine angespülten Toten. An einem Strand nicht unweit von hier hatten Spaziergänger einmal am Morgen den kleinen Körper eines verunglückten Mädchens entdecken müssen. Kostas’ Gedanken finden in die Gegenwart zurück: Heute ist das völlig überfüllte und überlastete Lager Moria, das damals zum Inbegriff der Krise wurde, Geschichte. Eine neue Hochsicherheitsanlage steht kurz vor der Fertigstellung. In den Häfen prägen die Schiffe der Küstenwache und die patroulierenden Geländewagen der Frontex-Grenzagentur das Bild. Die Fischer, sie sind jetzt Bewohner der befestigten EU-Außengrenze.

Die Ankünfte von Booten aus der Türkei wurden weniger, doch sie haben nie ganz aufgehört. Kostas spricht über ein Bootsunglück vor wenigen Wochen, das mindestens vier Geflüchteten aus dem Sudan das Leben gekostet hat. Auch er macht lange Pausen. „Wer weiß, welche Geheimnisse dieses Meer versteckt hält.”

Als im Jahr 2015 Hunderttausende Menschen in Lesbos ankamen, halfen die Frauen und Männer des Ortes mit gerade einmal 180 Einwohnerinnen und Einwohnern den Gestrandeten und versorgten sie an Land mit trockener Kleidung und dem Nötigsten. Die Fischer wiederum fuhren tagtäglich aufs Meer, damit in Seenot geratene es überhaupt so weit schaffen konnten. Anfangs waren sie auf sich alleine gestellt. Nach und nach kamen internationale Hilfsorganisationen nach Lesbos, um einer Insel am Rande des Kollaps unter die Arme zu greifen. Ganz Lesbos wurde zum humanitären Leuchtturm. In Skala Sikamineas brannte das Leuchtfeuer besonders hell.

Alle haben geholfen

Die Bewohnerinnen und Bewohner, allen voran die Fischer des Ortes, sprechen heute nur zögerlich von Erlebnissen, die sich Außenstehende wohl schwer vorstellen können. Nicht wenige von ihnen haben Menschen sterben sehen. In ihren Erzählungen zeigen sie großes Verständnis für die sprichwörtlichen Beweg-Gründe, die Menschen dazu bringen, in ein Boot zu steigen, um die gefährliche Überfahrt zu wagen. Sie wissen, es muss Verzweiflung sein. Auch der Fischer Stratis musste vieles mitansehen: „Was damals 2015 passiert ist, das kann sich niemand vorstellen.“

Die Fischer hätten sich gegenseitig abgesprochen und koordiniert. „Alle haben geholfen. Manche haben sich vielleicht am Vorabend aufgeregt. Am nächsten Tag aber haben auch sie keine Fische heimgebracht, sondern Menschen.“ Stratis spricht von der großen Fluchtbewegung als absolute Ausnahmesituation, aber nicht als Zäsur: „Diese Sache, das war nicht bloß 2015.” Er spricht über all die Kriege der letzten Jahre – und auch er kommt auf die aktuelle Situation im Sudan zu sprechen: „Tausende werden abgeschlachtet. Aber es interessiert niemanden”. Die Menschen, sagt Stratis, würden einfach ihre Sachen packen und sich auf den Weg machen. Er würde es genauso tun. „Es passiert weiterhin. Auch heute oder gestern, ab und zu kommen sie noch.” Stratis beschreibt eine Kontinuation: „Für mich spielt es keine Rolle, waren es tausend oder zehn, das ist dieselbe Sache für mich.” Der Fischer erinnert sich: „Das erste Mal sah ich ein Boot im Jahr 1996, es waren Kurdinnen“. Er zählt all die Jahreszahlen auf, in denen er seitdem immer wieder Boote, die „aus dem Wasser kommen”, gesehen habe.

Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu, der Präsident des Europäischen Rates Donald Tusk (Mitte) und der Präsident der Europäischen Kommission Jean-Claude Juncker (rechts) posieren nach dem EU-Gipfel im Gebäude des Europäischen Rates in Brüssel am 18. März 2016 für ein Foto.
Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu, der Präsident des Europäischen Rates Donald Tusk (Mitte) und der Präsident der Europäischen Kommission Jean-Claude Juncker (rechts) posieren nach dem EU-Gipfel im Gebäude des Europäischen Rates in Brüssel am 18. März 2016 für ein Foto. © AFP/Thierry Charlier

Für Friedensnobelpreis nominiert

Als er im Jahr 2009 ankommt, hält er inne: „Es war beim Leuchtturm. Es war sehr stürmisch. Ich sprang ins Wasser und hab zehn Menschen rausgeholt, zehn weitere aber, sie ertranken neben mir. Ich hielt den einen, und der andere neben mir ging unter. Babies. Verstehst du? Sie hatten keine Schwimmwesten, konnten nicht schwimmen. Sie waren so nahe dem Land. Ein Baby war neun Monate alt. Viele Menschen sind ertrunken. Babies ertrinken zu sehen! Es ist immer schon passiert.”

Stratis war im Jahr 2016 für seinen unermüdlichen Einsatz in der Rettung von Geflüchteten für den Friedensnobelpreis nominiert. Er hat ihn nicht bekommen. Und er ist heute sehr froh darüber, sagt er. „Nehmen wir an, ich hätte ihn bekommen, den Preis. Seit 2015 – wie viele sind hier seitdem ertrunken? Was hätte ich damit anfangen sollen? Was hätte das gebracht? Wenn die Kriege aufgehört hätten. Wenn das alles aufgehört hätte, wenn die Menschen in ihr Zuhause zurückkehren hätten können. Es sind so viele ertrunken – was hätte ich mit dem Nobelpreis machen sollen?”