Ein kleiner Finger berührt zaghaft meinen Oberschenkel. Ganz vorsichtig, unsicher und doch voller Neugier. Als ich mich umdrehe, nimmt das kleine Mädchen mit den großen schwarzen Augen schnell Reißaus und versteckt sich hinter ihrer Schwester. Etwas verschreckt lugt sie zwischen den Beinen des älteren Mädchens hindurch. Ihr Blick lässt erahnen, dass sie so etwas – aus ihrer Sicht – Seltsames wohl noch nie zuvor beobachtet hat.

Und tatsächlich, aus ihrer Perspektive muss es ein eigenartiges Schauspiel sein. Zwei Fremde kommen an diesem Nachmittag in ihr Dorf im Chin-Staat im Westen Myanmars. Und das passiert wahrlich nicht alle Tage. Normalerweise kennt man die wenigen Besucher, die hier vorbeikommen. Meistens sind es fahrende Händler auf ihren Motorrädern, Bauern oder Jäger aus einem der benachbarten Dörfer. Viele sind es nicht, denn der Weg ist beschwerlich.

Doch heute ist alles anders. Nicht nur, dass das kleine Mädchen die Vorbeikommenden noch nie gesehen hat, auch Menschen wie diese hat sie noch nie gesehen. Sie schauen anders aus, wirken fremd, etwas bleich vielleicht. Es ist das erste Mal, dass sie westliche Touristen sieht. Denn diese verirren sich kaum in den entlegensten Bundesstaat Myanmars.

Und das obwohl der Chin-Staat, der an Bangladesch und Indien grenzt, ein Traum für Wanderer ist – im Speziellen die Gegend rund um den Mount Victoria. Die Einheimischen nennen ihn „Mutter der Berge“. Und tatsächlich ist er mit einer Höhe von etwa 3100 Metern der höchste Gipfel in der Provinz, die ein wahres Naturparadies ist. Tosende Flüsse, verlassene Täler und grüne, steile Hänge säumen den Weg durch das Gebiet rund um den Mount Victoria. Die Landschaft ist geprägt von feuchten Laub- und immergrünen Pinienwäldern. Dazwischen entfaltet sich eine Art Savannenlandschaft, in saftiges Grün getaucht. In den Wäldern leben mehr als 150 verschiedene Vogelarten. Viele von ihnen sind endemisch, wie zum Beispiel der Weißstirnkleiber.

Tagelang kann mir hier wandern, ohne anderen Touristen zu begegnen. Die gesamte Region wurde zum Nationalpark erklärt, um die Natur und die hier beheimateten Bergvölker mit all ihren besonderen Traditionen zu schützen. Wie das Volk der Chin. Seine Dörfer sind sehr abgelegen und waren lange Zeit komplett von der Außenwelt abgeschnitten – aber genau wegen dieser jahrhundertelangen Isolation haben sich hier unvergleichliche Bräuche entwickelt und erhalten.

Unvergleichliche Bräuche haben sich im Chin-Staat noch erhalten: etwa das Spiel auf der Nasenflöte
© Armin Mösinger

Wie etwa jener der tätowierten Frauen. Bei den weiblichen Chin haben großflächige Gesichtstattoos eine lange Tradition. Der alten Legende nach fing das Tätowieren an, um den burmesischen König davon abzuhalten, die schönen Chin-Frauen zu stehlen. Oder um in den Augen der Feinde als hässlich zu gelten und so nicht entführt und versklavt zu werden. Mittlerweile weiß es aber niemand mehr so genau.

Auf den abgelegenen Wegen begegnet man noch vielen der sogenannten „Spinnennetzfrauen“, obwohl der Brauch inzwischen verboten ist. Am Stil ihrer Tattoos kann man erkennen, welchem Stamm sie angehören. Überhaupt ist Stammeskultur hier noch allgegenwärtig. In den Dörfern findet man häufig Opferstellen für Tiere, und das, obwohl die meisten Menschen hier im Gegensatz zum buddhistischen Rest des Landes Christen sind.

Missionare haben ihren Glauben einst in die Berge gebracht. In fast jedem noch so kleinen und schwer erreichbaren Ort findet man deswegen heute Kirchen unterschiedlichster christlicher Glaubensgemeinschaften. Die alten animistischen Bräuche und Traditionen haben sich trotzdem erhalten. So darf man sich nicht wundern, wenn nach der Ostermesse ein als Teufel verkleideter Einheimischer ums Lagerfeuer tanzt.

Man fühlt sich, als hätte man eine Zeitreise angetreten. In vielen Reiseführern kann man von den Chin als einem vergessenen Volk lesen. Viele der vermeintlichen Errungenschaften der modernen Zivilisation scheinen an ihnen tatsächlich vorbeigegangen zu sein. Sie leben in kleinen Dörfern zwischen den teils über 3000 Meter aufragenden Bergen, von denen einige nur mit einer tagelangen Wanderung zu erreichen sind.

Straßen im eigentlichen Sinn gibt es in der Provinz nur wenige, zu den meisten Siedlungen tragen einen nur Motorräder oder die eigenen Füße. Die meisten Chin sind Jäger oder verdienen ihr Auskommen mit Landwirtschaft. Die Felder müssen mühsam von Hand bestellt werden, weil die Hänge so steil sind. Außerdem würde einem ein Traktor, der die schwere Arbeit erleichtert, hier so surreal erscheinen wie die beiden fremden Besucher, die an diesem Tag ins Dorf gekommen sind.

Das Leben hier verlangt es, dass man sich darauf einlässt. Nach den oft kräftezehrenden Tagesetappen unserer Wanderung unter der tropischen Sonne verbringt man die kühlen Nächte in den Häusern der Einheimischen. Hotels oder Pensionen gibt es hier nicht. Strom oder gar fließendes Wasser nur in den seltensten Fällen. Dafür ist der Familienanschluss inklusive. Auf einfachen Matten schlafen wir auf dem Boden neben Mutter, Vater, Oma, Opa und den vielen Kindern im Haus. Nur ein Vorhang trennt unsere Liegestätten. Das Leben dreht sich um die einfachen – und doch so wichtigen – Dinge. Um die Familie, das Gelingen der Ernte und darum, ob alle am Abend satt geworden sind. Der Tag fängt an, wenn die Sonne aufgeht, und mit ihren letzten Strahlen kommen auch die Bewohner zur Ruhe. Ein Leben von, aber vor allem mit der Natur.

Genau das schätzt der Oberösterreicher Jochen Meissner so sehr am Chin-Staat. Kurz nachdem der Staat für Besucher geöffnet worden war, bereiste ihn der heutige Touristikunternehmer das erste Mal. Mittlerweile war er bereits 24 Mal dort. „Ich komme hier zur Ruhe. Wenn ich könnte, würde ich hier wohnen“, erklärt der Wanderguide, der 2012 nach Myanmar kam und von dem Land so begeistert war, dass er sich dort ein neues Leben aufbaute.

Der Österreicher gründete in der Stadt Yangon das Unternehmen „Uncharted Horizons“. Das Reisebüro organisiert Trekking-, Mountainbike- und Abenteuertouren in den schönsten Gegenden des Landes und engagiert sich auch für die Menschen Myanmars. „Die Bewohner, die Abgelegenheit, die Ursprünglichkeit, die Einfachheit – das fasziniert mich am Chin-Staat“, erklärt Meissner seine Liebe zur Region. „Das Leben in den Bergen ist sehr hart, doch die Menschen sind zufrieden und dadurch wird einem auch bewusst, dass es unseren ganzen Luxus gar nicht braucht.“

Die Herzlichkeit der Einheimischen hat es ihm besonders angetan. „Am Anfang sind die Leute zurückhaltend. Aber wenn man echtes Interesse an ihrem Leben hat, mit offenen Herzen hinkommt und sie nicht als Touristenattraktion betrachtet, dann tauen sie richtig auf.“ Überhaupt ist Meissner jemand, der im Chin-Staat unvergesslich bleibt. Mit seinen knapp zwei Metern überragt er die Einheimischen meist gleich um mehrere Köpfe. Egal, wo wir auf unserer Wanderung vorbeikommen – überall erstaunte, ja fast ungläubige Blicke. So jemanden hat man hier vorher noch nie gesehen.

Der Österreicher Jochen Meissner ist ein wahrer Chin-Staat-Kenner
© Schaunitzer

Aber Meissner ist in vielerlei Hinsicht groß – auch an Herzenswärme. Er organisiert zum Beispiel Operationen für Kinder der Chin mit Lippen- und Gaumenspalten und unterstützt auch die österreichische Hilfsorganisation „Sonne international“, die seit zehn Jahren im Land Bildungsprojekte umsetzt. Und das vergessen die Chin nicht so schnell. Das spüren die Einheimischen sofort, auch ohne viele Worte.

So wird aus der zaghaften Berührung des kleinen Mädchens in dem Dorf mitten im Nirgendwo bald eine Umarmung. Am Ende des Tages spielen wir gemeinsam mit Murmeln in der Hütte bei Kerzenschein. Gekocht wird über offenem Feuer. Wie in einem Land vor unserer Zeit.

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