Wussten Sie schon, dass der gefährlichste Käse der Welt wohl aus Sardinien kommt? Und dass der berühmten David-Statue von Michelangelo etwas Entscheidendes fehlt? Die Autorin Sabine Oberpriller hat im neuen Reiseführer „Unnützes Reisewissen Italien - Über 100 kuriose Fakten und Geschichten“ eine bunte Sammlung an Anekdoten über die Apenninhalbinsel zusammengetragen. Mit dieser Auswahl von zehn kuriosen Episoden aus der reichen Geschichte Italiens kann man vortrefflich bei der nächsten Familienfeier mit wahrlich unnützem Wissen glänzen.

1. Kennen Sie Meletti?

Wie bringt man ein Produkt unter die Leute, das noch keiner kennt? Heute würde man auf Influencer-Marketing setzen. Doch diese Möglichkeit hatte Silvio Meletti 1870 im Städtchen Ascoli Piceno in der Region Marken nicht. Er sollte aber den Anislikör seiner Mamma unters Volk bringen. Nur, außerhalb von Ascoli Piceno kannte niemand den süßlich schmeckenden Anisetta. Silvio Meletti fasst einen verwegenen Plan: In den höchsten und besten Kreisen des Landes und den berühmtesten Bars Italiens soll das Qualitätsprodukt aus dem Hause Meletti künftig ausgeschenkt werden. Der findige Mann wird schließlich zum Influencer des Familienprodukts. Er reist inkognito von Turin bis Bari durch die angesagtesten Bars und bestellt dort einen Meletti. „Wie, Meletti habt ihr nicht? Den trinken doch jetzt alle“, gibt er sich empört. Als wenig später Vertreter der Firma durch die Lande tingeln und den Anisschnaps anbieten, geht der natürlich weg wie die sprichwörtlich heißen Semmeln.

„Kennen Sie Meletti?“
„Kennen Sie Meletti?“ © IMAGO/Gemini
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2. Ein geachteter Beruf für Pensionisten

Es ist ein ganz typisches Bild in Italien: Wo auch immer eine Baustelle ist, sind auch die Umarell nicht weit. Die wer? Die Baustellen-Opas! Die Hände hinter dem Rücken verschränkt betrachten sie das Baustellengeschehen aufmerksam, kommentieren die Arbeiten, nicken wissend und geben auch schon mal den Arbeitern ungefragt ihre Tipps. Sie gehören zum italienischen Stadtbild wie Kirchturm und Pasta. Seit 2005 gibt es dafür nun einen eigenen Ausdruck: Umarell. Der Ausdruck stammt aus dem Bologneser Dialekt und bedeutet „kleiner Mann“ oder „Pensionist“. Der Autor und Blogger Canilo Masotti hat die Baustellen betrachtenden Seniorengrüppchen erstmals so benannt. Inzwischen ist er aus dem italienischen Sprachgebrauch nicht mehr wegzudenken.

Umarell: Senioren, die Baustellen beobachten.
Umarell: Senioren, die Baustellen beobachten. © claudiodivizia via imago-images.

3. Geldabheben ist (nicht) schwer

„Inserito scidulam quaeso ut faciundam cognoscas rationem“. Für die alten Lateiner unter uns ist natürlich sofort klar, was das bedeutet: „Bitte Karte einführen, um das Guthaben zu sehen.“ Warum man das wissen sollte? Bei einem nächsten Rom-Besuch könnte das durchaus (noch) hilfreich sein, wenn man im Vatikan Geld abheben will. Dort war bis Mitte November 2025 die Amtssprache - man will es kaum glauben - noch immer Latein. Daher „sprechen“ auch die dortigen Bankomaten noch die im Rest der Welt längst ausgestorbene Sprache. Wie schnell sich das ändert und auch bei den Bankomaten ankommt, wird sich zeigen.

Im Vatikan war Latein bis vor kurzem noch Amtssprache
Im Vatikan war Latein bis vor kurzem noch Amtssprache © IMAGO/Imagebroker/Karl-Heinz Schein

4. Wer hat‘s erfunden?

In der Forschung ist es nicht selten so, dass A gesucht und B gefunden wird. Ganz ähnlich war es bei Paolo Gorini, der eigentlich einen italienischen Nationalhelden „versteinern“ sollte, und stattdessen das Krematorium erfand. Und so kam es: 1872 stirbt Giuseppe Mazzini. Er war einer der Wegbereiter der italienischen Einheit. Und wie es sich so mit Nationalhelden verhält, man will sie für die Ewigkeit konservieren - unweigerlich denkt man da an das Lenin-Mausoleum. Genau damit wurde Gorini beauftragt. In seiner Freizeit hatte er sich bereits als erfolgreicher Tierpräparator etabliert. Kurz gesagt, mit Mazzini klappte es nicht. Das wollte Gorini nicht auf sich sitzen lassen, tüftelte weiter und erkannte, dass Verbrennen besser ist und effizienter als präparieren. So erfand er das Krematorium.

Nationalheld Giuseppe Mazzini
Nationalheld Giuseppe Mazzini © Stock Adobe

5. Bella Venezia, che cazzo...

Wer das nächste Mal nach Venedig kommt und von Einheimischen - sollte man welche sehen - ein „che cazzo“, „cretino“ oder „figlio di puttana“ zu hören bekommen, der möge gnädig mit den Venezianern sein. Statistisch gesehen wird in der Serenissima ganze 19 Mal am Tag geflucht, damit führt man Italien-intern das Ranking laut der Untersuchung einer Sprachlernplattform an. Der landesweite Durchschnitt beträgt 8,9 Mal Fluchen am Tag. Übrigens, bis 1999 waren Flüche, die sich gegen Gott, Verstorbene oder religiöse Symbole äußerten, eine Straftat. Heute ist es immerhin noch eine kostspielige Ordnungswidrigkeit.

In Venedig wird besonders gerne geflucht
In Venedig wird besonders gerne geflucht © Stock Adobe

6. Welthit und Nationalhymne

Im Gegensatz zu den vielen Kraftausdrücken ist das Lied „O sole mio“ eine Wohltat in den Ohren. Der Italo-Schlager, der durch Interpreten von Luciano Pavarotti bis Elvis Presley weltbekannt wurde, diente sogar einmal „offiziell“ als Nationalhymne. Nicht zu verwechseln mit der inoffiziellen Nationalhymne „Va, pensiero“, dem Gefangenenchor aus Verdis Oper „Nabucco“. Entstanden ist „O sole mio“ bereits Ende des 19. Jahrhunderts. Bei den Olympischen Spielen 1920 in Antwerpen waren während der Abschlussfeier die Noten für die offizielle Nationalhymne „Il Canto degli Italiani“ nicht vorrätig, jedoch die von „O sole mio“. So wurde kurzerhand die Ode an die Sonne statt des Lieds der Italiener angestimmt.

Nicht das „Lied der Italiener“,  sondern „O sole mio“ musste einmal als Nationalhymne für Italien herhalten.
Nicht das „Lied der Italiener“, sondern „O sole mio“ musste einmal als Nationalhymne für Italien herhalten. © Stock Adobe

7. Der gefährlichste Käse der Welt

Vielleicht, weil es „nur“ ein Käse ist, fand eine sardische „Spezialität“ unlängst keinen Eingang in das Kulinarik-Ranking „Europe‘s Worst 100“. Die Rede ist vom Casu Marzu, dem vielleicht gefährlichsten Käse der Welt. Das Besondere und damit auch besonders Ekelerregende an dem Käse ist, dass der Casu Marzu voller Larven der Käsefliege ist. Die Larven fressen sich durch den Schafskäse, ihre Ausscheidungen hinterlassen einen streichzarten Käsebrei. Angeblich eine Spezialität. Aber hochgefährlich im Verzehr. Obwohl Herstellung und Verbreitung des Käses offiziell verboten sind, wird er auf Sardinien weiter produziert und als teure Delikatesse verkauft. Wer die Mutprobe eingehen will und ihn isst, sollte gründlich kauen, damit die Fliegenlarven ihr Werk nicht fortsetzen können.

Der Casu Marzu gilt als Delikatesse - sein Verzehr ist aber gefährlich
Der Casu Marzu gilt als Delikatesse - sein Verzehr ist aber gefährlich © Stock Adobe

8. Giro d'Italia

Die Letzten werden die Ersten sein - beim berühmten italienischen Radrennen, dem Giro d'Italia, galt dieses Sprichwort lange Zeit. Es gab nämlich für ein paar Jahre ein Trikot für den langsamsten Fahrer im Feld: das schwarze Trikot (Maglia Nera). Verliehen wurde es zwischen 1946 und 1951 für den Letzten der Gesamtwertung. Eigentlich als Trostpflaster gedacht, entwickelte sich bereits 1949 ein wahrliches Wettschleichen zwischen zwei Rennfahrern, das bei der Giro-Ausgabe von 1952 schließlich eskalierte. Das Trikot wurde daraufhin abgeschafft. Im Fanshop des Giros ist es aber weiterhin jedes Jahr im aktuellen Design erhältlich.

Das „Maglia Nera“ gilt bis heute als Kult-Trikot beim Giro d'Italia
Das „Maglia Nera“ gilt bis heute als Kult-Trikot beim Giro d'Italia © Stock Adobe

9. Zeichensprache

Wir kennen alle die typische, gestenreiche Sprechweise der Italiener. Doch hinter den Gesten steckt weit mehr als bloßes „Herumfuchteln“, es bildet eine barrierefreie Kommunikationsmöglichkeit. Diese hat sich herausgebildet, da Italien im Laufe der Jahrtausende immer wieder fremdbestimmt war - andere Herrscher, fremde Sprachen. Wer soll sich da noch auskennen? Um sich in der Welt der unterschiedlichen Sprachen und Dialekte zurechtzufinden, bildete sich eine auf Gesten basierende Sprache heraus, die alle verstanden. Inzwischen gibt es über 100 Begriffe und Ausdrücke, die sogar in Lexika Einzug gefunden haben. Das bekannteste ist sicherlich das „Ma che vuoi?!“ („Was willst du?“) - das es inzwischen sogar als Emoji gibt.

„Ma che vuoi?“ - Was willst du, sagt diese Geste aus
„Ma che vuoi?“ - Was willst du, sagt diese Geste aus © Stock Adobe

10. Der schöne David

Über vier Meter hoch, mehr als sechs Tonnen schwer - so präsentiert sich formvollendet die berühmte David-Statue in Florenz. Sie gilt nicht nur als Meisterwerk, weil sie aus der Hand von Michelangelo, stammt. Der David gilt als Sinnbild für Männlichkeit. Wer sich mit Anatomie etwas auskennt, wird aber spätestens an der Rückenpartie der aus feinstem Carrara-Marmor gemeißelten Statue stutzig. Da fehlt doch was! Und damit sind nicht die unweigerlichen Beschädigungen der vergangenen 500 Jahre gemeint. Nein, Michelangelo hat dem David ganz bewusst einen Muskel „unterschlagen“, rechts zwischen Schulterblatt und Wirbelsäule. Der Marmor war schuld, denn an der entsprechenden Stelle sei der Stein, so verrät es der Meister selbst in seiner Korrespondenz, fehlerhaft. Nichts ist perfekt - oder gerade wegen kleiner Makel doch?

Nichts ist perfekt - selbst der David von Michelangelo hat einen kleinen Schönheitsfehler auf dem Rücken.
Nichts ist perfekt - selbst der David von Michelangelo hat einen kleinen Schönheitsfehler auf dem Rücken. © IMAGO/Pavel Vesely

Mehr lustige, kuriose und vor allem unterhaltsame Geschichten sind im Reiseführer der anderen Art von Sabine Oberpriller „Unnützes Reisewissen Italien: Über 100 kuriose Fakten und Geschichten“ im Dumont Verlag (18,50 Euro) erschienen.

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