Ich hätte auf meine Frau hören sollen. „Lass die Hände von diesem Mann, er ist unschuldig. Ich hatte seinetwegen heute Nacht einen schrecklichen Traum“, ließ sie mir ausrichten, als ich auf dem Richterstuhl saß, vor mir dieser jüdische Prediger, den seine eigenen Leute angeschleppt hatten. Mir war rasch klar, dass es um einen Konflikt innerhalb ihrer seltsamen Religion ging. Offenbar predigte er etwas anderes, als die religiösen Autoritäten vertraten, offenbar fühlten sie sich von ihm bedroht, auch wenn er auf mich so gar nicht bedrohlich wirkte.

Ein von religiösen Fantasien motivierter Jude, davon gibt es viele, und wenn das ganze Volk einen Retter erwartet, den sie Messias nennen, dann taucht früher oder später einer auf. Uns Römern ist es egal, welche Götter die Menschen anbeten, wir selbst nehmen immer wieder neue aus den fernen Gebieten unseres Imperiums auf, wenn sich Menschen für ihre Verehrung finden. Wenn einem Soldaten unser Mars nicht reicht, kann er gerne zum Mithraskult in die Höhle hinuntersteigen, Hauptsache, er kämpft tapfer für den Kaiser.

Die Juden mit ihrem Beharren darauf, dass es nur einen einzigen Gott gebe, nämlich ihren eigenen, machen schon seit 150 Jahren nur Ärger. Schon die Seleukiden waren mit Fundamentalisten konfrontiert, die zum bewaffneten Kampf gegen fremde Götzen und fremde Sitten aufriefen und ihre eigenen Leute abschlachteten, die dem griechischen Lebensstil etwas abgewinnen konnten. Diese Makkabäer sind bis heute hoch im Kurs unter ihnen, ein Vorbild für manche bewaffnete Banden heute, die Rom aus dem Land vertreiben wollen. Mit Steinwürfen und Überfällen gegen das Imperium – wir sind schon mit ganz anderen Aufständen fertig geworden.

Dieser Jesus, den mir ihr Hoher Rat gebracht hatte, sollte auch ein Aufrührer sein, einer, der ein neues Reich errichten wolle, mit sich selbst als König. So etwas verdiente die Aufmerksamkeit des Statthalters. Ich fragte ihn, wie er so vor mir stand, armselig und wenig rebellisch: „Bist du der König der Juden? Sie behaupten, du würdest dich so bezeichnen.“ Seine Antwort war enigmatisch: „Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Wenn mein Königtum von dieser Welt wäre, würden meine Leute kämpfen, damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde.“ Für mich war nur der letzte Teil von Interesse: Es war kein bewaffneter Aufstand zu erwarten. Das Imperium beherrscht diese Welt, in einer eingebildeten Welt kann jeder König sein.

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Ich versuchte also, den armen Spinner laufen zu lassen. Um die Milde Roms zu zeigen, ließ ich, wie viele andere Statthalter auch, zu einem hohen Fest der lokalen Bevölkerung einen Gefangenen begnadigen, den sie sich selbst aussuchen konnten. Da sie gerade wieder einmal ausgiebig Pessach feierten, die Erinnerung an irgendein Ereignis in ihrer Heiligen Schrift, bot ich ihnen an, Jesus freizulassen. Als zweite Option setzte ich einen berüchtigten Kriminellen, vor dem sich halb Judäa fürchtete: Barabbas. Sie wollten den Verbrecher. Vermutlich wollten das vor allem Jesu Ankläger, die Hohen Priester und Ältesten. Die Menge schrie einfach nach, was man ihr vorflüsterte. Ich kenne diese Macht über die Masse, unsere Kaiser benutzen sie im Zirkus: Die Menschen kommen in einen Rausch, werden zu einem großen Mund und schreien, was alle anderen schreien. Sie hätten auch Jesus geschrien, hätten dessen Anhänger gewusst, wie man sie aufhetzt.

Jerusalem war nicht meine erste Station und die Plebs ist da wie dort gleich – oh wie ich sie verachte! In dem Moment, als sie alle Barabbas brüllten, bekam ich Kopfschmerzen, nicht nur vom Lärm. Nichts tun war unmöglich, ein Statthalter regiert, indem er agiert. Einen Versuch machte ich noch, um die Haut des armen Mannes zu retten: „Was soll ich dann mit Jesus tun, den man den Messias nennt?“ Vielleicht würden sie ihn im Kerker sehen wollen, von wo ich ihn in aller Stille nach ein paar Wochen freigelassen hätte. Die Menge aber wollte Blut sehen: „Ans Kreuz mit ihm!“, riefen sie. „Wofür denn bitte, was hat er denn getan?“ versuchte ich es ein letztes Mal. Sie brauchten keinen rechtlichen Grund, kein Delikt aus unseren Gesetzen, auf die wir mit Recht stolz sind. „Ans Kreuz mit ihm!“ In so einer Situation denkt man als Staatsbeamter an Rom, schließt kurz die Augen und wäscht dann seine Hände in Unschuld. Genau das tat ich und sagte es ihnen auch: „Ich bin unschuldig am Blut dieses Menschen. Das ist eure Sache!“ Und was ruft die dumme Masse: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“

Ich bin ein gebildeter Römer, aber sich selbst zu verfluchen, das sollte man lassen, das bringt Unglück. Falls die Anhänger dieses Jesus doch weiterbestehen, haben sie eine Rechtfertigung für ihre Rache.

Als Statthalter muss man auch unbequeme Entscheidungen treffen, wenn sie den Interessen Roms dienen. Ein Aufstand der fanatisierten Menge wäre diesen Interessen zuwidergelaufen, ein unschuldig hingerichteter Einheimischer mehr oder weniger ist nicht einmal ein Staubkorn in der Geschichte Roms. Mit der Handwaschung hatte ich meine moralische Position deutlich gemacht, meine Kopfschmerzen wurden immer stärker und ich wollte nur noch meine Ruhe haben von der Angelegenheit. Also ab zu Geißelung und Kreuzigung.

Meine Frau war entsetzt. Frauen verstehen eben nichts von Staatspolitik und haben ein weiches Herz. „Das wird dir und Rom den Platz auf der falschen Seite der Geschichtsbücher sichern“, sagte sie bitter. „Hast du ihm in die Augen gesehen? Er hätte dich sicher zum Dank von deinen Kopfschmerzen geheilt. Wie konntest du den armen Mann zum Tod verurteilen? Hätte Julius Caesar auf den Traum seiner Frau gehört, wäre er nicht ermordet worden, aber ihr Männer nehmt uns nicht ernst“. Mir reichte es. Ich wollte nur noch in mein Bett in einem dunklen Zimmer und dann weg aus Jerusalem von dieser unverständlichen Religion. Irgendwohin nach Gallien, wo sie ihre und unsere Götter haben und dankbar sind für den Straßenbau.

Natürlich hatte ich keine Ruhe: Bereits am nächsten Tag kamen sie wieder: „Er hat doch behauptet, er würde nach drei Tagen auferstehen. Gib also den Befehl, dass das Grab bis zum dritten Tag sicher bewacht wird. Sonst könnten seine Jünger kommen, ihn stehlen und dem Volk sagen: Er ist von den Toten auferstanden. Und dieser letzte Betrug wäre noch schlimmer als alles zuvor.“ (Mt 27,64).

Sie fürchteten sich vor dem toten Jesus mehr als dem lebendigen. Ich ließ Wachen aufstellen, um endlich Ruhe zu haben. Geholfen hat auch das nicht, wie die weiteren Ereignisse zeigten.

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