Das muss ich mir anschauen gehen, dachte ich. Wofür braucht dieser umherziehende Prediger meine Eselin? Seine Anhänger haben sie einfach losgebunden, erzählten die Nachbarn aufgeregt, immerhin hätte ihnen ihr Rabbi gesagt, sie würden sie an der Straße angebunden vorfinden und seine Worte hätten sich wieder einmal erfüllt. Na, das ist noch lange kein Wunder, in jedem Dorf rund um Jerusalem steht irgendwo ein Esel angebunden. „Warum habt ihr einfach nur zugeschaut, als sie meine Eselin mitgenommen haben? Nächstes Mal schaue ich dann untätig zu, wenn irgendwelche Wanderprediger eure Schafe mitnehmen.“ Die Nachbarn waren, wie sie immer waren: „Was hätten wir denn machen sollen? Sich den Wünschen so eines Mannes in den Weg zu stellen, bringt Unglück. Außerdem haben seine Anhänger gesagt, du bekommst sie bald wieder, er braucht sie nur heute“. „Und wofür?“ „Sie haben den Propheten Sacharja zitiert: ‚Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist friedfertig und er reitet auf einer Eselin und auf einem Fohlen, dem Jungen eines Lasttiers‘.“ Meine Eselin, die Erfüllungsgehilfin eines Prophetenwortes? Das wollte ich mir wirklich anschauen.

Ich war nicht der einzige. Viele standen vor dem Stadttor Jerusalems und hatten doch tatsächlich ihre Oberkleider auf die Straße gebreitet oder zumindest Zweige von den Büschen gerupft, mit denen sie winkten. Ihm zuwinkten und zuriefen, als er dahergeritten kam auf meiner Eselin, deren Kleines im Schlepptau. Die Menschen schrien: „Hosanna! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn! Gesegnet sei das Reich unseres Vaters David, das nun kommt.“

Vor vielen Jahren sah ich bei meiner einzigen Reise nach Rom dort einen Triumphzug, ein siegreicher Feldherr kehrte von einer der zahllosen Schlachten zurück, die das Imperium überall schlägt. Das Spektakel in Jerusalem wirkte wie eine unfreiwillige Provinzparodie. Eine Eselin anstatt eines weißen Schimmels mit goldenem Zaumzeug, ein Durchschnittstyp in ungewaschenem Gewand statt der Prunkuniform und statt der Kriegsbeute zogen meine armseligen Landsleute mit ihren Zweigen hinter ihm her. Irgendwie verstand ich sie sogar: Wir hatten einen König David und sein mächtiges Reich, ein Reich, das Gott für sein auserwähltes Volk zur Verfügung gestellt hatte – und jetzt? Zuerst die Griechen, dann die Römer, beide Götzenanbeter, die unreine Fressorgien feiern und uns viel zu hoch besteuern. Unsere lokalen Herrscher wie Herodes regieren von Gnaden des römischen Kaisers und unseren Priestern und Gelehrten fällt nichts anderes ein, als uns an die Einhaltung der zahllosen Regeln aus der Thora mitsamt ihrer eigenen Auslegung zu erinnern. Als ob uns die Trennung von Kalbsfleisch und Kuhmilch wieder zur Herrlichkeit der Zeit Davids führen könnte.

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Ob ausgerechnet der Mann auf meiner Eselin, wie er da unter Zweigen und Hosanna-Rufen in Jerusalem einzog, dazu imstande gewesen wäre – ich wusste es nicht. Wir hatten so viele von ihnen: Fromme Narren, die das Reich Gottes versprachen, manchmal mit mehr, manchmal mit weniger drastischen Hinweisen auf den Untergang der Welt. Manche saßen einfach in ihren Höhlen am Toten Meer, verrichteten am Sabbath keine Notdurft und schrieben vom Kampf der guten und bösen Engelsheere. Für viel gefährlicher hielt ich persönlich die Zeloten. Religiöse Eiferer, wie schon ihr Name sagt, die Terroranschläge auf die Besatzungsmacht ausführten, damit die Römer wieder abziehen und sie selbst ihren Gottesstaat errichten würden. Auch in unserem Dorf waren sie, bärtige finstere Männer mit vor Überzeugung glühenden Augen, um angebliche Kollaborateure zu bestrafen. So zumindest war dieser Mann auf meiner Eselin nicht, hörte man. „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ sagte er und „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“ Das hatten einige von denen, die jetzt so laut Hosanna riefen, wohl nicht gehört oder nicht hören wollen. Sie feierten an diesem Tag wieder einmal das Kommen eines neuen König David oder des Messias, unsere Idealversion eines Herrschers und Weltenretters.

Im Nachhinein frage ich mich oft: Hätte es etwas werden können mit diesem Mann auf meiner Eselin? Was wäre geschehen, wenn alle, die beim Einzug in Jerusalem dabei waren, auch am Freitag, dem Tag seiner Hinrichtung, dabei gewesen wären? Nicht verschämt in der Menge auf Golgotha, sondern laut rufend vor Pilatus? „Gib uns Jesus aus Nazareth“, hätten sie schreien müssen, statt Barabbas. Für Pilatus war ein Jude gleich wie der andere, er wollte nur seine Ruhe haben. War es Enttäuschung darüber, dass der Mann auf meiner Eselin nicht sofort ernst machte mit dem Reich Gottes? Der Handwerkersohn aus Nazareth hätte wissen müssen, dass es vielen egal ist, ob sie „Hosannah“ oder „Kreuzige ihn“ schreien, Hauptsache, sie schreien mit den anderen.

Ich bin mittlerweile überzeugt, er hat es gewusst. Sein Einzug auf meiner Eselin war eine bewusste Parodie auf herrschaftliche Triumphzüge, die unausgesprochene Frage an die Anwesenden lautete: Braucht ihr so dringend eine Führerfigur, dass ihr einem Wanderprediger auf einer Eselin samt Fohlen zujubelt? Seht ihr nicht, dass jenes Reich Gottes, von dem ich spreche, ganz anders sein wird? Befreit eure Hoffnung von diesen alten Inszenierungen, wenn ihr wirklich eine neue, bessere Welt wollt. Das haben sie ihm übelgenommen. Sie wollten, dass er die Sache mit dem neuen Königreich Davids durchzieht – sofort: Sturm auf den Sitz des Pilatus, vereinigte Manöverplanung mit den Zeloten, Vertreibung des Herodes, zack, zack. Sie haben nicht verstanden, dass dieser Jesus es durchgezogen hat, nur anders, als sie es erwartet hatten.

Ob ich es damals schon wusste, als ich meiner Eselin wegen an der Straße nach Jerusalem stand? Ob ich wusste, dass die Geschichte nach der Kreuzigung erst so richtig los gehen würde? Ganz ehrlich: Ich habe nicht einmal einen Zweig abgerissen, man hat mir einen in die Hand gedrückt. Mein Hauptinteresse galt meiner Eselin, die wollte ich samt ihrem Jungen wiederhaben. Aber man will ja nicht negativ auffallen, also habe ich gerufen, was alle gerufen haben, so wie damals in Rom beim Triumphzug. Auf dem Platz vor Pilatus war ich dann aber nicht dabei, ich wohne nicht direkt in Jerusalem und muss arbeiten. Meine Eselin habe ich mir dann gleich in Jerusalem, sobald er abgestiegen war, wiedergeholt. Ganz kurz kreuzten sich unsere Blicke dabei. In dem Moment war ich mir sicher: Das wird etwas mit diesem Jesus. Aber nicht mit mir, ich bin ein kleiner Bauer und gehe schön mit meinen Tieren wieder heim ins Dorf.

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