Wenn wir das Wort Epilepsie hören, entstehen bei vielen sogleich Bilder im Kopf: von einem heftigen Krampfanfall, mit unkontrollierbaren Zuckungen am ganzen Körper. Doch die Krankheit hat viele Gesichter und epileptische Anfälle können auch ganz unterschiedlich aussehen. Dennoch dominieren noch immer viele Vorurteile das Bild von Epilepsie – und legen Betroffenen Hürden in den Weg.
Generell gilt: Fünf Prozent der Bevölkerung erleben einmal im Leben einen epileptischen Anfall, doch nur ein Prozent leidet an der Erkrankung Epilepsie. Ein einmaliger Anfall kann viele Ursachen haben, erklärt Barbara Melisch, Leiterin der Epilepsie-Ambulanz am Uniklinikum Graz: Übermäßiger Alkoholkonsum, hohes Fieber bei einem Infekt, mehrere Tage ohne Schlaf oder eine starke Unterzuckerung können einen solchen Anfall auslösen.
Elektrisches Gewitter im Kopf
Was dabei im Gehirn passiert, lässt sich als „elektrisches Gewitter“ beschreiben: Nervenzellen feuern unkontrolliert elektrische Signale ab, dadurch werden Funktionen im Körper gestört. Je nachdem, wo im Gehirn der auslösende Herd liegt, kann daher ein epileptischer Anfall auch ganz unterschiedlich aussehen: Das Zucken einer Hand, Störungen beim Sehen, Gefühlsstörungen oder ein starrer Blick durch eine kurze Bewusstseinsstörung – bis hin zum generalisierten Anfall, der mit Bewusstlosigkeit und Krämpfen einhergehen kann.
Im Ernstfall: Nichts in den Mund stecken!
Wenn man so einen Anfall bei einem Menschen beobachtet, gilt zunächst: nicht in Panik geraten, wie Erika Fassel, Präsidentin der Epilepsie Interessensgemeinschaft Österreich betont. „Wir leisten seit 20 Jahren Aufklärungsarbeit über Epilepsie und es ist so wichtig, dass Menschen Bescheid wissen, was zu tun ist“, sagt Fassel. So bedrohlich ein generalisierter Anfall auch aussehen mag, er ist für die Betroffenen in aller Regel nicht lebensgefährlich. Dann gilt: „Wichtig ist, zu verhindern, dass sich der Betroffene im Anfall verletzt“, sagt Fassel. Das bedeutet: spitze Gegenstände entfernen, die Brille, wenn vorhanden, abnehmen, etwas Weiches unter den Kopf legen. Was man jedenfalls nicht tun sollte: versuchen, dem Betroffenen etwas zwischen die Zähne zu stecken, denn dabei besteht ein Verletzungsrisiko für Zähne und Finger! Auch den Betroffenen im Krampfanfall stark festzuhalten, ist nicht empfohlen.
Damit Angehörige und Mitmenschen von Epilepsie-Betroffenen im Ernstfall wissen, was zu tun ist, bietet das Institut für Epilepsie Schulungen in Kindergarten, Schulen und am Arbeitsplatz an. „Fachberaterinnen und Fachberater gehen direkt vor Ort, leisten Aufklärungsarbeit und schätzen auch Risiken am Arbeitsplatz ein“, erklärt Fassel. Denn: Wird eine Epilepsie diagnostiziert, tauchen für Betroffene und deren Familien ganz viele Fragen auf.
Autofahren, Arbeitsplatz: viele offene Fragen
Dürfen Kinder mitfahren auf den Schulausflug? Was ist im Turnunterricht zu beachten? Braucht ein betroffenes Kind Schulassistenz? Welche Lehrstelle ist für einen Jugendlichen mit Epilepsie gefahrenlos geeignet? Wie sieht es mit dem Führerschein aus? Das sind nur einige der Fragen, bei denen die Experten vom Institut für Epilepsie Unterstützung bieten. Auch Neurologin Barbara Melisch weiß: „Autofahren ist für viele Betroffene ein großes Thema. Die gesetzlichen Richtlinien geben klar vor, wie lange man nach der Diagnose nicht fahren darf, da eine Selbst- und Fremdgefährdung besteht.“ Erst wenn Betroffene medikamentös gut eingestellt sind und die gesetzlich vorgegebene Zeit anfallsfrei waren, dürfen sie auch wieder ein Auto lenken.
In der Therapie gilt prinzipiell: Etwa zwei Drittel der betroffenen Erwachsenen können durch Medikamente anfallsfrei werden, bei einem Drittel gelingt das durch die medikamentöse Therapie nicht. Dann greifen Ärzte auf operative Methoden zurück, indem zum Beispiel der Herd im Gehirn, der die epileptischen Anfälle auslöst, chirurgisch entfernt wird. „Wenn wir keinen solchen Herd finden, können wir auch einen Vagusnerv-Stimulator implantieren“, erklärt Melisch. Dieser sendet elektrische Impulse an den Nerv und epileptische Anfälle können so reduziert werden.
Aber: Auch Betroffene selbst können über den Lebensstil viel dafür tun, Anfällen vorzubeugen. Zentral ist ausreichend Schlaf, der weitgehende Verzicht auf Alkohol oder andere Suchtmittel sowie das Fieber zu senken, wenn man an einem Infekt leidet.