Smartphones sind längst ein fester Bestandteil unseres täglichen Lebens – und somit auch des Familienalltags. Eltern nutzen sie, um Informationen zu beschaffen, mit Freunden und Familie in Kontakt zu bleiben und sich vom fordernden Alltag zu erholen. Doch welchen Einfluss haben diese neuen „Familienmitglieder“ auf das familiäre Miteinander? Was passiert, wenn Eltern ihre Aufmerksamkeit zwischen Kind und Smartphone aufteilen müssen?
Antonia Dinzinger, Psychologin und stellvertretende Leitung am Institut für Early Life Care der Paracelsus Medizinischen Universität Salzburg, beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit frühen Interaktions- und Bindungserfahrungen: „Smartphones sind so konzipiert, dass sie unsere Aufmerksamkeit so oft und lange wie möglich auf sich ziehen – vor allem durch soziale Medien und Benachrichtigungen. Diese ständige Ablenkung kann zu einer verringerten Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse des Kindes führen.“
Wichtige Interaktion
Dies ist für Babys und Kleinkinder besonders problematisch, da sie auf die Verfügbarkeit der Eltern angewiesen sind. Für eine gesunde Entwicklung brauchen Babys nicht nur Nahrung und Schlaf. Sie benötigen Menschen, die ihre Signale wahrnehmen, richtig interpretieren und prompt sowie angemessen darauf reagieren. Durch Interaktion mit den Betreuungspersonen entsteht eine emotionale Verbindung, die dem Kind hilft, seine Gefühle und seinen Stress zu regulieren.
Zahlreiche Studien zeigen aber, dass die Nutzung von Smartphones die Aufmerksamkeitskapazität der Eltern stark beansprucht. Während wir in der Lage sind, mehrere Alltagsaufgaben gleichzeitig zu erledigen – wie etwa die Wäsche aufzuhängen, während wir unser Kind im Auge behalten – stößt die Multitasking-Fähigkeit bei der Nutzung des Handys schnell an ihre Grenzen.
In der Studie, an der Dinzinger arbeitet, zeigt sich, dass die „absorbierende Wirkung“ des Smartphones so stark sein kann, dass die elterliche Aufmerksamkeit oft vollständig auf das Gerät gerichtet ist, wodurch Eltern weniger oder später auf ihre Kinder reagieren. Laut Dinzinger spielt zusätzlich das Phänomen der „Technoferenz“ eine bedeutende Rolle. „Das sind diese ständigen kurzen Unterbrechungen durch Benachrichtigungen und Anrufe, die uns immer wieder aus dem Moment reißen“, erklärt sie.
Diese Unterbrechungen können sogar den Beziehungsaufbau zwischen Eltern und Kind beeinträchtigen. Wenn das Kind sich in einem Moment der Nähe oder des Spiels mit den Eltern befindet, aber immer wieder von der Smartphone-Nutzung der Eltern unterbrochen wird, kann das für das Kind irritierend und frustrierend sein. Natürlich können Eltern nicht rund um die Uhr aufmerksam sein, aber die Häufigkeit solcher Ablenkungen ist entscheidend.
Sprachentwicklung
Neben der emotionalen Bindung gibt es noch einen weiteren wichtigen Aspekt: die Sprachentwicklung. Dinzinger verweist auf Studien, die zeigen, dass die Smartphone-Nutzung der Eltern die Sprachentwicklung der Kinder negativ beeinflussen kann. „Kinder lernen vor allem durch Gespräche im Alltag – beim Wickeln, beim Spielen oder beim gemeinsamen Essen“, erklärt sie. Wenn Eltern in diesen Momenten durch ihr Smartphone abgelenkt sind, fehlen oft die sprachlichen Anreize, die Kinder benötigen, um ihren Wortschatz und ihre Kommunikationsfähigkeiten zu entwickeln.
„Es ist eine wichtige Aufgabe der Eltern, sich der Auswirkungen ihrer Smartphone-Nutzung bewusst zu werden“, so Dinzinger weiter. Wenn Eltern in den ersten Lebensjahren des Kindes zu sehr in die digitale Welt abtauchen, verpassen sie möglicherweise wertvolle Momente der Interaktion, die für Bindung und Sprachentwicklung entscheidend sind.
Richtige Balance
Die Psychologin hebt hervor, dass es nicht darum geht, das Smartphone vollständig zu verbieten, sondern vielmehr zu reflektieren, wie und wann es genutzt wird. Es gibt Empfehlungen von der „Deutschsprachigen Gesellschaft für seelische Gesundheit von Kindern“, bestimmte Zeiten und Zonen im Alltag handyfrei zu gestalten. „Es kann hilfreich sein, das Smartphone zu Zeiten, in denen ein Baby wach und aufmerksam ist, nicht zu nutzen“, sagt Dinzinger.
Auch smartphonefreie Zonen im Haushalt, wie beispielsweise im Esszimmer oder im Kinderzimmer, seien eine sinnvolle Möglichkeit, die digitale Ablenkung zu reduzieren. Zusätzlich empfiehlt sie bei älteren Kindern, die bereits ein gewisses Verständnis für Zeit haben, klar zu kommunizieren, wenn das Smartphone für eine kurze Zeit genutzt werden muss. „Indem man den Kindern erklärt, dass es nur für ein paar Minuten ist und danach wieder voll verfügbar ist, kann man die Auswirkungen der Unterbrechung minimieren“, so Dinzinger.
Eltern sollten jedenfalls eine aktive Entscheidung treffen, wie sie ihr Smartphone nutzen wollen – im besten Fall bewusst und reflektiert. „Wir müssen uns als Eltern immer wieder fragen: Wird das, was wir uns von der Smartphone-Nutzung erhoffen, tatsächlich erreicht? Wenn Eltern das Smartphone nutzen, um sich zu entspannen, sollten sie auch reflektieren, ob sie sich wirklich erholt haben oder ob die Zeit online sie am Ende eher gestresst hat“, so Dinzinger. „Es geht darum, die richtige Balance zu finden – das Smartphone kann eine wertvolle Ressource sein, aber es darf nicht zu einer ständigen Ablenkung werden, die uns von den wertvollen Momenten mit unseren Kindern trennt.“