Mit Geschwistern teilt man nicht nur das Spielzeug, sondern das Leben“, so ein beliebtes Zitat. Aber teilt man mit seinen Brüdern und Schwestern immer gern? Geschwisterbeziehungen gehören zu den ersten sozialen Bindungen, die ein Mensch eingeht und durch sie werden soziale Kompetenzen wie Konfliktlösung, Empathie und Teamarbeit stark geprägt. Doch Geschwister konkurrieren nicht nur um das Spielzeug, sondern auch um Aufmerksamkeit und Anerkennung der Eltern – diese Rivalität sorgt für jede Menge Streitpotenzial in der Familie. Eltern haben oft das Gefühl, nicht allen Kindern gerecht zu werden. Wie also können sie Geschwister gut begleiten und ein möglichst friedliches Zusammenleben schaffen?
Selbstverantwortung stärken
Der dänische Familientherapeut Jesper Juul sieht zuerst einmal viel Lernpotenzial: „Die Beziehung zwischen Geschwistern ist ein Übungsfeld für das Leben. Hier lernen Kinder, wie man Konflikte austrägt, Kompromisse eingeht und Rücksicht nimmt.“ Er betont daher, dass Eltern sich weniger als Schiedsrichter, sondern als Vorbilder und Begleiter verstehen sollten. Er rät, Kinder in ihrer Selbstverantwortung zu stärken, indem Eltern nicht sofort eingreifen, sondern Raum für eigene Lösungsansätze lassen. Wenn Geschwister sich um ein Spielzeug streiten, empfiehlt Juul, nicht sofort zu entscheiden, wer „Recht“ hat. Stattdessen können Eltern fragen: „Wie könntet ihr das Problem gemeinsam lösen?“ oder „Was schlagt ihr vor, damit beide zufrieden sind?“ Solche Fragen helfen, die Perspektive des anderen zu verstehen und eigenverantwortlich zu handeln.
Auch die Familien-Blogger Konstantin Manthey und Alu Kitzerow, Eltern von drei Kindern, betonen: „Es ist wichtig, dass Geschwister streiten. Zu Hause ist der geschützte Rahmen, wo sie streiten üben können.“ Gleichzeitig sei es wichtig, als Eltern aufmerksam zu bleiben: „Wenn die Jüngste im Schwitzkasten des Älteren ist, muss man natürlich dazwischengehen.“ In besonders angespannten Situationen könne es hilfreich sein, einzelne Kinder aus der Situation herauszunehmen und gezielt Zeit mit ihnen zu verbringen.
Auch Rituale können helfen, Spannungen zu lösen und Geschwister zu verbinden. Manthey erklärt: „Ein Ritual könnte ein Wellenbrecher sein, wenn an einem Tag viele Konflikte waren. Gemeinsam als Familie beim Abendessen zu sitzen, verbindet wieder.“ Auch gemeinsame Aktivitäten wie Gesellschaftsspiele oder Familienfilmabende schaffen positive Erlebnisse miteinander.
Ungleich behandeln
Und dass sich viele Kinder von ihren Eltern ungleich behandelt fühlen? Erziehungsexperte Jan-Uwe Rogge meint dazu, dass es ein Trugschluss sei, alle Kinder gleich behandeln zu können: „Eltern lieben alle Kinder gleichermaßen, aber sie behandeln sie ungleich. Und das ist manchmal lebensnotwendig.“ Jedes Kind habe eigene Bedürfnisse und benötige unterschiedliche Formen der Zuwendung – ein Neugeborenes anderes als ein Volksschulkind. Das erscheint natürlich aus der Perspektive der Kinder nicht immer gerecht. Rogge empfiehlt, dass sich Eltern bewusst Zeit für jedes Kind nehmen und individuelle Rituale pflegen. Zum Beispiel könnte das ältere Kind eine exklusive Vorlesezeit bekommen, während das jüngere schläft.
Keine Vergleiche
Auch Vergleiche können dazu führen, dass ein Kind sich weniger wert fühlt. Ein Vergleich sei manchmal gut gemeint, zum Beispiel um anzuspornen, aber: „Eltern sollten verstehen, dass jedes Kind in seiner Einzigartigkeit gesehen und geliebt werden möchte. Vergleiche zwischen Geschwistern können Verletzungen hinterlassen“, so Stefanie Stahl, Psychologin und Autorin. Stahl betont, dass Vergleiche das Gefühl von Konkurrenz verstärken und das Selbstwertgefühl der Kinder nachhaltig beeinträchtigen können. „Wenn ein Kind häufig als ‚Das Vernünftige‘ oder ‚Der Laute‘ bezeichnet wird, wird ihm eine Rolle zugeschrieben, die es vielleicht nicht will und die seine Entwicklung einschränkt.“
Vergleiche senden unbewusst die Botschaft, dass die Liebe und Anerkennung der Eltern an Bedingungen geknüpft seien. Ein Kind, das sich ständig mit einem Geschwister messen muss, kann das Gefühl entwickeln, nicht genügend zu sein. Dies kann wiederum Rivalitäten verstärken und die Geschwisterbeziehung belasten. Wenn Konflikte auftreten, sollten Eltern versuchen, diese ohne Bewertungen zu betrachten. Zum Beispiel: „Ich sehe, ihr habt unterschiedliche Ideen, wie ihr das Spiel spielen wollt“ statt „Du bist immer so stur, im Gegensatz zu deinem Bruder.“
Lernen fürs Leben
Eltern können die Geschwisterbeziehung als Lernfeld betrachten: „Kinder lernen voneinander – eben nicht nur Hilfsbereitschaft, Fürsorge, Solidarität und Trost, sie lernen auch, sich auseinanderzusetzen, sich voneinander abzugrenzen.“ Solche Erfahrungen gehören zum natürlichen Prozess des Aufwachsens und sollten nicht übermäßig problematisiert werden.
Geschwisterdynamiken sind komplex, bieten aber eine Chance für persönliches Wachstum. Indem Eltern Respekt und Wertschätzung vorleben, schaffen sie eine Umgebung, in der sich alle angenommen und geliebt fühlen können. Und nicht umsonst lautet ein weiteres Zitat: „Geschwister sind die einzigen Menschen in deinem Leben, die dich gern ärgern, dich aber gegen jeden verteidigen, der versucht, das auch zu tun.“