Pro von Christian Ude

Mehr als 30 Jahre ist es her, da schrieb Österreichs Außenminister Modegeschichte: Alois Mock zeigte beim Staatsbesuch von Bundespräsident Kurt Waldheim in Jordanien blankes Bein – wobei der blau-grau gestreifte Stoff schon über dem Knie endete. Das mündete 1987 sogar in einer parlamentarischen Anfrage an den konservativen Politiker – ausgerechnet von den „Grünen“.

Ein Auszug: „Ist es durch praktischen Anschauungsunterricht gelungen, die in modischen Belangen bekanntlich konservativen Journalisten des Morgenlands vom hohen Standard des diplomatischen Beinkleids der Republik Österreich zu überzeugen?“ Außerdem wurde höhnisch angemerkt: „Sind Sie bereit, eine klare und unmissverständliche Trennlinie zum Tanga zu ziehen?“

Nun denn: Wer hätte damals gedacht, dass ein grüner Minister mit Turnschuhen zur Angelobung in die Hofburg kommt? Das sind freilich alles offizielle Termine – und gehe ich beruflich zu einem Interview oder anderen Pressetermin, wähle ich das Outfit natürlich dem Anlass entsprechend. Der optische Eindruck ist und bleibt eine Visitenkarte.

Habe ich aber einen reinen Bürotag vor mir, stellt die Kombination aus gut geschnittenen Bermudas oder anderen Shorts aus schönem, hochwertigem Stoff zu einem schicken Polohemd in Verbindung mit an der Ferse geschlossenem Schuhwerk mehr Eleganz dar als etwa lange Hosen im Jogginglook und noch Pantoffel, Flip-Flops oder Schlapfen dazu. Für etwaige Außeneinsätze habe ich ohnehin ein schwarzes T-Shirt, eine lange Hose und ein Sakko im Büro „gebunkert“.

Man(n) muss gerüstet sein – und Mann darf wohl in Zeiten, wo so viel wie nie über die Gleichberechtigung geredet und geschrieben wird, wie die Frau auch Bein zeigen, wenn es ihm so angenehmer ist. Gleichberechtigung heißt auch Gleichberechtigung für Männer. Soll ein Verbot von kurzen Hosen im Büro etwa bedeuten, dass man in ihnen schlechter oder unprofessioneller arbeitet?

In Zeiten von Großraumbüros, wo die Luft immer für Diskussionen sorgt, wird die Temperatur schnell höher gedreht, wenn jemandem kalt ist – ist es einem viel zu warm (an meinem Arbeitsplatz zeigt das Thermometer Sommer wie Winter oft mehr als 25 Grad an), hört man den Rat: weniger und luftiger anziehen!

Das mache ich also, ohne dabei den modischen Aspekt aus den Augen zu verlieren. Wie vieles im Leben, ist es eine Frage der Inszenierung und der Stilsicherheit: Ein Mann kann in kurzen Hosen sehr ordentlich, gepflegt und seriös aussehen – und ein Mann kann unordentlich aussehen, auch wenn er eine lange Hose trägt.
P. S.: Vielleicht erfreue ich ja sogar manche mit meinen knackigen Wadeln.

Kontra von Martin Gasser

Es ist ein absolutes Unding, Leuten vorzuschreiben, wie sie sich anzuziehen haben. Ausgenommen Erziehungsberechtigte, die zumindest ein Mitspracherecht beim Kleidungsstil der Kinder haben, geht es niemanden etwas an, wie sich ein anderer anzieht. Das ist Privatsache. Damit wären wir auch beim Kern des Problems: Arbeit ist ganz und gar keine Privatsache.

Man sollte im Büro Arbeitskleidung wählen. Egal ob Köche, Hackler am Bau, Installateure, Krankenpfleger – sie alle und viele mehr tragen Berufskleidung bzw. Funktionskleidung. Auch die Kleidung im Büro ist Funktionskleidung. Es geht darum, Professionalität zu signalisieren und die Arbeit in den richtigen Kontext zu setzen. Man ist nicht zum Vergnügen im Büro.

Das ist aber nur ein Aspekt, bedeutender ist der Selbstschutz, den eine formellere Arbeitskleidung mit sich bringt. Seit Jahren geben sich viele Unternehmen besonders modern, freundlich und locker. Je moderner, freundlicher und lockerer sie sind, desto größer sind der (angebliche) Freiraum und das Entgegenkommen gegenüber den Mitarbeitern. Diese werden in letzter Konsequenz gewissermaßen zu einer Art Freunden, denen man durch die Arbeit die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung gibt und die sich voll mit dem Job und dem Unternehmen identifizieren sollen.

Diese Identifikation verlangt einen Preis. Man läuft Gefahr, die Distanz zwischen sich und dem Unternehmen aufzugeben. Was solche modernen Unternehmen gerne vergessen lassen möchten, ist der simple Fakt, dass man als Arbeitnehmer seine Arbeitskraft verkauft, nicht sich selbst. Auch wenn das Unternehmensberater und ihre Kunden nicht gerne hören: Man sollte Arbeit nicht bis zum Letzten persönlich nehmen. Es ist ein wichtiger, sinnvoller Teil des Lebens, aber nicht das Leben selbst.

In vergangenen Jahrhunderten waren Bekleidungsvorschriften die Norm. Dadurch bekamen Menschen ihren Platz im sozialen Gefüge zugewiesen. Aus heutiger Perspektive eine untragbare Bevormundung, die aber einen positiven Nebeneffekt hatte: Man sah andere in ihrer „Rolle“, in ihrem „Kostüm“. Der Mensch dahinter blieb verborgen. Man erfüllte eine Funktion und musste dabei nicht sich selbst zur Debatte stellen.
Man kann also auf den scheinbaren persönlichen Freiraum, den kurze Hosen verschaffen, gerne verzichten: Diese Freiheit macht die professionelle Situation zu persönlich. Ein Philosoph hat einmal bemerkt, dass wir die Dinge heute vielleicht deshalb alle so persönlich nehmen, weil wir uns unserer Schutzfunktionen entledigt haben. Den Kollegen den Blick auf nackte Beine zu ersparen, ist auch ein Schutz der eigenen Privatsphäre. Meine Beine gehen in der Arbeit niemanden etwas an.