Gehörlosen Menschen wird nicht selten nachgesagt, dass sie ruhig, still, ja fast sprachlos sind. Sehen Sie das auch so?
FATEMA HAMIDI: Na ja, es gibt verschiedene Menschen – gleich wie bei Hörenden. Ich selbst bin eine sehr kommunikative Person, vor allem wenn jemand Gebärdensprache kann. Bei anderen bin ich manchmal schüchtern.

Haben Sie schon als kleines Kind Gebärdensprache gelernt?
Ich bin 2006 nach Österreich gekommen – da war ich ungefähr sieben Jahre alt und habe erst in diesem Alter Gebärdensprache gelernt. In dem Dorf in Afghanistan, wo ich aufgewachsen bin, gab es keine Gehörlosenschule. Als wir auf unserer Flucht dann in einem Zeltlager in Pakistan waren, habe ich natürlich nichts verstanden und daher nie mit den anderen Kindern gespielt. Ich habe mich damals sehr allein gefühlt.

War es nicht sehr schwer, mit sieben Jahren erstmals eine Sprache zu lernen?
Ja, es war unglaublich schwer: Mir wurden Bilder gezeigt – zum Beispiel von einem Baum – und jemand zeigte mir eine Gebärde dazu. Und ich habe erst irgendwann begriffen: „Ah, das ist ein Zusammenhang, das ist ein Wort, eine Gebärde.“ Das hat gedauert und mit viel Übung ist es immer besser geworden. Aber zu Beginn hatte ich viel Angst vor dieser Situation.

Manchmal hat man fast das Gefühl, gehörlose Menschen sind in der Gesellschaft unsichtbar. Glauben Sie, dass der Oscar für den Film „Coda“ zur Sichtbarkeit beitragen könnte?
Das ist wirklich ganz toll und unglaublich wichtig. Es ist wunderschön, wenn Filme bekannt werden, die das Familienleben und den Alltag von Gehörlosen sichtbar machen.

Wo wird in Österreich nicht genug auf Gehörlose geachtet?
Ich merke es zum Beispiel beim Fernsehen. Die Untertitel sind zwar okay, aber ich hätte gerne, dass öfters Dolmetscher eingeblendet sind. Ich bin politisch sehr interessiert und würde mir wünschen, dass noch mehr derartige Sendungen gedolmetscht werden. Zurzeit beschäftigt mich der Krieg in der Ukraine sehr – und macht mich traurig. Da würde ich mich gern noch besser informieren können.

Die meisten Österreicherinnen und Österreicher sprechen die Gebärdensprache nicht. Haben Sie immer eine Dolmetscherin dabei?
Am Arbeitsplatz brauche ich keine Dolmetscherin, aber wenn ich zum Arzt gehe oder eine Teambesprechung habe, dann benötige ich jemanden, der übersetzt. Ansonsten schreibt mir mein Chef kleine Arbeitsaufträge auf. Ich kann Deutsch ein bisschen lesen und habe ein paar Arbeitskollegen, die mich dabei unterstützen. Und man muss wissen: Es gibt leider einen Mangel an Dolmetschern. Da bräuchte es mehr Leute.

Wie drücken Sie sich sonst in Situationen aus, in denen Sie keine Dolmetscherin dabei haben?
Wenn jemand etwas von mir braucht, muss man mir das im Handy eintippen. Und wenn ich mir zum Beispiel ein Eis kaufen will, zeige ich einfach darauf. Ein großer Vorteil sind natürlich die Supermärkte – da brauche ich nicht sprechen, da kann ich einfach nehmen, was ich brauche. Aber man muss schon sehr mutig und offen sein, um als Gehörlose in die Öffentlichkeit zu gehen.

Sie sind ja Künstlerin und Goldschmiedin. Ist auch Kunst für Sie eine Art von Sprache?
Mein Traum ist es, mich als Künstlerin durchzusetzen, weil ich mich durch Kunst sehr gut ausdrücken kann. Zusätzlich möchte ich gerne weiter als Goldschmiedin arbeiten.

Haben Sie in manchen Situationen das Gefühl, im Nachteil zu sein?
Nein, eigentlich nicht. Aber manche Dinge verstehe ich nicht. Als Beispiel: Hörende reden so viel über Musik – etwa wenn sie von Hochzeiten erzählen. Aber ich spüre und verstehe nicht, was Musik ist. Und wenn dann jemand sagt: „Tanz mit mir“, schaue ich einfach, was die Hörenden machen und bewege mich frei.

Es wirkt, als hätten Sie kein Problem, verschiedene Ausdrucksformen für sich zu entdecken.
Nein, denn ich bin mutig!