Hinter GitternArbeit im Gefängnis

Was es für Justizwachebeamte und Insassen bedeutet. Ein Besuch in der Justizanstalt Klagenfurt.

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Justizanstalt Klagenfurt
© © Helmut Lunghammer
 

Wir beschäftigen sie, sonst beschäftigen sie uns“, fasst Werkstatt-Leiter Siegfried Wurnig in den verwaisten Hallen zusammen - Mittagspause. Auf den Tischen verteilt stehen bezugsfertige Vogelhäuser wie eine kleine Einfamilienhaussiedlung. Sie werden später online im „Jailshop“ für 82,90 Euro verkauft. Der Slogan hier: „Handwerk, das sitzt“.

Vollzugsleiter Harald Streicher ist schon um einiges länger in der Justizanstalt als der eine oder andere Dauergast. 1984 hat er hier begonnen und schon viele kommen und gehen sehen. Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, hat er sich sein Lachen bewahrt. Getreu seiner Devise: „Nicht nur schlechte Stimmung ist ansteckend, sondern auch gute.“ Wenn er und sein junger Kollege Marco Dohr durch die langen Gänge spazieren und dabei immer wieder ihren Schlüsselbund zücken, Türen sorgfältig auf- und wieder zusperren, tragen sie zwar keine Dienstwaffe bei sich, aber einen Pfefferspray.

Nähe auf Distanz

Wir sind zwar der erste Ansprechpartner und haben auch am meisten mit den Insassen zu tun, wir müssen aber auch vorbereitet sein“, erzählen die beiden beim Rundgang im Gebäude, das Platz für insgesamt 311 Häftlinge bietet, männliche sowie weibliche. In der Justizanstalt Klagenfurt ist man zuständig für Freiheitsstrafen bis zu zweieinhalb Jahren. Deswegen gebe es auch nur selten bis gar nie Angriffe, „diese Zeit wollen viele einfach nur ohne Probleme absitzen“. Beobachten, abwägen, Nähe auf Distanz - so der tägliche Balanceakt für die Beamten.

Streicher, Wurnig und Dohr
Foto © © Helmut Lunghammer
Das Gebäude im Herzen Klagenfurts bildet den „strengen Teil“ des Vollzugs. Wecken 6 Uhr. Frühstück 7 Uhr. Arbeit - wer eine Möglichkeit dazu hat - ab 7.30 Uhr. Mittagspause 12 Uhr. Dazwischen darf man eine Stunde in Gruppen seine ausgetretenen Runden im Innenhof mit den bemalten Wänden und der Stacheldrahteinfassung drehen.

Streitgrund Fernsehprogramm

Nach freiem Aufenthalt im Gebäude geht es um 16 Uhr wieder zurück in den Haftraum, das Abendessen wird dort durch eine Speiseklappe ausgegeben. „Ein Tag kann da schon sehr lange werden. Deswegen streiten sie sich auch sehr oft wegen des Fernsehprogramms“, weiß Justizwachebeamter Marco Dohr, der seit Oktober 2018 Teil des Teams ist. Wenig verwunderlich also, dass sich die Insassen um die anstaltsinternen Jobs reißen - Tätigkeiten, die vorrangig dem Erhalt der Justizanstalt dienen. „Wir haben zwei Küchen, eine Wäscherei, Tischlerei, Schlosserei, eine Kfz-Werkstatt und einen Unternehmerbetrieb“, zählt Streicher auf. Bei Letzterem übernehmen die Insassen einfache Aufgaben, wie Zirkelminen in Behälter einzusortieren oder Tomatenzuchthaken zu biegen.

Neben dem strengen Teil in Klagenfurt gibt es aber auch noch die Außenstelle in Rottenstein. 74 Hektar Land- und Forstwirtschaft mit Rindern, Schweinen, Brillenschafen und Haushund. Hier finden 50 Häftlinge Platz, die sich tagsüber auf dem Gelände frei bewegen dürfen, in der Nacht aber eingeschlossen werden.

"Wir haben keinen Fachkräftemangel"

„Wir haben keinen Fachkräftemangel“, erklärt Harald Streicher bezüglich des weiteren, dritten Standortes, des Freigängerhauses in Grafenstein. Die Insassen arbeiten tagsüber für die freie Wirtschaft, abends müssen sie hierher zurückkehren. Als Lohn erhalten sie die Insassenvergütung, die sich nach dem Kollektivvertrag der Metallarbeiter richtet. Das restliche Gehalt geht an den Staat. „Einmal habe ich einen Ingenieur an den Tunnelbau verliehen, er hat 6000 Euro im Monat verdient“, erzählt Streicher, der nie einen anderen Beruf haben wollte.

Auch wenn Schilderungen wie die Durchleuchtung von Insassen nach dem Freigang für Besucher schon, sagen wir einmal, sehr ungewöhnlich klingen. „In einem Häftling haben wir zwei Handys, zwei Ladegeräte und sechs oder sieben Einwegspritzen gefunden“, so der Oberstleutnant. Aus seiner langjährigen Erfahrung weiß er: „Ein stabiles Zuhause und Erfolgserlebnisse sind das Wichtigste. Sonst biegen sie irgendwann einfach einmal falsch ab und dann landen sie hier bei uns.“