Ein Coup schlägt Wellen. Kulturlandesrat Karlheinz Kornhäusls (ÖVP) handstreichartiger Austausch von 13 Mitgliedern des 15-köpfigen Kulturkuratoriums, das der Landesregierung als zentrale Beratungsinstanz in Sachen Kulturförderung dient, sorgt in der steirischen Kulturlandschaft für beispiellose Verunsicherung. „Niemand versteht, warum das ausgerechnet jetzt in dieser volatilen Situation so schnell passiert ist“, sagt Lidija Krienzer-Radojevic, die als Leiterin der IG Kultur 215 gemeinnützige Kulturvereine der freien steirischen Szene vertritt.
Budgetkürzungen stehen an, und gerade erst hat das Land die mehrjährigen Förderverträge für die Jahre 2026 bis 2028 ausgeschrieben. Die Beurteilung der Ansuchen wird also nicht vor der zweiten Jahreshälfte beschlussreif sein. „Das ist extrem knapp geplant“, findet Krienzer-Radojevic, „und braucht die qualitätsvolle Begutachtung gut eingearbeiteter Leute. Wir sind auch überrascht, dass im Gremium niemand von den regionalen kulturellen Nahversorgern dabei ist, niemand aus der partizipativen, zeitgenössischen Kunst und Kultur, aus der ja 90 Prozent der Anträge kommen.“
Parteinähe im Kulturgremium sorgt für Misstrauen
Auch die Parteinähe der Kuratoriumsmitglieder zu ÖVP und FPÖ sorge in der Szene für Besorgnis und Misstrauen. Umso mehr, als dem langjährigen Wunsch der Freien, die Fördergremien zu entpolitisieren und fachlich breit aufzustellen, ja in der Kulturstrategie 2030 entsprochen werden sollte. „Eine Machtverteilung nach Regierungssitzen entspricht nicht den Zielen der Strategie“, stellt die IG-Leiterin nüchtern fest: „Das ist eine dramatische Enttäuschung.“ Die geht umso tiefer, als an dieser Kulturstrategie 600 Kulturleute aus allen steirischen Regionen drei Jahre lang intensiv gearbeitet haben. Krienzer-Radojevic: „Man hätte ein neues Kuratorium auch aus diesem Fundus besetzen können.“ Viele fürchteten nun um die Vielfalt der Kulturlandschaft, auch aufgrund der stark volkskulturell ausgerichteten Besetzung des Gremiums und des Volkskultur-Schwerpunkts im blauschwarzen Regierungsprogramm. „Es ist, als hätte es die drei Jahre gemeinsamer Arbeit an der Kulturstrategie 2030 nie gegeben“, sagt Krienzer-Radojevic. „Was heißt das für die Zukunft? Auf was können wir uns noch verlassen?“
Sicherheiten gibt es keine, kaum jemand weiß das besser als Edith Draxl. Die Leiterin von uniT wurde nicht nur über Nacht als Kuratoriumsvorsitzende demontiert. Dem von uniT etablierten DramatikerInnenfestival wurden jüngst 57 Prozent der Jahresförderung gekürzt. „Eigentlich müsste ich sofort aufhören“, so Draxl, die trotzdem weitermachen will. Das Festival, immerhin Nährboden gleich dreier Nestroy-Theaterpreise für das beste Stück, soll nicht nach zehn Jahren sang- und klanglos verschwinden, „dann hätte ich umsonst gearbeitet, obwohl ich überzeugt bin, dass da etwas sehr Gutes entstanden ist“, sagt Draxl. „Aber ich muss mich auch fragen: Was kann ich jetzt noch Sinnvolles machen, ohne die Reputation des Festivals zu beschädigen und mich gleichzeitig zu verschulden?“
Solidaritätsbekundungen an Landesrat Kornhäusl gab es für das Festival bisher unter anderem aus Burgtheater, Volkstheater, Reinhardt-Seminar, Theaterakademie Hamburg, Verband der Theaterautor:innen. Ein für heuer geplantes Gastspiel der Münchener Kammerspiele mit einem Stück des Grazer Autors Fiston Mwanza Mujila ist aber jedenfalls in Frage gestellt, detto ein für nächstes Jahr geplantes großes EU-Projekt. Draxl will nun aber um Dreijahresförderung ansuchen – und hat einen Wunsch an das neue Kuratorium: „Mehr Auseinandersetzung mit der Szene und ihren Leistungen.“ Würden auch die mehrjährigen Verträge derart rabiat gekürzt, „weiß ich nicht mehr, wie es für die Szene weitergeht.“ Ihre Überzeugung: „Sich nicht zu wehren, ist ein totaler Irrtum.“
Von den Kürzungen betroffen war jüngst auch die Theaterfabrik Weiz. Erst im Vorjahr wurde das Kollektiv, das mit Kindern und Jugendlichen Theater macht, mit dem renommierten Stella-Preis für die beste Jugendtheaterproduktion ausgezeichnet – und vom Land Steiermark mit dem „Glanzstück“-Preis für exemplarische regionale Kulturarbeit. Jüngst aber hat das Land die Jahresförderung empfindlich um 14,5 Prozent gekürzt. Für Theatermacherin Bea Dermond „eine herbe Enttäuschung und ein echter Einschnitt.“ Auch wenn die Stadt Weiz die Kürzung heuer abpuffert, fürchtet Dermond künftig das Angebot reduzieren zu müssen – trotz intensiver Programmnachfrage: „Unsere Schulkurse bewerben wir gar nicht mehr, weil uns die Kapazitäten fehlen, um sie zu bespielen.“
Nach jahrelangem Kraftakt schmerzt der Rückschlag besonders: „Wir arbeiten mit minimalen Honoraren, vieles passiert ehrenamtlich. Wir sind ausgezeichnet worden. Wie sollen wir noch beweisen, dass wir entsprechend förderungswürdig sind?“, fragt sich Dermond, die sich auch als Angehörige des preisträchtigen Performancekollektivs Rabtaldirndln (u.a. Nestroy-Preis für „Ahnfrauen“) mit neuen Unwägbarkeiten konfrontiert sieht.
Die „Dirndln“, die jüngst ihr 20-Jahr-Jubiläum mit der Produktion „Warum bricht mein Knie gerade jetzt“ begingen, arbeiten mit mehrjährigen Förderungsverträgen. „Da wissen wir jetzt auch nicht, was uns erwartet“, so Dermond. „Wir sind ja eine steirische Truppe, haben uns damals entschlossen, in der Steiermark zu bleiben und nicht nach Wien zu gehen. Wir hoffen, dass uns das jetzt nicht auf den Kopf fällt.“ Nachsatz: „Und dass wir nach so vielen Jahren eine gewisse Absicherung haben, um unsere Arbeit kontinuierlich fortsetzen zu können“.
Wie schnell es anders kommen kann, erlebte soeben das Team des „ausreißer“, der als Wandzeitung, Faltzeitung, Website und Longread-Blog an der Schnittstelle zwischen Kunst, Literatur und Journalismus agiert. Nach 20 Jahren wurde dem Projekt die Jahresförderung des Landes unvermittelt zur Gänze gestrichen, berichtet Chefredakteurin Evelyn Schalk. Dürre Begründung: Das „Erscheinungsbild“ sei nicht mehr „zeitgemäß“. Äußerlichkeiten als Absetzungsargument? Klingt absurd.
Schalk vermutet ohnehin andere Gründe: „Wir stehen für mediale und gesellschaftliche Vielfalt“, sagt sie, „und unsere antirassistische, antisexistische, antifaschistische Haltung ist bekannt. Kann sein, dass die nicht mehr zeitgemäß ist. Aber ich hoffe, dass ich mich irre.“ Die plötzliche Null-Förderung für ein eingeführtes, niederschwelliges Kulturangebot sei jedenfalls auch „ein Angriff auf Presse- und Kunstfreiheit.“ In Reaktion darauf lädt man an den nächsten drei Freitagen jeweils ab 16 Uhr zum „solidarischen Austausch“ ins Grazer Kunsthaus und bittet auf ausreisser.mur.at um 300 „Soli-Jahresabos“ zwecks Aufrechterhaltung des Betriebs. Der Rücklauf? „Wir werden regelrecht überrannt“, freut sich Schalk, aber eine Dauerlösung zeichne sich so nicht ab. Vorerst helfen ein aufrechter Dreijahresvertrag mit der Stadt Graz und die Bundesförderung über die Runden. Der „ausreißer“ hat das Null-Urteil jedenfalls beeinsprucht, damit muss er in der nächsten Kuratoriumssitzung nochmals besprochen werden. Und: Man werde nun auch um die mehrjährige Förderung ansuchen, kündigt Schalk an, „Wir werden sehen, wie sich das mit dem neuen Kuratorium entwickelt.“
Nicht rasend schnell voraussichtlich. Patrick Schnabl, Leiter der Landes-Kulturabteilung, rechnet nach Ausschreibung der Dreijahres-Förderverträge 2026-28 für die freie Szene mit dem Eintreffen von 100 bis 150 Einreichungen bis Mitte März. Die werden vom Kuratorium gesichtet und zur Erstbegutachtung an die Fachexpertinnen und -experten in den Bereichen Bildende Kunst, Theater, Film, Literatur und Musik weitergereicht. Dass die Fachbeiräte nicht ausgetauscht werden, gilt übrigens als ausgemacht. Danach verlangt die Geschäftsordnung die Behandlung der Anträge im Kuratorium und nach der Vergabeentscheidung einen Regierungsbeschluss. Realistisch, so Schnabl, sei das in der ersten Landtagssitzung im September, „danach schicken wir die Vertragsanbote aus. Wer das annimmt, hat ab dann Planungssicherheit.“