Ob in der Religion, Natur oder Mythologie, der Zahl 7 wird eine besondere Bedeutung zugeschrieben. Dem Schriftsteller Christoph Ransmayr hat es offenbar die Zahl 70 angetan. Sein „Atlas eines ängstlichen Mannes“ (2012) war ein Streifzug durch Kontinente, Zeiten und Seelenlandschaften in 70 Episoden. Sein neues Werk heißt „Egal wohin, Baby“, und in diesem Buch versammelt Ransmayr – der heuer übrigens 70 Jahre alt wurde – 70 sogenannte Mikroromane, die er an 70 Schwarz-Weiß-Fotografien, optischen Notizen gleichsam, festmacht. Solcherart wolle er sich der Last der Erinnerung entledigen.
Ein Erinnern und Zurückgehen an den Ort des Geschehens und Entstehens sind freilich auch diese Texte, kaum länger als zwei Seiten, aber so dicht und zwingend, wie wir es von diesem großen Welt- und Wortreisenden gewohnt sind. Und es gibt Vielerlei, dass es zu berichten, nein, erzählen gibt: Schönes, Grausames, Tröstliches, Erstaunliches, Rätselhaftes und scheinbar Nebensächliches, aus dem Ransmayr Bewahrenswertes schält. Sei es der russische Eisbrecher Yamal, auf dem der Erzähler durch das Packeis zum Nordpol furcht, das Elefantenfest in Indien oder die Festung Gaeta in der Nähe Neapels, wo Lorcan die Geschichte von SS-Schergen aufspürt, immer sind es faktenorientierte Beobachtungen, die dann in poetische Prosa gehüllt werden. Entlang der global gestreuten Fotografien baut Lorcan sein komplexes Erinnerungsgerüst auf, denkt und fühlt das Festgehaltene weiter, kommt zu einem Schluss – oder auch nicht. Nicht das Ergebnis zählt, sondern der Weg dorthin.
Lorcan? Ja, sein Name bzw. jener seiner Erzählfigur sei Lorcan, verrät Christoph Ransmayr in seinem Vorwort, das den Titel „Ein Taufschein“ trägt. Denn was gäbe es Triumphaleres, als den verliehenen Namen abzustreifen und sich noch einmal neu zu taufen. Lorcan sei übrigens, so Ransmayr, ein Name aus einem bislang nur aus Kritzeleien bestehenden, noch ungeschriebenen Roman, der den Titel „Swan oder Der Puls der Sterne“ tragen soll.
Bis wir dieses Buch in Händen halten, dürfen wir mit Lorcan in seinen großartigen, von Fernweh und Heimleid getriebenen, Mikroromanen um die Welt reisen. „Egal wohin, Baby“, möchte man ihm fast willenlos zurufen. Der Titel bezieht sich übrigens auf einen Schriftzug, den der Fotograf/Erzähler auf dem Bahnhof in Ingolstadt festgehalten hat. Und so, wie Lorcan von der Amsel das Gehen lernen möchte, geht er, Ransmayr, ohnehin schon durch die Welt und Geschichten, die er darüber erzählt: „Stets bereit, aufzufliegen und doch wie mit dem Boden vernäht.“
Christoph Ransmayr. Egal wohin, Baby. S. Fischer, 256 Seiten, 28,50 Euro.