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Daft PunkZwei Roboter haben Adieu gesagt

Die elektronische Musik wäre ohne Daft Punk nicht ärmer gewesen, sie wäre eine andere geworden. Nun nahmen die Roboter aus Paris ihren Abschied.

Thomas Bangalter, Guy-Manuel de Homem-Christo
Die beiden Roboter nahmen Abschied © Matt Sayles/Invision/AP
 

Gehen zwei Roboter durch die Wüste. Was danach folgt, ist kein Witz, sondern eine berührende Abschiedsszene. Der eine, silberne Roboter bittet den goldfarbenen, seinen Zerstörungsmodus am Rücken zu aktivieren. Der tut ihm den Gefallen. Der silberne Roboter explodiert, der andere geht in den Sonnenuntergang. Darauf folgt das Insert „Daft Punk 1993– 2021“. Mit diesem siebenminütigen Film gab das französische Duo Daft Punk diese Woche seine Trennung nach 28 Jahren bekannt. Der wohl bedeutendste Act, den die elektronische Popmusik und die DJ-Kultur jemals hervorgebracht haben, war damit Geschichte. Es gibt keine Erklärung für das Warum, keinerlei Statement der Band, außer diese Abschiedsszene, die eigentlich ein Ausschnitt aus dem schon 2006 gedrehten Film „Electroma“ ist.

Das Schweigen über die Trennung ist keine Überraschung, die beiden Künstler unter den Roboterhelmen haben sich schon längst von der Öffentlichkeit verabschiedet. Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo setzten exakt zur Jahrtausendwende die Helme auf und nahmen sie öffentlich nie mehr ab. Alle Fotos des Duos ohne Maske stammen aus der Zeit, bevor sie berühmt geworden sind.
Mit dieser Anonymität erfüllten Daft Punk ein altes Ideal der Techno-Szene: Im Gegensatz zur Rock- und Popmusik wollte man im Techno ohne Personenkult auskommen, eine Demokratisierung zwischen DJs und Publikum herbeiführen und eine gewissermaßen „klassenlose“, tanzende Gemeinschaft ohne Hierarchien schaffen, in der allein die Musik, nicht irgendein Star das Wesentliche ist. Das Wort „Ich“ haben Daft Punk bald aus dem Vokabular ihrer seltenen Interviews gestrichen.

Angesichts der Vermarktung von heutigen Star-DJs wie Steve Aoki und David Guetta zeigt sich, wie sehr Daft Punk trotz ihres Erfolgs alten Indie-Idealen verhaftet geblieben sind. Schon bevor sie die Elektronik für sich entdeckten, waren die beiden Pariser Jünglinge tief in die Subkultur verstrickt. Sie spielten unbehauenen Punkrock im Geist von Velvet Underground. Das Genie von Bangalter und Homem-Christo kam aber erst in Erscheinung, nachdem sie sich der DJ-Kultur zuwandten. Ihre diesbezüglichen musikalischen Gehversuche machten sie in ihren früheren Kinderzimmern. Auch das ein Ideal der elektronischen Musik. Man verließ die Profistudios, die man sich ohnehin nicht leisten konnte, und arbeitete unabhängig von der Plattenindustrie daheim an Beats, Sounds und Samples. Das erste der vier Meisterwerke von Daft Punk hieß folglich „Homework“.



Auch am zweiten Album „Discovery“ arbeitete und tüftelte das Duo jahrelang. Und auch dort gelang Daft Punk das, was zum Allerschwierigsten in der Kunst zählt: das Komplizierte einfach wirken zu lassen. Niemals hört man, wie viel Arbeit in dieser Musik steckt. Alles wirkt spontan und wie aus einem Guss, und doch ist es minutiös konstruiert, bis ins kleinste Detail ausgearbeitet. Wenn sie etwa in „Around the World“ ein retardierendes Element einbauen, um die Spannung zu erhöhen, und bei Minute 3:34 die Bassline wieder aufnehmen, ist das ein scheinbar völlig banaler Effekt, aber dramaturgisch so genial eingebettet, dass der Hörer ins Paradies geschickt wird. Unglaublich ist das Raffinement, mit dem sie Sounds sampeln und neu zusammenbauen. Derzeit macht ein Video die Runde, das demonstriert, wie Daft Punk aus wenigen Sekunden Musik das Gerüst für den Welthit „One More Time“ konstruiert haben.


Bangalter und Homem-Christo wurden stilprägend für die French-House-Bewegung und beeinflussten die heute dominante EDM-Musik. Die DNS ihrer Musik ist aus Funk, Soul und klassischer Disco gebaut. Niemals hörte man das deutlicher als in ihrem nunmehr letzten Album „Random Access Memory“, in dem sie die Musik der Siebziger mit der Gegenwart von 2013 förmlich verschmolzen haben und einen überzeitlichen akustischen Raum kreierten. Geniale Roboter.

Nun verlassen sie die Bühne, ihren Kostümen verdanken sie, dass sie anonym bleiben dürfen, wenn sie das möchten. Vielleicht steht man ja an der Ampel neben ihnen und merkt es nicht einmal. In einer Szene von „Electroma“ nimmt der Roboter den Helm ab. Zum Vorschein kommt kein Gesicht, sondern Schaltkreise und Prozessoren. Das Gesicht ist nicht wichtig. Nur die Musik zählt. Und die bleibt.

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